Nachdem ich Brasilien verlassen hatte, erreichte ich La Paz für eine kurze Akklimatisierung, um kurz darauf in den Sajama Nationalpark weiterzufahren – ein Traum schon seit mehreren Jahren! Aus dem Traum wurde Wirklichkeit. Ich musste aber auf dem Weg dorthin eine Reihe kultureller Schocks überstehen. Ich habe in Curahuari eine der ältesten Steinkirchen Bolivien’s besucht und gelangte über Patacamaya in den allerersten Nationalpark Boliviens. Ab geht’s zum absoluten landschaftlichen Höhepunkt Boliviens, zum imposanten Sajama, wo es neben dem vielfältigen Altiplano Vikuna- und Lamaherden zu beobachten gibt.

Meine Reise durch Brasilien dauerte fast drei Monate, São Paulo wurde zum letzten Zwischenstopp meines Abenteuers. Ich erreichte die XXL-Metropole nach sechs Stunden mit dem Bus aus Paraty. Die meisten Inlandsbusse verkehren zum Busbahnhof Tietê, dessen Terminal an das UBahn-Netz angeschlossen ist.

Pompöse Kirche inmitten des Altiplanos

Ich kenne die Stadt von São Paulo und den lokalen Verkehr schon ziemlich gut, da ich im Jahr 2015 eine Zeit lang hier gelebt habe, um die portugiesische Sprache zu erlernen. Zu dieser Zeit habe ich bei meinen brasilianischen Verwandten gelebt und so freute ich mich enorm, sie wieder zu sehen und mit ihnen meinen letzten brasilianischen Abend zu verbringen, bevor es weiter nach Bolivien ging. Es war schön, alle Verwandten wieder zu treffen, die Ereignisse der letzten zwei Jahre zu besprechen, gemütlich und lecker zu essen und viel zu lachen.

Am nächsten Tag reiste ich von der U-Bahn-Station Barra Funda zum Internationalen Flughafen von São Paulo, nach Guarulhos. Ich war schockiert festzustellen, dass der Buspreis seit 2015 um 50% gestiegen ist. Ich denke wegen den kurz bevorstehenden Weihnachten und der aktuellen Hauptsaison für die brasilianischen Ferien hat man den Buspreis derartig erhöht.

Die “Sixtinische Kapelle der Anden”

Nach 2015 war ich wieder mal nach Bolivien unterwegs. Damals hat mich mein ehemaliger Handballkollege, der in Niederösterreich lebende Alfred, gebeten, für ihn vier Wochen Urlaub im Land der Inkas zu arrangieren. Einen ganzen Monat lang begleitete ich meinen Freund quer durch Bolivien und ich muss gestehen, Alfred liebte jeden Augenblick seines südamerikanischen Abenteuers.

Dieses Mal habe ich geplant, Nationalparks zu erkunden, die ich während meinen früheren bolivianischen Reisen nicht besuchen konnte. So war es dafür der einfachste Weg, von Brasilien aus direkt nach La Paz zu fliegen. Nachdem ich in Santa Cruz de la Sierra in meinen Anschlussflug gestiegen bin, bewunderte ich auf der Reise in Bolivien’s größte Stadt La Paz die 6.000 Meter hohen schneebedeckten Gipfel der Gebirge und landete nach einer weiteren Stunde auf 4061 Metern Höhe auf dem El Alto, auf dem höchstgelegenen internationalen Flugplatz der Welt.

Es war schon später Nachmittag und als ich den Flughafen verließ, kippte die kalte Luft in mein Gesicht. Die Luft von La Paz kühlt sich aber noch mehr ab, der bolivianische Regierungssitz liegt nämlich 3640 Meter über dem Meeresspiegel.

Meine Weggefährten während der Busfahrt

Die gewohnte Höhenanpassung in La Paz verlangt ihren Preis: viele leiden nach der Ankunft an schwerem Kopfschmerzen, an hartnäckiger, schwerer Übelkeit mit Erbrechen, an Herzrasen und erhöhtem Puls und an Schwindel. Der Höhenanstieg und der damit verbundene atmosphärische Druckabfall können nicht überwunden werden. Aus Brasilien anreisend wusste ich also nicht, wie mein Körper auf geringe Sauerstoff-Konzentration reagieren wird.

