Nach dem Rückflug meiner aktuellen Gäste nach Europa verbrachte ich meine ganze Freizeit in der schillernden Umgebung von La Paz. Ich besuchte das karge Altiplano und die subtropischen Regenwälder der Yungas, wo komplett unterschiedliche Lebensräume aufeinander treffen. Hier erlebte ich all die Schönheiten und Schmerzen des Wanderns. Ich kämpfte mit den Elementen auf einem der abwechslungsreichsten Wanderwege der Inka-Zivilisation, auf dem magischen El Choro. In fast unberührter Natur überwand ich ungefähr 4.000 Höhenmeter und 77 km in zwei Tagen. Und das trotz unerträglich brennenden Schmerzen in den Zehen und unter den Fußsohlen. Die letzten Kilometer schaffte ich ausschließlich nur dank der komfortablen und luftig leichten Sandalen eines polnischen Mitstreiters und der faszinierenden Liveaufnahme des letzten Black Sabbath Konzertes…

Nachdem mein Cousin Barna und sein Bekannter Jakab schweren Herzens Abschied von Bolivien und Peru genommen haben und nach Europa zurückgekehrt sind, blieb ich für eine Zeit in der unmittelbaren Nähe von La Paz. Zahlreiche Wandertouren in der Umgebung beflügelten meine Fantasie. Mein Plan waren mehrtätige Wanderungen mit viel Freude an feuchten und grünen Tälern in der Zone der Yungas zu bestreiten.

Ein 71 km langer Fußmarsch wartete im Nationalpark Cotapata

Bolivien ist eines der populärsten Länder auf der Erde, welches viele Bergsteiger und Wanderer aus aller Welt anzieht. Es gibt einen bestimmten Grund dafür. Bolivien wird im Westen von zwei großen und weit auseinander liegenden Ketten der Anden durchzogen. Vor einigen Jahren lernte ich einige der wunderschönen Wanderwege und Trekkingrouten der Regionen von Huayna Potosi, Condoriri und Sorata kennen. Besonders letzteres habe ich noch bis heute in schönster Erinnerung. Das zwischen der Millionenstadt La Paz und dem Titicacasee liegende Sorata dient als Ausgangsbasis für Wanderer in die Cordilleras, in die Gebirgskette mit der größten Konzentration von vergletscherten Bergen.

Ich bin nicht mehr der passionierte Gipfelstürmer von früher, so habe ich dieses Mal einige der tausend Jahre alten Inkapfade ins Auge gefasst, deren eindrucksvolle Schönheit all die Wanderstrapazen hundertmal wieder wett macht.

Der Abstieg ins neblige Tal von La Cumbre beginnt

Ich hatte die Qual der Wahl. Sowohl in Peru als auch in Bolivien bieten sich für die Wanderliebhaber unzählige Möglichkeiten, zu Fuß einen Teil des alten Straßensystems der Inkas abzugehen.

Die Inkas waren große Straßenbauer, überwiegend mit menschlicher Muskelkraft, ohne Rad und Wagen, ohne Metallwerkzeuge und ohne Zugtiere bauten sie ein über 30.000 km langes, gigantisches Straßennetz, das älteste und fortschrittlichste des präkolumbischen Südamerikas. Die Anden-Hauptstraße Qhapaq Ñan (auch Königsstraße der Anden) ist eine bauliche Meisterleistung, von der bis heute Teilstrecken – mehr oder weniger gut– erhalten sind. Der Qhapaq Ñan wurde von der Unesco vor kurzem zum Weltkulturerbe erklärt.

Lokales Mädchen aus dem Yungas-Tal

Zu welchem Zweck wurden die komplexen Straßensysteme der Inkas angelegt? Die alte Inka-Zivilisation besaß ein ausgeklügeltes System von Kurierpfaden auf dem gesamten Straßennetz durch ihr Reich und lieferte mit Hilfe von Lamas und Alpakas als Transporttiere verschiedene Waren und Lebensmittel aus den Yungas-Tälern mit warmem semihumiden Klima ins Hochland

Die atemberaubende Landschaft am Beginn des ersten Tages

Die inkaische Zivilisation hatte eine komplexe Herausforderung, als sie mehr als 30.000 Kilometer Straßennetz in gut hundert Jahren erbaute, da das alte Wegesystem die unglaublich hohen Gipfel und steilen Berge der Anden überquert hat. Dort bohrten die Inkas verschiedene Tunnel und bauten Viadukte und Hängebrücken, um Täler und Flüsse zu überspannen.

