Schon das x-te Mal gelangte ich nach Copacabana, in die malerisch gelegene Hauptstadt des Titicacasees auf der bolivianischen Seite, wo ich herausgefunden habe, warum sich ein bitterer und blutiger Streit zwischen zwei benachbarten Siedlungen auf der Sonneninsel vollzieht. Anstelle der gefährlichen Nordseite der Insel steuerte ich die bei Touristen weniger bekannte, aber dennoch bildhübsche Ortschaft Yampupata an. Teils auf präkolumbischen Pfaden nahm ich die beeindruckende, hügelige Landschaft, welche aufgrund der Höhenlage und der dünnen Luft des Hochlandes eine kräftige Lunge erfordert, in Augenschein.

Nachdem ich mich nach der erfolgreichen Zweitageswanderung von Takesi in der Andenmetropole La Paz wunderbar erholt habe, bereitete ich mich mit neuem Elan auf das nächste Land meiner aktuellen Reise, nämlich auf Peru, vor. Ich habe mir vorgenommen, mehr als zwei Monate im geheimnisvollen Land der Inkas zu verbringen. Ich entschied mich unweit der Grenze, am heiligen Ort der Inka-Zivilisation dem Titicacasee eine Station zu machen, um unbekannte Sehenswürdigkeiten der unmittelbaren Nachbarschaft kennenzulernen.

Herrlicher Weitblick vom Kalvarienberg aus

Der auf über 3.800 m über dem Meeresspiegel in den Zentralanden liegende weltberühmte Titicacasee ist mit einer Fläche von ca. 8.300 Quadratkilometern der bekannteste Hochgebirgssee der Welt und auch Südamerikas größter Süßwassersee. Die maximale Tiefe des Sees beträgt 304 Meter. Damit würden mehrere Mega-Metropolen der Welt zusammen im See versinken können.

Die schneeweiße Kathedrale Copacabanas

Der Sage nach lebten schon Menschen an den Ufern des Heiligen Sees, als der Mond noch nicht am Himmel leuchtete. Laut Legende schuf an diesem Ort die Schöpfergottheit Viracocha aus dem Wasser tauchend die ersten Inkas Manco Cápac und seine Schwester / Frau Mama Ocllo, die über den „titi karka“, den „Puma-Felsen“ der Sonneninsel auf die Erde entstiegen sind, um die Welt zu einen und den Menschen die Kultur zu bringen. Auch am Titicacasee machte Viracocha dann die Sonne, Mond und Sterne.

Verdiente Pause auf meiner Inselerkundungstour im Jahr 2014

Aus den Gewässern entsprangen einundvierzig Heilige Inseln, die größte von ihnen ist die Isla del Sol, welche von Copacabana aus mit Booten regelmäßig angefahren werden kann. Die laut der Inka-Schöpfungsgeschichte als eine mysteriöse Insel bezeichnete Isla del Sol erkundete ich seit 2014 mehrere Male erfolgreich. Ich habe immer vom Wallfahrtsort Copacabana aus ein Boot zum Nordhafen nach Challapampa genommen, um auf einem magischen Wanderpfad die aus dem 15. Jahrhundert stammenden fast 200 magisch anmutenden Inka-Ruinen zu besichtigen. Nach der Wanderung übernachtete ich in den meisten Fällen unweit des Südhafens in Yumani und kehrte am darauffolgenden Tag wieder auf das Festland zurück.

Vor Jahren herrschte noch Frieden und Harmonie auf der Sonneninsel

Die in Trümmern verblassten, aber umso mystischer und geheimnisvoll wirkenden Gedenkstätten habe ich dieses Mal nicht besucht. Nicht nur, weil ich die berühmten Attraktionen der magischen Insel schon früher kennengelernt habe. Es gibt noch einen einfachen und einzigartigen Grund dafür: heutzutage ist die Isla del Sol nicht mehr die Insel des Friedens und der Harmonie. Seit fast eineinhalb Jahren bekriegen sich die zwei nördlich gelegenen und bis vor kurzem miteinander befreundeten, Nachbarsiedlungen Challa und Challapampa mit Fäusten, Steinen, und Dynamit – ein langwieriger Streit um die Indigenenrechte und um das Geld der Touristen. Neben ein paar eingestürzten und abgebrannten Hütten gießt ein ungelöster, mysteriöser und tragischer Mord an einer Koreanerin, die erstochen aufgefunden wurde, weiteres Öl ins Feuer.

Schräge Holzfähre

Im aktuellen Drama geht es um Geld und Eitelkeit. Lokale Wächter bewachen die Pfade und stellen sicher, dass keine Touristen passieren, weder zu Land noch zu Wasser. Vor etwa zwei Jahrzehnten wurde die Isla del Sol zu einem sehr beliebten Touristenziel, die Anzahl der Besucher der geheimnisvollen bolivianischen Insel stieg von Jahr zu Jahr kontinuierlich. Die Touristen erkundeten zwischen unberührter Natur und Anbaufeldern die charmierenden Siedlungen und die von den Inkas erbauten und hinterlassenen Schätze und Tempelanlagen.

