Statt acht haben wir sechzehn Stunden dafür gebraucht, die Stadt Uyuni, berühmt für ihre endlosen Salzfelder, zu erreichen. Massive Straßenbarrikaden hielten unseren Bus von der Weiterfahrt ab. Nach einer langen Zeit beim Warten entschieden wir uns dafür, zu Fuß nach Oruro zu laufen, wo unser eigenes Leben auf dem Spiel stand, als wir in einen Bus steigend von wütenden Demonstranten angegriffen wurden. Zum Glück überlebten wir die Attacke ohne eine Verletzung, so konnten wir in Uyuni die Jubiläumsausgabe der bedeutendsten Langstrecken- und Wüstenrallye der Welt, der Dakar genießen.

Trotz am Vormittag erworbener Fahrkarten für den Nachtbus nach Uyuni, begrüßte uns am Abend ein ungewöhnlich leerer Busbahnhof, kaum ein paar Leute warteten auf ihr Transportmittel. Es gab kein Zeichen von der üblich hersschenden Hektik bolivianischer Busbahnhöfe. Im ganzen Gebäude hielten sich nur diejenigen auf, deren Busse aus irgendeinem Grund gestrichen wurden.

Karnevalsstimmung in Uyuni

Ohne jegliche Information standen wir in einer langen Schlange, bis sich herausstellte, daß die Rallye Dakar unsere Pläne komplett zerschlagen hat. Aufgrund der Rennteams, die am besagten Tag La Paz erreichten und durch die Metropole gezogen sind, wurden alle Stadteinfahrten bis zur Morgendämmerung komplett gesperrt.

Um die Initiative zu ergreifen und für meine Weggefährten nach einer baldigen Lösung zu suchen, habe ich gleich vor Ort mit den verschiedenen Gruppierungen, deren Bus auch gestrichen wurde, gesprochen. Es stellte sich bald heraus, daß jede Gruppe schnellstmöglich Uyuni erreichen wollte und bereit war gleich nach der Aufhebung der Straßensperrungen in den Süden des Landes aufzubrechen.

Diesen Wunsch äußerte ich sofort gegenüber der Busgesellschaft, aber der Fall war viel komplizierter als man sich das vorstellen kann. In Bolivien plant und handelt man halt anders. Im Südamerika kann nämlich alles leicht passieren, auch, daß die Polizei, ohne irgendeinen Grund zu nennen, die Straßenblockaden weiterhin aufrecht erhält oder kurzfristig verlängert.

Der Eisenbahnfriedhof Uyuni verkündete schon 2014 stolz: “Bienvenidos, Dakar!”

Bolivien ist das Land der Demonstrationen, Streiks, Massenproteste und Straßensperren. Aufgrund seiner fesselnden, einzigartigen Natur bin ich seit Jahren ein großer Fan von Bolivien und besuche regelmäßig eines der ärmsten Länder Südamerikas. Ich habe oft von öffentlichen Versammlungen, mehrwöchigen Streiks und organisierten Straßenblockaden gehört, aber glücklicherweise habe ich letztere noch nie zuvor persönlich erlebt.

Dieses Mal wurde unser Bus einfach wegen der anstehenden Dakar gestrichen. Als ich in der Früh unsere Fahrkarten erworben habe, hatte ich schon ein schlechtes Gefühl dabei gehabt und erwartete für den Abend Probleme. Nach langer Diskussion habe ich beim Kundenservice der Busgesellschaft unsere Fahrkarten auf den Frühbus am nächsten Tag umbuchen können. Ich habe aber gefühlt, daß das Unternehmen gegenüber mir wieder gelogen hat und die Umbuchung nur zu meiner Beruhigung akzeptierte.

Es blieb uns nichts anderes übrig, als in unser Hotel zurückzukehren und auf den nächsten Tag zu warten. Mit großer Freude schloss sich uns die aus Dresden stammende Anne an, die wir kurz davor an der Busstation kennengelernt haben. Sie wurde auch Opfer der Busgesellschaft und erwarb ihre Fahrkarte erst zwei Stunden vor der geplanten Abfahrt des Nachtbuses. Sie plante auch, in der Nacht nach Uyuni durchzufahren, so buchte sie kein Hostelbett für La Paz, freute sich aber um so mehr, als wir ihr wie wahre Gentlemen unsere Unterstützung angeboten haben und sie einfach in unser Hostel mitnahmen. Wir lernten einander in einer lokalen Kneipe besser kennen und verbrachten den Abend mit Bierkonsum und mit Erzählen lustiger Geschichten unserer aktuellen Reisen.