Im Tal nach Chucura unterwegs

La Paz und seine unmittelbare Umgebung locken die Naturliebhaber mit tollen Wanderrouten an. Wegen dem bunten Angebot an reizvollen Wandermöglichkeiten ist es mir schwer gefallen, mich zu entscheiden. Ich entschied mich für den präkolumbischen Inka-Trail El Choro und plante die mehr als siebzig Kilometer mit zwei Übernachtungen in drei Tagen zu bewältigen.

Der Wanderweg beginnt eine Stunde außerhalb von La Paz auf 4.700 m in La Cumbre und endet im tropischen Yungas-Tal. Bis zur halbtropischen Yungas werden mehr als 3.500 m Höhenunterschied überwunden und vom Schnee und Eis auf Höhe des Passes bis zum tropischen Regenwald im Tal fast alle Klima- und Ökozonen Südamerikas durchquert. Die verschiedenen Ökosysteme machen den Nationalpark des El Choros zu einem einzigartigen Gastgeber für eine große Vielfalt an Flora und Fauna.

Chucura ist berühmt für seine einfachen Häuser und für die Tierzucht

Auch diesmal bereitete ich mich ganz gewöhnlich auf die Mehrtagestour vor, kochte für mehrere Tage vor und legte ausrüstungsmäßig sowohl warme als auch kalte Kleidung in meinen Rucksack. Mit einem Micro gelangte ich nach der Morgendämmerung zum Busterminal „Terminal Minasa“ im Stadtteil Villa Fatima von La Paz. Vom Terminal bin ich mit einem Trufi Richtung Coroico abgefahren, um mich ca. 40 Minuten später am höchsten Punkt der Hauptstraße bei der Lagune Estrellani absetzen zu lassen.

Es war noch früh am Morgen, so war es ziemlich kalt und mich erwartete der dichte morgendliche Nebel in La Cumbre. Nicht gerade mit den besten Wetter-Voraussetzungen ging ich das tägliche Pensum bis zum ersten Übernachtungsort in Challapampa an. Ich versuchte, mich in La Cumbre beim örtlichen Parkwächter zu registrieren, hatte aber kein Glück, denn zur frühen Stunde war er noch nicht an seinem Wachhäuschen anwesend.

Die erste längere Rast in Challapampa

Obwohl fast die gesamte El Choro-Strecke bergab führt, musste ich als Erstes 200 Höhenmeter steil bergauf zum Chukura Pass laufen. Eine an mehreren Stellen abschüssige Bergkette führt über mehrere Felsen zu dem gewaltigen Pass, über den hinaus ich wegen des Nebels nur die gewaltige, steile Schlucht, nicht aber die wahre Größe des Berges und seine felsigen, eisigen Gipfel wahrnehmen konnte.

Auf dem Weg zum Pass traf ich auf große Horden von Alpakas und Lamas. Letztere spielten während der Inka-Zivilisation als Transportmittel eine wichtige Rolle. Durch die hohe Anpassungsfähigkeit der Lamas an alle Höhenlagen und durch ihre hohe Leistungsfähigkeit in hochalpinen Gebieten wurden sie oft als Lasttiere verwendet.

Entlang des Grates wandernd erreichte ich nach 45 Minuten Abstieg das Tal und die Spuren einer alten Inkaruine. Ein Wasserfall an der Wand des Chukura zeigte seine imposante Größe. Der morgendliche Nebel lichtete sich und die Sonne tauchte den Horizont langsam in grelles Orange.

Trotz Regen tapfer durchhalten!

Befreit von einer Isolationsschicht ging es am Fluß entlang in Richtung der Ruinen von Yachay Kawsay und Samaña Pampa weiter. Auf einem perfekt gepflasterten Inka-Pfad holte ich zwei Wanderer ein, bei denen sich herausstellte, dass sie aus Polen stammen und sie schon am Vortag zur Wanderung aufgebrochen sind. Die zwei Polen, Paulina und Daniel, übernachteten am Rande der Siedlung von Yachay Kawsay und sind kurz davor zur zweiten Etappe des Trails aufgebrochen. Die beiden waren total überrascht, als ich den Beginn eines historischen Sprichwortes, der sowohl in Polen als auch in Ungarn eine (ungewöhnliche) Freundschaft beider Völker einläutet, zitierte. Es geht um das bekannte Sprichwort „Polak, Węgier, dwa Bratanki…“ Sinngemäß würde das folgendes bedeuten: „Pole und Ungar – zwei gute Freunde….“ Nach dem schnellen Kennenlernen einigten wir uns brüderlich darauf, zusammen in Richtung der Hüttensiedlung von Challapampa weiterzulaufen.