Im Zentrum von La Paz, mit 20 kg Gepäck auf dem Rücken, musste ich das erste Mal Stiegen hochklettern. Ich fühlte ein wenig den schwachen Luftzug, aber glücklicherweise kletterte ich problemlos hoch und fand den Weg zu meiner Unterkunft.

Landung in La Paz

Ich habe meine vollständige Akklimatisation mit viel Respekt vorbereitet, da ich vorhatte, zweieinhalb Tage später in den Sajama-Nationalpark zu reisen, wo ich auf 4.200 bis 5.100 Metern Höhe lange Wanderungen im Altiplano unternehmen wollte. Wie ich mich schon zu früheren Zeiten an die verschiedenen Höhenlagen gewöhnt habe, war es auch diesmal das Konsumieren von viel Wasser (gar kein Alkohol!) und mindestens zweimal am Tag das Trinken von Kokatee. Jeden Tag war ich öfters auf den Straßen von La Paz spazieren, was sehr positiv zu meiner schnellen Höhenanpassung beigetragen hat.

Altiplano Vegetation auf 4500 Metern

Die Kokablätter in La Paz habe ich am Tag nach meiner Ankunft auf einer Straße geholt und habe so Kokatee zweimal am Tag brav getrunken.

Abgesehen von leichten Kopfschmerzen am ersten Abend ist bei mir mit der Akklimatisation alles gut gelaufen. Ich habe jede Nacht gut schlafen können und mein Körper gewöhnte sich schnell an die dünne Höhenluft. So war ich beruhigt, als ich ein paar Tage später zum Sajama-Nationalpark aufbrach.

Mein Ziel war es, den Sajama-Nationalpark im Südwesten der Provinz Oruro zu entdecken. Der Park in der Cordillera Occidental ist nicht nur der älteste Nationalpark des Landes, er enthält auch Boliviens höchsten Berg, den eisbedeckten Nevado Sajama, auf 6542 Meter.

Schneebedeckte Vulkane, das große Biosphärenreservat des Altiplanos, endemische Pflanzen und besondere kamelartige Tiere, unter anderem Lamas, Alpakas und Vikunjas, warteten auf mich.

Es gibt mehrere Möglichkeiten, um zum Sajama-Nationalpark zu gelangen. Es ist möglich, mit einem Reisebüro auf einer Tour anzureisen oder Sajama mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Aufgrund von Informationen aus Blogs in fünf verschiedenen Sprachen habe ich die letzte Option gewählt und setzte mich um 7 Uhr morgens in einen Bus nach Oruro.

Montecielo’s Aussichtspunkt

Zum ersten Mal erlebte ich hier einen echten Kulturschock. Obwohl ich über die Jahre um die drei Monate Zeit in Bolivien verbracht habe, war das Gespräch mit einer Dame mittleren Alters, in sehr höflicher Stimme, für mich ein Schock:

– “Ich wünsche Ihnen einen guten Morgen! Dieser Sitzplatz ist mit eins markiert und wäre glaube ich meiner. Sehen Sie, hier ist es auch auf meinem Ticket angegeben,“ sagte ich freundlich zur Dame.

– “Es ist ausgeschlossen, ich habe den Sitzplatz markiert mit eins bekommen”, kam ihre kurze Antwort.

– “Würden Sie mir Ihr Fahrtticket zeigen? Wenn wir unsere zwei Tickets vergleichen, wird sich leicht herausstellen, wem dieser Sitzplatz gehört,“ sagte ich.

– “Ich habe das Fahrtticket nicht bei mir, mein Mann hat es. Bis er kommt, können Sie sich ruhig bei den Mitarbeitern der Busgesellschaft beschweren,” meinte sie.

Der imposante Nevada Sajama

Hmm, ich wusste nicht, was ich darüber denken sollte. Die Bolivianer scheinen Anregungen, Beschwerden und Reklamationen in ihren Venen zu haben. Anstatt zu reklamieren habe ich mich entschieden zu warten und setzte mich lieber auf einen der benachbarten Sitze. Wie es einige Minuten später herausstellte, hatte ich Recht und das Ehepaar mittleren Alters saß auf falschen Plätzen.