Ratlose Passagiere. Wie soll es denn weitergehen!?

Was generelle Demonstrationen und Massenproteste betrifft, ist Bolivien bestimmt Weltmeister. Oft folgen einander reguläre, mehrtägige Streiks, welche ganze Großstädte lahmlegen. Viele Straßenproteste habe ich während meinen Reisen in Bolivien erlebt, es stellt sich die Frage: Warum gehen eigentlich die Leute aus vielen Berufen auf die Straße statt zur Arbeit? Warum protestieren die Bolivianer so oft!?

Derzeit demonstriert man offensiv in Bolivien für und gegen die Wiederwahl von Präsident Evo Morales. Vielfach gehen die Generalstreiks mittlerweile einher mit einer Ablehnung der Wiederwahl des ehemaligen Koka-Bauern Morales im kommenden Jahr. Große Demonstrationen sowohl von Anhängern des Präsidenten als auch von seinen Gegnern kennzeichneten die Situation Ende Februar in den großen Städten Boliviens. Erneute Streiks legten große Teile des öffentlichen Lebens lahm. In der Folge gab es vereinzelt Zusammenstöße zwischen den Demonstranten der Movimiento al Socialismo (MAS) und den Morales-Gegnern, die Straßen blockierten. Teilweise hat die Polizei unter Einsatz von Tränengas diese Blockaden aufgelöst.

In anderen gesellschaftlichen Bereichen finden sich auch ständig Probleme. Proteste im Gesundheitswesen, in der Landwirtschaft, an den Universitäten halten oft lange an, Betriebsräte rufen wöchentlich zu Generalstreiks auf. Die Blockaden verschiedener Organisationen legen den Verkehr ständig lahm. Soziale und politische Spannungen verursachen oft spontane Streiks, so sind Aufstände, Massendemonstrationen und Straßenblockaden jederzeit möglich.

Wir haben uns auf all das eingestellt und erschienen am nächsten Tag wieder am Terminal Terrestre von La Paz, wo uns keine Überraschung erwartete. Unser Bus wurde wieder gestrichen und das Unternehmen bot uns eine Nachtfahrt an. Wir haben schon damit gerechnet, nahmen das Angebot nicht an, haben unser Geld zurückerstattet bekommen, und wandten uns dem Plan B zu: Zuerst im ca. drei Stunden entfernten Oruro anzukommen und dann möglichst schnell mit einem der vielen Busse nach Uyuni weiterzureisen. Wir stellten uns schnell auf Plan B ein, sollte alles gut laufen, wären wir vor Sonnenuntergang in der Hauptstadt der weltgrößten Salzwüste.

Auf dem Plateau eines LKW’s kommen wir voran

Alles lief wie geplant, wir waren anderthalb Stunden lang flott Richtung Oruro unterwegs, dann blieb der Bus aber auf einmal stehen und wartete. Der Bus bewegte sich lange Zeit keinen Millimeter, es staute kilometerlang, vor uns und hinter uns tummelte eine Vielzahl von Autos. Es verbreitete sich schnell, daß ein Generalstreik der angestellten Ärzte die großen Städte und den Verkehr des Landes während des gesamten Wochenendes komplett lahmlegen wird. Die Straßensperren folgen einander alle 15 km und verursachen ein riesiges Verkehrschaos. Das heisst, man kommt irgendwann bei einer Straßenabsperrung durch und es wartet auf einen mindestens drei-vier weitere Blockaden, ohne Schleichwege, bis Oruro. Keine tollen Aussichten, ehrlich gesagt. So mussten wir mangels alternativer Reisenalternativen geduldig warten, bis sich die Situation wieder normalisierte.

Meine Weggefährten haben den Bus oft verlassen, um wegen der aktuellen Lage zu schauen, aber leider haben sie nur enttäuschendes gehört. Die aktuellen Neuigkeiten hießen, daß die Demonstranten ihre Stelle nicht aufgeben würden, sie würden durchhalten und die enormen Proteste wären bis zum nächsten Tag fortgesetzt.