Traumhafter Blick bei blauem Himmel und Sonnenschein vom Hausberg Copacabanas aus

Die meisten der Besucher haben in Challapampa übernachtet, strategisch günstig in der Nähe der Inkaruinen im Norden der Insel gelegen. Challapampa ist im Laufe der Jahre ziemlich schnell gewachsen und hat sich sehr entwickelt, die lebendige Siedlung expandierte heftig, man hat viele Hostels und Restaurants gegründet. Ebenso verfügte Challa über ein paar Hostels, die waren aber selten ausgelastet.

In Challa, einer nach Süden ausgerichteten, malerischen Bucht wurde neidisch nach Challapampa geschaut. Die Dorfvorsteher hatten zu dieser Zeit eine kühne Idee. Um den Touristenverkehr zu stimulieren, wurden Häuser entworfen, in denen Touristen ihre Zeit auf der Insel entspannt verbringen konnten. Jedoch wurden die neuen Unterkünfte in unmittelbarer Nähe der Inka-Ruinen, die von Challapampa-Bewohnern verwaltet wurden, ohne Genehmigung gebaut.

Der Kreuzweg auf dem Kalvarienberg

Die illegal gebauten Hütten waren für die Bewohner von Challapampa schnell auffällig, so dass die Bewohner der Siedlung die Behörden aufforderten, den fast fertiggestellten Bau zu stoppen. Nachdem die Behörden bei der Entscheidungsfindung lange zögerten, handelten die Einwohner von Challapampa selbst und zerstörten die, kurz vor der Fertigstellung stehenden zwei Häuser, in wenigen Stunden. Das zog eine bis heute andauernde Debatte und langen Streit zwischen den zwei Nachbarsiedlungen nach sich. Die Einwohner von Challa waren so wütend, dass sie nach einer Dorfversammlung beschlossen, eine Blockade zu errichten, um Schiffe abzufangen und die Touristen, die nach Challapampa gelangen wollten, zurück in den Süden zu schicken.

Copacabanas Hauptstraße Richtung Hafen

Die aufgestellte Blockade war wirkungsvoll. Vierzehn Monate nach der Zerstörung der Häuser gleicht Challapampa jetzt einem Geisterdorf. Immer mehr Hostels bleiben ungenutzt und verlassen und immer mehr Häuser werden zertrümmert. Die Hafenpromenade des verlorenen Dorfes schaut sehr bescheiden und ruhig aus, mit vielen völlig zertrümmerten Häusern und geschlossenen Restaurants und Hostels. Diese sind die Spuren des letzten Gewaltausbruchs. Traurig mit ihrem erbärmlichen Schicksal durchbrachen die Einwohner von Challapampa Anfang Januar 2018 die Barrikaden. Der ernsthafte Interessenkonflikt zwischen den Inselbewohnern und die explosionsartige Atmosphäre eskalierte in einer wahren “Seeschlacht“, als sich die beiden Gruppierungen mit Fäusten und Holzlatten geprügelt haben und die Boote des Gegners mit Steinen und Dynamit beworfen haben, was ein Dutzend Verletzte zur Folge hatte.

Trotz des illegalen Baus, des andauernden Kampfes und der langjährigen Debatte bestehen Challa’s Führer weiterhin auf ihre für richtig empfundene Wahrheit und versuchen zu beweisen, dass die beiden benachbarten Siedlungen zusammen gehören. Aufgrund der langen Geschichte wird behauptet, dass Challa die ältere Siedlung ist. Die Dorfvorsteher von Challa verweisen auf Dokumente des Nationalarchivs in Sucre, die den Standpunkt von Challa belegen sollen. So sollten die vom Tourismus erzielten Einkünfte zwischen den zwei Nachbarsiedlungen aufgeteilt werden. Für den langwierigen Streit könnte der vom charismatischen Staatsoberhaupt Evo Morales geführte bolivianische Staat eine Lösung bieten, allerdings beobachtet die Regierung die komplizierte Angelegenheit von La Paz aus komplett neutral.

Feier lokaler Frauen

Während des seit Jahren andauernden Konflikts zeigte sich Challapampas Bevölkerung wegen der willkürlichen Gewalt und der aktuellen wirtschaftlichen Situation völlig verzweifelt. Wegen der geringen Anzahl von landwirtschaftlichen Nutzflächen lebte die Gemeinde seit vielen Jahren vom Tourismus. In der Erwartung des bevorstehenden Reichtums hat fast jede Familie einen Kredit aufgenommen. Der aktuelle Preis eines neuen Bootes liegt bei umgerechnet über 10.000 Euro und so schulden die Bewohner den einheimischen Banken Unsummen, wodurch deren Mitarbeiter immer öfter an die Türen der Darlehensnehmer klopfen und diesen mit Beschlagnahme ihrer Güter drohen.