Im Örtchen Achura entrichteten wir einen Wegezoll von zehn Bolivianos als Eintritt in den Nationalpark Cotopata. Wir erfuhren, daß wir im Park seit Tagen die ersten Touristen waren. Keine Überraschung wegen der aktuellen Regenzeit. Bei mildem Wetter folgte ein immer steiler werdender Pflasterweg, der mit der Zeit immer schmäler wurde. Nach ca. 70 Minuten erreichten wir das sympathische Challapampa mit grüner Weide und einem überdachten Rastplatz. Hier fanden wir den richtigen Platz, hielten unsere erste längere Pause und aßen zu Mittag. Im strömenden Regen ruhten wir uns aus und versuchten auch unsere Füße zu erfrischen. Zu diesem Zeitpunkt war ich schon seit mehr als sieben Stunden auf den Beinen, nichtsdestotrotz war es ganz eindeutig, daß ich den Fußmarsch fortsetzen wollte. Der Regen ließ etwas nach, so entschlossen wir uns bis zum Einbruch der Dunkelheit weiterzulaufen und auf einem der kommenden Lagerplätze unser Nachtlager einzurichten.

Auf der pittoresken Farm von Buena Vista

Aufgrund des durchweichten Bodens und eines Anstiegs wartete eine rutschige, schlammige Straße auf uns. Das Wetter blieb weiterhin unbeständig. Meine polnischen Mitstreiter konnten sich mit ihren Trekkingstöcken und deren richtigen Verwendung leicht weiterbewegen. In dem rutschigen und unebenen Gelände folgte ich ihnen etwas vorsichtiger und langsamer. Als wir uns dem Sonnenuntergang näherten, spürten wir den Atem des nahenden Abends. Es war Zeit, uns zu beeilen, dachten wir. Ich ging jetzt auch etwas flotter, so kamen wir zusammen auf dem Lagerplatz von Buena Vista an.

Buena Vista ist eine von einer im Nationalpark ansässigen Familie betriebene Farm, in deren Hof das Zelt für ein paar Bolivianos aufgestellt werden konnte. Auf dem Bauernhof, in richtig kaltem Wasser, konnten wir uns duschen und auch den Staub des Wanderpfades von unserem Körper abwaschen. Wir waren froh festzustellen, dass wir trotz massivem Regen nicht nass geworden sind und richtig schnell auf der Strecke unterwegs waren. Wir erreichten mit Buena Vista ungefähr die Hälfte des El Choro Trails.

Weiter geht es inmitten von subtropischen Bananenpalmen

Im Kopf habe ich schon ein klein wenig weitergeplant. Ich war ziemlich sicher, dass wir am darauffolgenden Tag wieder zusammen marschieren werden und die restlichen vierzig Kilometer bis zum Ende des Tages bewältigen. Es machte mir nichts aus, physisch und psychisch fühlte ich mich sehr gut.

Am nächsten Morgen um acht Uhr waren wir schon auf der Strecke, wir beschlossen noch am Vortag, rechtzeitig zu starten und die lange Marathon-Distanz in einem Zug zu laufen. Unser Frühstück haben wir erst Stunden später auf dem Rastplatz San Francisco II konsumiert, im Regen. Mein Instinkt sagte mir, daß wir diesmal kein Glück mit dem Wetter haben werden. Vielleicht wird es den ganzen Tag regnen mit höchstens wenigen Pausen.

Die Landschaft änderte sich häufig, in den ständig feuchten Nebelwäldern der Yungas, zwischen Bananenpalmen und Zitronenbäumen setzten wir unsere Wanderung im noch strömenden Regen fort, wobei wir mit der konstant hohen Luftfeuchtigkeit zu kämpfen hatten.

Die Vegetation verändert sich von Stunde zur Stunde: nach dem eher kargen ersten Tag wird es immer grüner

Entschädigt wurden wir jedoch mit der Vielfalt der atemberaubend schönen subtropischen Vegetation und dem extrem artenreichen Regenwald. Wir wurden verzaubert von den periodisch entstandenen wasserreichen Wasserfällen. Der steigende Wasserstand der geschwollenen Flüsse hat jedoch viele Probleme verursacht und mein kleines Team fühlte sich ziemlich herausgefordert. Oft mussten wir über die geschwollenen Bäche mit 40-50 cm Wasserstand mit den Wanderstöcken meiner polnischen Mitstreiter balancieren.