Es sind Stunden vergangen, bis wir schließlich ein wenig Erleichterung spürten, unser Bus machte sich nämlich auf den Weg zu unserem wahren Ziel. Unsere Freude hielt maximal zehn Minuten lang, die nächste vollständige Straßensperre erreichte uns. Lokale Taxifahrer und Kleinbusfahrer blockierten die Straße erneut und sie wollten sich auch nicht zurückziehen…

Es war eine weitere Stunde vergangen, als ich mit meinen Weggefährten die Entscheidung getroffen habe, daß wir nach etwas Essen und Trinken schauen sollten. Es kann nämlich sein, dass wir wegen den Protesten die Nacht an der Autobahn verbringen werden… Wir hatten den Plan kaum ausgesprochen, schon sind einige einfallsreiche Einheimische mit ihren Ständen aufgetaucht. Wegen der häufigen Streiks wissen sie ganz genau, was die hungrigen und durstigen Fernreisenden brauchen…

Jakab genießt die außergewöhnliche Reise

Unser Bus hat sich keinen Millimeter bewegt, wir waren auf der Autobahn eingeschlossen. Ich fragte mich, wie lange der Stau sein würde und begann bis zur Blockade nach vorne zu laufen, wo die Kleinbusse und Taxis den Weg komplett blockierten. Wir hatten keine Chance, weiter zu fahren.

Wegen ein paar sehr mutigen Frauen wurde die Lage kurz darauf extrem dramatisch. Einige von ihnen waren wegen der langen Warterei frustriert und unzufrieden gewesen, so versuchten sie, die blockierenden Autos hin- und her zu bewegen, um diese wegzuschieben. Dazu holten sie ganz laut Unterstützung von den anderen im Stau gestrandeten Frauen.

Ihre Tat kam nicht wirklich gut auf der Seite der Taxifahrer an, fast brach eine Schlägerei zwischen den Männern und den Frauen aus. Es war höchste Zeit, mich zurückzuziehen, denn wer wusste schon, ob jemand eine Waffe mitgeführt hatte. Meine eigene Sicherheit ist mir da viel wichtiger. Zum Bus zurückkehrend konnten die tapferen Frauen einen Sieg feiern, so durfte eine bestimmte Anzahl von Fahrzeugen den versiegelten Straßenabschnitt passieren. Endlich durften wir unsere Reise fortsetzen. Aber nur bis zur nächsten Straßenblockade…

Es scheint so, als würde niemand in Oruro von den Straßenblockaden wissen

Zu dieser Zeit waren wir etwa zwanzig Kilometer von Oruro entfernt gewesen, mit dem Bus würden wir für die Reststrecke maximal zwanzig Minuten gebrauchen, aber wegen der erneuten Straßenabsperrung konnten wir nicht mal ungefähr abschätzen, wann wir in die Stadt gelangen würden.

Zu unserem großen Glück begannen einige erfinderische Bolivianer auf der anderen Seite der Blockade Transporte zu organisieren. Die aktuellen Neuigkeiten meldeten, daß Minibusse und LKW’s auf die festsitzenden Passagiere warten würden. Im Gespräch mit meinen Weggefährten beschlossen wir einstimmig, daß wir nicht länger warten würden, sondern die verbleibende Reststrecke laufen würden. Sollten wir Glück haben, taucht jemand auf und nimmt uns mit, wenn eventuell nicht, dann würden wir – zu Fuß – spätabends in Oruro ankommen.

Rucksäcke auf, es geht zu Fuß weiter!

Wir nahmen unsere Rucksäcke, verließen unseren Bus, und begannen mit ein paar anderen die ca. zwanzig Kilometer lange Strecke bis nach Oruro zu laufen. Es dauerte noch ziemlich lange, bis wir die aktuelle Straßensperre erreichten, aber auf der anderen Seite ankommend fanden wir wirklich einen Lastwagen vor, dessen Fahrer sich bereit dafür erklärt hatte, uns für ein paar Bolivianos zur letzten Blockade, acht Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, zu transportieren.

