Im Laufe des Abenteuers Bolivien habe ich wieder mal einen gut erhaltenen präkolumbianischen Pfad fernab der dichtbesiedelten Zivilisation von La Paz bewältigt. Dieses Mal durchquerte ich bei einer Zweitageswanderung den unter Reisenden noch weniger bekannten Takesi Trek, ein absolutes Highlight in den Anden. Es war mit Sicherheit ein echtes Wander-Abenteuer und eine einzigartige Erfahrung, die ich so schnell nicht vergessen werde. Den wahren Reiz und den ganz besonderen Kick der 40 km langen wildromantischen und idyllischen Wanderung machten der Gipfelsturm bei Unwetter, der ständige Wechsel der Vegetation und der Klimazonen bzw. das weitgehend unberührte Anden-Hochland der Königskordilleren und die zauberhafte subtropische Yungas aus. Die Schönheit dieser abwechslungsreichen und bezaubernden Regionen hat mich wieder total fasziniert, ich entdeckte wahre Naturperlen in spektakulären Traumlandschaften.

Nachdem ich eine längere Tagestour auf den steilen Serpentinen der Todesstraße absolviert habe, gönnte ich mir ein paar Erholungstage in La Paz. Dennoch plante ich schon am zweiten Tag nach dem Besuch der Death Road meine nächste, etwas längere Bergtour in den blühenden Yungas und deren Ausläufern.

Lama in weitgehend vegetationsloser Berglandschaft

Dieses Mal entschied ich mich für einen abwechslungsreichen uralten Inka-Pfad, auf dem ich mehrere Tage lang sowohl im tropischen Regenwald als auch in der Bergkette der Cordilleras unterwegs sein konnte. In der Nacht hatte ich vor im Freien zu zelten. Ich liebe Campen in jeglicher Form. Es ist einfach so toll, alleine irgendwo im Nirgendwo Dein Zelt aufzubauen, wo nur Du bist, und niemand sonst.

Der in den Ausläufern der Anden beginnende 40 km lange Takesi-Trail war eine der wichtigsten Handelsrouten präkolumbischer Kulturen, welche das kalte und raue Altiplano-Plateau mit dem subtropischen Bergnebelwald der immergrünen Yungas verbindet. Takesi ist ein wahres präkolumbisches Meisterwerk, zweifellos der besterhaltene Inka-Pfad der Region und ein Beweis für die beachtliche Arbeit zeitgenössischer Architekten. Im kleinen staubigen Dorf Ventilla beginnend, kann man innerhalb von zwei Tagen einen Großteil der bolivianischen Klima- und Vegetationszonen durchwandern. Wegpflasterungen, Wasserkanäle und weitere bauliche Meisterwerke der Inkas warten am Wegesrand.

In den früheren Zeiten verwendeten die Inkas den Takesi-Pfad nicht nur als wichtigsten Knotenpunkt der Kommunikation und der Verkehrsverbindung, die alte Inkastraße diente mit ihren stabilen Stützmauern und Kanälen auch als Schutz vor Unwettern und Stürmen. Um den guten Zustand der Straße zu erhalten, mussten einfache, doppelte und oft dreifache Faltwände gebaut werden. In einigen Fällen sind diese Stützmauern auf beiden Seiten des Hügels errichtet worden, um Erdrutsche zu vermeiden und das gerade Niveau des Pfades zu erhalten. Der alte Inka-Pfad wird auch heute noch von den Landbewohnern genutzt.

Wunderschöne alte Inka-Straße

Ich plante einen zweitägigen Zeltausflug, so erfolgte die Vorbereitung ganz ähnlich dem Besuch des El-Choro-Trails eine Woche zuvor. Wieder bereitete ich die Mahlzeiten komplett im Voraus vor, absorbierte mit aller Sorgfalt die Nässe aus meinen Schuhen und trocknete auch mein Zelt, welches eine Woche zuvor ein paar heftige, aber nicht zerstörerische Regenfälle erlitten hatte.

Der übliche Startpunkt von Takesi liegt, abhängig von der Verkehrsmenge und der Straßenqualität, ca. zwei Stunden von La Paz entfernt, in der Siedlung Ventilla. Wieder mal ohne BegleiterIn für das Weitwandern näherte ich mich dem kleinen Dorf anstelle eines Taxis mit einem gewöhnlichen Colectivo.