Der Regen wollte nicht nachlassen, unsere Kleidung war komplett nass, aber uns störte mehr das Wasser in den Wanderschuhen. Trotz wasserdichter Gore-Tex Membrane waren unsere Schuhe komplett durchnässt. Sowohl Paulina als auch ich hatten das Gefühl, dass unsere Socken komplett nass von innen waren. Ich habe die Socken während der Wanderung getauscht, trotzdem half das gar nichts. Der starke Regen verursachte auf der schmerzenden Sehnenplatte meiner durchnässten Fußsohlen viele Falten.

Eine verdiente Rast bei einem Aussichtspunkt

Körperlich befand ich mich in einer perfekten Verfassung, allerdings spürte ich wegen den Falten starke Schmerzen auf den Fußsohlen und eine totale Beeinträchtigung beim Gehen. Zu dieser Zeit waren wir bei der Siedlung Sandillani ungefähr ein paar Gehstunden vom Endziel Chairo entfernt. Trotz der Schmerzen und des massiven Regens diktierte Paulina ein sehr schnelles Tempo, wir hielten alle drei gut mit und gegen 17 Uhr waren wir am Ziel. Wir legten die kompletten 71 km bis Chairo zurück. Was ich vorher nicht mal in meinen Träumen gedacht habe wurde Wahrheit. Ich schaffte in nur zwei Tagen die gesamte Strecke des berühmten Inka-Trails.

Allerdings ahnte ich bei der Ankunft in Chairo nicht, dass noch weitere sechs Kilometer Fußmarsch auf uns warten werden, doch in der Siedlung wurden wir schnell mit dieser Tatsache konfrontiert. Wegen des Mangels an öffentlichen Verkehrsmitteln gab es nur Privattaxis nach Coroico für lächerlich hohe Summen und so entschieden wir alle drei stolz gegen ein Taxi. Wir bissen unsere Zähne nochmals stark zusammen und liefen auf der Feldstraße in die nächste große Siedlung los. Sechs weitere Kilometer warteten auf uns.

Vor neuen Herausforderungen

Ich wusste, wenn wir in Pacallo ankommen, werden wir problemlos ein Sammeltaxi für ein paar Bolivianos bekommen. Das erneute Spazierengehen fiel mir am schwierigsten. Ich fühlte, dass mein Körper und meine Beine top fit sind, allerdings hatte ich massive Schmerzen in meinen Fußsohlen. Ich musste Daniel’s Angebot, seine Sandalen anzunehmen, akzeptieren. So ging ich, befreit von nassen Wanderschuhen in gemütlichen Sandalen nach Pacallo los.

Der Regen hatte nachgelassen, es tröpfelte nur. Meine Fußsohlen bekamen etwas Luft, nichtsdestotrotz kämpfte ich mit jedem Schritt. Ich fühlte, ich bestieg mehrere Gipfel Südamerikas und trekkte auf verschiedenen Bergen des Kontinents, doch mit solchen Schmerzen und Leiden ging ich nie einen Gipfelangriff an.

Für den letzten Kilometer war ich schon weit von meinen Mitstreitern entfernt, und musste mir etwas einfallen lassen, um die Siedlung von Pacallo zu erreichen. Eine spontane Idee führte zum Erfolg. Mein aufgeladenes Telefon funktionierte noch, so wandte ich mich meiner Lieblingsmusik zu. In meinen Ohren lief das letzte Konzert der englischen Rockband Black Sabbath. Leben kehrte in mich zurück, ich gewann neue Stärke und begann wieder zu laufen. Nachdem ich meine polnischen Mitstreiter eingeholt habe, erreichten wir nach 77 km Fußmarsch beim Einbruch der Dunkelheit zusammen das Dörfchen Pacallo.

Neue Hindernisse kurz vor dem Ziel

Nachdem wir uns etwas ausgeruht haben und uns mit dem Fahrer eines Sammeltaxis über den Fahrpreis geeinigt haben, kamen wir gegen acht Uhr auf dem mit vollem Leben gefüllten Hauptplatz von Coroico an. Hier wurden die Strapazen der Wanderung dann mit einem schmackhaften Abendessen und mit ein paar Dosen Bier belohnt.

Irgendwo in der Ferne sieht man schon die Stadt Coroico

Es blieb uns nichts anderes übrig, als in der Hauptstadt von Yungas nochmals zu zelten, am darauffolgenden Tag ins belebte La Paz zurückzufahren, meine Bergschuhe mit Reis aufzufüllen und nach ein paar Tagen Entspannung schon die nächste Wanderung zu planen…

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