Dort am Straßenrand bildeten sich schon größere Ansammlungen von Menschen, die auf eine weitere Transportmöglichkeit warteten, welche bald in Form eines Minibusses eintraf. Zu dieser Zeit lernten wir die anderen Mitglieder unserer neu formierten Gruppe kennen, die mit uns zusammen gelaufen sind: vier BolivianerInnen und zwei Amerikaner, von denen die meisten auch nach Uyuni fahren wollten.

Die Situation wurde folglich extrem angespannt und eskalierte, als wir mit unserem Kleinbus losfahren wollten. Einige der Taxifahrer, die die Straße blockiert haben, sind darauf aufmerksam geworden, daß wir mit dem Kleinbus “flüchteten”. So haben diese wütenden Personen unser Fahrzeug buchstäblich gestürmt und es mit Steinen beworfen. Die ganze Aktion mündete schnell in einen Akt extremer Gewalt, bei der die Demonstranten den Bus auch mit Händen und Füßen getreten haben.

Glücklicherweise zerbrachen die Steine ​​keine Glasfenster vom Bus, alles passierte so schnell, dass wir nur den Riss hörten. Unser Fahrzeug hat schnell beschleunigt, wir haben die wütenden Demonstranten weit hinter uns gelassen und sind wieder etwas vorangekommen.

Spezielles Wettkampffahrzeug

Die restlichen fünf oder sechs Kilometer sind wir zu Fuß gelaufen, wir haben eine weitere Straßenblockade beim Kreisverkehr zur Stadt gesehen. Diese konnten wir problemlos umgehen und so erreichten wir schlussendlich anstatt um elf Uhr vormittags, erst um sechzehn Uhr nachmittags den Busbahnhof von Oruro.

Wir waren aber wieder viel entspannter, den ersten, mit vielen Abenteuern gefüllten Teil unserer langen Reise endlich hinter uns zu haben. Wir hatten an der Busstation großes Glück, im Handumdrehen fand ich einen Bus nach Uyuni, kaufte für alle die Fahrkarten und holte die Gruppe ab. Wir wollten es gar nicht glauben, aber ohne weitere Aufregung ging die fünfstundige Abendfahrt zur Hauptstadt der Salzwüste, nach Uyuni, los.

Wir waren froh in Uyuni angekommen zu sein, aber waren dazu gezwungen, das Wochenende in der in der Regel fast verlassenen Stadt zu verbringen, welche aufgrund der Rallye Dakar für ein paar Tage zu einer großen Ansammlung von Hunderttausenden Besuchern wuchs und mit einem richtigen Volksfest und Bühnen im Freien, die Touristenhorden und die Rennteams erwartete.

Trucks bei der Rallye Dakar

Für die Zeit der Rallye in der Salzwüste erhielten die lokalen Agenturen keine Erlaubnis, mit ihren Jeeps Touren anzugehen, so verweilten wir im sonst langweiligen Uyuni und wurden Teil der Dakar, des größten Abenteuers im weltweiten Rallye-Sport. Das berühmteste Offroad-Rennen der Welt findet seit 2009 in Südamerika statt und brachte seine Fahrer und Fans das fünfte Mal zur “Wüstenshow” nach Bolivien, wo die längste “Special Section”-Etappe 498 Kilometer lang auf mehr als 3.500 Meter Seehöhe führte.

Die Quads sind seit 2009 Teil der Rallye Dakar

An dem Wochenende in der Salzwüste haben wir ganz wertvolle und interessante Einblicke in die Rallye Dakar gewonnen, wir beobachteten mit großem Interesse die durch die Stadt ziehende Rennfahrzeuge, seien es Quads, Motorräder, Trucks oder spezielle Wettkampffahrzeuge. Nichts desto trotz freuen sich meine Weggefährten um so mehr auf den baldigen Start unserer neuen Abenteuer zum wahren Naturwunder des Landes, zur Salzwüste. Während der magischen Mehrtagestour auf 3.600 bis 5.000 Metern warten auf uns viele in der Höhenlage befindliche Lagunen, spezielle Felsenformationen, Flamingos und Geysire…

Wenn Dir meine Abenteuer gefallen und Du auch gerne mal so eine Reise erleben würdest, dann schau mal hier vorbei.

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