Kurz nach Sonnenaufgang war ich auf den Füßen, schon um sechs Uhr schlängelte ich mich durch die Straßen von La Paz, um die richtige Straßenecke im gigantischen Mercado Rodriguez zu finden, von wo aus die Kleinbusse nach Ventilla abfahren.

Für die meisten Neulinge in Bolivien mag es etwas ungewöhnlich sein, aber nicht alle Fernbusse und Trufis fahren vom gleichen Terminal ab, sondern starten aus vielen verschiedenen Ecken und Kreuzungen der pulsierenden, chaotischen Metropole. Zur allgemeinen Verwirrung kommt noch dazu, daß es keine bestimmten Abfahrtszeiten gibt, die Sammeltransporte fahren erst los, wenn die Colectivos einigermaßen voll sind.

Vegetationsreicher, gepflasterter Wanderpfad

Für viele Einsteiger stellt das unüberschaubare System der Colectivos eine komplizierte, kaum lösbare Herausforderung dar. Ich bin zum Glück schon lange in Süd-Amerika auf Reisen, so habe ich gar keine Mühe mit solchen Challenges. Ich fand die richtige Kreuzung für meinen Kleinbus so leicht und schnell, als wenn ich zu Hause tagtäglich zum Supermarkt laufen würde, um mein klassisches Frühstück, eine Combo aus Milch, Haferflocken und Obst zu besorgen.

Mit bolivianischen Augen betrachtet, hätten wir insgesamt bestimmt sechszehn Passagiere gebraucht, um den ramponierten Kleinbus zu füllen. Wir warteten eine gute dreiviertel Stunde, bis dahin haben sich zwei weitere Personen zu mir gesellt. Während der Wartezeit im Van beobachtete ich, wie der örtliche Bäcker seine Ware frühmorgens verteilte. Nachdem ich frische Backwaren besorgt habe und auch der Fahrer gemütlich gefrühstückt hat, übersiedelten wir auf mein vehementes Drängen hin in ein kleines völlig runtergekommenes Trufi und los ging es nach Ventilla!

Ventilla ist ein staubiges Dorf auf 3.200 Metern über dem Meeresspiegel an der Grenze zum Nichts. So habe ich mich eigentlich schon Tage vor meiner Wanderung damit abgefunden, daß ich den langweiligen 2-3 Stunden dauernden Aufstieg bis zur Siedlung von Choquecota in voller Montur laufen muss.

Die Siedlung von Choquecota auf 3.900 m

Aber ich lag komplett falsch und war ganz schnell positiv überrascht, als ich nach ein paar Minuten Wartezeit einen alten, schmuddeligen Kleinbus anhalten konnte, den einzigen Van, der zwischen Ventilla und Choquecota tagtäglich verkehrt.

Der nette Fahrer hat mich für ein paar Bolivianos bis zum Zentrum der auf 3.900 m liegenden Siedlung mitgenommen, so sparte ich mindestens zwei Stunden Fußmarsch auf der leicht ansteigenden, recht staubigen, steinigen Straße. Nach der Ankunft im etwas größeren Dorf Choquecota bot mir der überaus sympathische Fahrer sogar eine weitere Fahrt bis ins tiefe Tal an, allerdings für eine höhere Summe. Ich lehnte dankend ab, da ich nämlich, trotz seines freundlichen Angebots, endlich mal beginnen wollte zu laufen.

Altiplano-Hochebene an der Grenze Choquecotas

In Choquecota, dem Flussverlauf folgend, marschierte ich los. Karges Hochland, weitgehend vegetationslose Berglandschaft und viele Lamas mit sanfter, geheimnisvoller Ausstrahlung hießen mich willkommen. Die anfängliche flache Schotterpiste tat mir gut. Ohne große Anstrengung konnte ich mich schön auf meinen Rhythmus konzentrieren. Trotz des schweren Rucksacks bewegte ich mich in zügigem Tempo voran.

Im Vergleich mit der Andenmetropole La Paz – eine der höchstgelegenen Städte der Welt – befand ich mich auf der Strecke des Takesi-Trails, ein paar hundert Meter höher, auf einer Höhenlage von knapp unter 4.000 m. Nichtsdestotrotz hatte ich trotz zunehmender Höhe und dünnerer Luft keine Atemnot.