Um die aktuelle Situation wissend, entschied ich mich diesmal gegen den Besuch der Sonneninsel. Ich wollte das Land aber nicht ohne Wanderung verlassen, so bin ich ins benachbarte Yampupata gefahren, um zum Großteil am Seeufer entlang einen 17 km langen Fußmarsch nach Copacabana zurückzulegen.

Örtliche Landwirtschaft Richtung Yampupata

Ich hatte nun die Herausforderung, in den frühen Morgenstunden eine Mitfahrgelegenheit zu finden. Schon zur Morgendämmerung befand ich mich auf dem örtlichen Markt, wo ich eine einfache aber um so schmackhaftere Köstlichkeit, nämlich das Buñuelo zum Frühstück, konsumierte. Die kleine, frittierte Flade aus Maniokmehl und Maismehl sollte mir genug Energie für das Überwinden der langen Strecke geben. Leicht habe ich die richtige Kreuzung gefunden, von wo aus die Trufis Richtung Yampupata aufbrechen. Ich wartete aber mindestens eine halbe Stunde vergeblich, denn niemand außer mir wollte in die gleiche Richtung fahren.

– „Erst gegen zehn Uhr wird ein normaler Linienbus kommen, aber ich würde mich freuen, Sie nach Yampupata zu fahren. Würden Sie den Preis für alle Sitze in meinem Sammeltaxi bezahlen,“ meinte der Fahrer, der hoffte mit mir sein Tagesgeschäft zu verdienen.

– „Das kommt nicht in Frage, lieber gehe in mein Quartier zurück und warte dort bis zehn Uhr auf den Bus,“ enttäuschte ich ihn schnell.

Lokal aus Totora-Schilf als Touristenfalle

So sind wir nicht auf einen gemeinsamen Nenner gekommen, aber ich dachte und hoffte, dass ich die Strecke anders und günstig fahren kann. Es kann nämlich nicht sein, dass zwischen Yampupata und Copacabana frühmorgens keine Trufis verkehren, die entweder Personen zum populären lokalen Markt oder Kinder in die Schulen der Großstadt fahren würden. Nach weiteren zehn Minuten wurde ich darauf aufmerksam, dass ein Trufi mit Schulkindern aus der Richtung Yampupatas ankam. Nach einer kurzen und intensiven Verhandlung mit dem Fahrer erhielt ich den richtigen Tarif und wir waren schon zum nördlichen Ende der Nebenstraße unterwegs. Von hier aus wäre der Seeweg zur Sonneninsel am kürzesten, dennoch hatte ich für dieses Mal andere Pläne.

Der Besuch von Yampupata ist nicht wirklich Priorität für die meisten Touristen, die Siedlung ist eher ein kleines verschlafenes Dörfchen hinter den Hügeln an den Ufern des Titicacasees versteckt, wo lokale Bauern und Fischer in etwa gleicher Art und Weise wie vor ca. fünfzig Jahren leben.

Spiele des Himmels: Edition Wolke

Während ich auf dem staubigen Pfad unterwegs war, traf ich auf keine anderen Gringos, in Wahrheit wurde eher ich selbst als eine Touristenattraktion angesehen. Einheimische bewunderten mich von ihren malerisch terrassierten Hängen bzw. von den Fenstern ihrer Lehmhäuser aus. Apropos, terrassierte Hänge. Es war bewundernswert, wie die einheimischen Menschen nach wie vor in beeindruckender Weise den Boden bearbeiten und die Terrassenflächen kultivieren, welche noch durch eine von unserer Kultur komplett verschiedene Zivilisation geschaffen wurden.

Lamahirt unterwegs

Entlang an einsamen Häusern wandernd wurde ich von Hühnern, Hunden, Lamas und örtlichen Landwirten begrüsst. Drumherum befand sich der magische Titicacasee mit seinen saphirblauen Tiefen. Darüber war ein durchaus reiner Himmel gespannt. Während meiner Wanderung traf ich auf Lamahirten, habe uralte Inkaruinen bewundert, erkundete religiöse Schreine in einer Höhle und lief zusätzlich auch ein paar Kilometer auf einem relativ gut erhaltenen präkolumbischen Wegabschnitt.

Präkolumbianischer Pfad unweit des Titicacasees

In der blendenden Mittagssonne hat mich das intensive Mysterium der mit Worten nicht zu beschreibenden Landschaft in jahrhundertweite Ferne geflogen. Morgen mache ich mich auf den Weg nach Puno, um nach einem kurzen Zwischenstopp die weniger bekannten, aber umso interessanteren Inkaruinen von Peru kennenzulernen.

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