Gipfelsturm, los geht’s auf den Apacheta-Pass!

Von hier aus ging ich den komplexen, herausfordernden Anstieg zum 4.700 Meter hohen Gebirgspass Abra Apacheta Takesi an. Im Gegensatz zum El-Choro-Trek, wo der größte Anstieg des gesamten Trails nur wenige hundert Meter betrug, musste man auf dem Takesi gleich in den ersten Stunden eine schwere, schweißtreibende Querung von ca. 800 Meter bewältigen. Bei diesem Anstieg war meine volle Aufmerksamkeit gefordert, jeder Schritt musste bedacht und konzentriert gesetzt sein. Es war nicht möglich, das Gewicht des beladenen Rucksacks zu lockern, es hieß stets konzentriert und aufmerksam bleiben. Je höher ich aufstieg, desto notwendiger wurde es, die ganze Aufmerksamkeit auf die eigenen Füße zu richten.

Die erwarteten Stürme und Gewitter der Höhenlage haben mich aber voll getroffen. Ich hörte den klopfenden Regen auf meiner Regenjacke und schlitterte die schlammige Rutschbahn entlang. Nachdem ich an den Überresten der Mine San Francisco vorbeiging, erblickte ich den mächtigen 5.869 Meter hohen Nevado Mururata mit seinen schneebedeckten Gipfeln.

Das tiefe Tal des Altiplanos – im Hintergrund taucht der 5.689 m hohe Gipfel des Nevado Mururata auf

Auf einem gepflasterten Pfad am Berghang entlang wandernd, stieg ich höher und höher und entdeckte zahlreiche Überreste der in der Inka-Ära erbauten Entwässerungsrinnen und übriggebliebener Wandabschnitte. Ab ca. 4.400 Metern wurde der Anstieg noch spannender und technisch komplizierter.

An den steilen Hängen verlangsamte ich mich und legte kurze Pausen ein. Zum Glück näherte sich der Aufstieg bereits dem Ziel und bewegte sich im Zickzackkurs, damit wurde der schroffe Aufstieg um einiges erleichtert.

Die meteorologischen Bedingungen änderten sich rasch und ich spürte, dass die Luft in Sekundenschnelle kühler wurde. Im unangenehmen Klima war eine extra Bekleidungsschicht erforderlich, da am Berghang des Apacheta der Schnee schon leise rieselte. Trotz harten Wetters genoß ich den Fußmarsch, die abwechslungsreiche Anden-Hochland-Landschaft ließ mir das Herz leicht werden und erfrischte mich.

Typisches Steinhaus auf 3.800 Metern

Bald tauchte der überhängende, wolkenverhangene Gebirgspass Apacheta vor mir auf, das Gipfelkreuz schien in unmittelbarer Reichweite, aber der letzte steinige Anstieg war sehr steil, auch der massive Schneefall erwischte mich. Inzwischen waren meine Beine schon etwas schwerer, die letzte Etappe fühlte sich sehr lang an. Die dünne Höhenluft und der felsige Pfad verlangsamten mich, aber als ich oben anlangte, fühlte ich meine volle Zufriedenheit. Wieder gelang mir ein erfolgreicher Gipfelsturm, ich bezwang den anspruchsvollen Gebirgspass und gelangte zum extravaganten Gipfelkreuz.

Gipfelkreuz auf 4.700 m

Vom Apacheta aus konnte man den Weg in Richtung Südwesten, die traumhaften tiefen Täler und den 5.500 Meter hohen schneebedeckten Gipfel des Takesi mit seinen alten Gletschern beobachten. Nach einer verdienten Pause und einem schnellen Energieschub begann für mich der langsame Abstieg.

Der hinterhältige graue Nebel hatte sich bereits in den Bergen niedergelassen, die Wolken hingen fast am Boden, und die Sicht war begrenzt. Entlang alter Steinhäuser der Minenarbeiter erreichte ich im ungewöhnlich dichten, milchigen Nebel das raue Tal mit lebendigen, tiefen Bächen und den nächsten Abschnitt des in nahezu perfektem Zustand befindlichen gepflasterten Inka-Pfades.

Das zwischen Ventilla und dem Apacheta grau glühende einsame Hochplateau wurde durch eine unberührte, üppige Vegetation ersetzt. Viele wasserreiche Flüße, eine ursprüngliche Gletscherlagune und saftig grüne, hügelige Weiden mit zahlreichen Wasserfällen schmückten die bunt gewordene Traumlandschaft.

Die meteorologischen Bedingungen änderten sich wieder rasch, der Schneefall wurde plötzlich zum nebligen Regen, und nachdem der Regen abgeklungen war, blieb der schleimige Nebel bestehen.

Zerstörtes Felsenhaus in der Nähe von Takesi

Das winzige Dorf Takesi, mit einem Dutzend aus Steinen und Lehmmörtel gebauten einfachen Häusern, liegt 3.780 Meter über dem Meeresspiegel in einem stimmungsvollen engen Tal, umgeben von beeindruckenden alpinähnlichen Berggipfeln. Die Menschen hier leben in einfachsten Verhältnissen und betreiben Viehwirtschaft. Das üppige Tal diente als idealer Ort für eine kurze Erfrischung, so verzehrte ich mein redlich verdientes Mittagessen zwischen Schafherden und Lamahorden in friedlicher Ruhe in atemberaubender Natur.

Das Flusstal verlassend wechselten sowohl die Landschaftsformen, als auch die Vegetation. Die Natur wurde üppiger und grüner – kein Vergleich mehr zur abgelegenen, kargen Landschaft des Hochplateaus. Es war später Nachmittag, dennoch dauerte es noch ein paar Stunden bis zum bevorstehenden Sonnenuntergang. So beschloss ich meine Wanderung fortzusetzen, nach Kacapi zu gelangen, um dort zu übernachten. Lange Zeit marschierte ich im tiefen tropischen Regenwald und kurz vor dem Sonnenuntergang traf ich im Refugio „Las Rosas de Don Pedro“ ein.

Zeltübernachtung in Don Pedros Garten

In der sympathischen Unterkunft habe ich als Erstes mein Zelt aufgestellt, aß während des herrlichen Sonnenuntergangs Abend und sah die Sonne hinter den Bäumen untergehen. Danach verbrachte ich Stunden damit, mit meinen liebevollen Gastgebern über den erbitterten Kampf zwischen lokalen Übernachtungsanbietern und den Reiseagenturen aus La Paz zu diskutieren. Nach dem langen Gespräch kamen wir zu keiner langfristigen Lösung, vielleicht beim nächsten Mal.

Am nächsten Morgen wachte ich zeitig auf und verließ ohne Frühstück das Refugio. Laut Don Pedros Familie würde ich in ca. vier bis fünf Stunden Yanacachi, das Endziel des Treks, ansteuern. Im Vergleich zum Vortag hat sich die Temperatur erhöht und im immer heftiger gewordenen Regen bin ich absichtlich schneller gegangen, so dass ich schnellstmöglich den Abstieg hinter mich bekomme und bald auch das beschauliche Yanacachi erreiche.

Von diesem Punkt an war die bis dahin spannende subtropische Vegetation weniger interessant, ich fühlte, es ist wichtiger, während des Abstiegs nicht total naß zu werden bzw. an den vielen extrem rutschigen Stellen nicht auszugleiten.

Ohne große Schwierigkeiten gelangte ich in die unmittelbare Nähe von Chojlla, die durch die örtliche Mine bekannte graue Ortschaft. Auf der breiten Piste erreichte ich das frühere Kolonialstädtchen Yanacachi, auf einem Bergrücken zwischen zwei Flüssen gelegen.

Chojlla’s alte Mine

Ich kam um die Mittagszeit herum an, so war ich froh, eine leckere, schmackhafte Suppe und ein deftiges Hauptgericht in einem lokalen Restaurant zu konsumieren, um kurz darauf mit einem Colectivo zum bekannten Busterminal von Villa Fatima, einem Vorort von La Paz zurückzukehren.

Mit der gelungenen Absolvierung des Inka-Trails Takesi sammelte ich wieder einmal eine außergewöhnlich fantastische Erfahrung in Bolivien. Es folgen jetzt ein paar gut verdiente Ruhetage bevor ich Richtung Peru aufbreche. Vor meinen neuen Abenteuern im Land der Inkas möchte ich noch einen Halt am Titicacasee einlegen, wo ich mit einer erneut ungewöhnlichen Wanderung meinen Bolivien Aufenthalt würdevoll abschliessen will.

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