Ich ließ sie auf den Plätzen wo sie waren und blieb selber auch an einem der vorderen Sitze im Bus, um den Fahrer rechtzeitig zu informieren, in Patacamaya als einziger Fahrgast auszusteigen.

Die nächste Phase des Kulturschocks kam direkt beim Busbahnhof vor dem Schranken bei der Ausfahrt. Wir hätten ungefähr schon seit zehn Minuten unterwegs sein sollen, als ein Angestellter der Busgesellschaft auftauchte und die Gebühren für das Betreten des Busbahnhofs abholte. Nun, was der Angestellte von meinen Mitreisenden bekommen hat, das wünsche ich niemandem. Ich bin sicher, in diesen wenigen Minuten habe ich alle möglichen spanischen Flüche gehört.

Der Kulturschock erreichte seinen Höhepunkt erst, als der Bus in den Außenbezirken von La Paz versuchte, neue Fahrgäste aufzunehmen, die ohne Platzreservierung den Bus betreten haben, um stehend die drei Stunden nach Oruro zu fahren. Der lokale Mann neben mir mit seinem langen Schnurbart drohte den Fahrer, ihn und auch die Busgesellschaft anzuzeigen, wenn er Passagiere ohne Ticket mitnimmt. Die ganze Diskussion passierte natürlich während der Fahrt. Nach ein paar Minuten entschieden sich der Fahrer und sein Kollege, dass es doch besser wäre ohne stehende Passagiere im Bus, so schickten sie alle ohne Ticket vom Bus und wir fuhren mit den ursprünglichen Fahrgästen nach etwa 30-minütiger Verspätung weiter.

Die Zwillinge Parinacota und Pomerane

Nach einer anderthalbstündigen Fahrt erreichten wir Patacamaya. Ich bin am Rande der kleinen Stadt ausgestiegen, und marschierte zur Hauptstraße, wo nach meinen Informationen Minibusse nach Sajama fahren sollten.

Im Dorf gab es den üblichen bolivianischen Markt und eine ganze Reihe von Minibussen. Aufgrund vorläufiger Informationen vermutete ich, an welcher Straßenecke mein Kleinbus zum Nationalpark fahren würde. Auf dem Weg dorthin versuchten viele mich wissen zu lassen, dass es keinen Minibus für Sajama gibt, sie würden samstags sowieso nicht fahren, und wollten mir ein Taxi für $50 anbieten.

Das Dorf Sajama, der Ausgangspunkt meiner Trekkingtour

Ich beharrte und fand mein Fahrzeug. Freddy, der sympathische Fahrer des Minibusses wartete vorläufig alleine. Am Nachmittag gegen 13 Uhr würde er normalerweise in Richtung des Nationalparks aufbrechen, aber sobald der Bus voll sei, machen wir uns auf die Reise, meinte Freddy.

Ich legte routinemäßig meinen Rucksack auf den Vordersitz, um meinen Platz zu reservieren, ging frühstücken und kaufte im einzigen Supermarkt alles ein, was ich in der nächsten Woche brauchen würde.

Nach dem Sajama-Nationalpark plante ich auch im Lauca-Nationalpark auf der chilenischen Seite zu campen. Da ich wusste, dass es auf 4500 Meter Höhe kein Restaurant oder keinen Supermarkt geben würde und die chilenischen Grenzbeamten weder Gemüse noch Früchte über die Grenze hineinlassen, kaufte ich eine große Anzahl an Konserven, in der Hoffnung irgendwo auch einen Dosenöffner zu bekommen. In Patacamaya verkauften sie so etwas nicht, und um zehn Uhr machten wir uns schon auf den Weg in den Sajama-Nationalpark, zuerst aber nach Curahuara de Carangas, in eine kleine koloniale Siedlung auf dem Mittelweg zwischen Patacamaya und Sajama.

Sajama’s Steinkirche

Mein Fahrer meinte, wir werden ungefähr 90 Minuten in Curahuara warten und werden gegen ein Uhr nachmittags in den Nationalpark weiterfahren. In der Zwischenzeit besprachen wir schnell alle Wandermöglichkeiten vom Sajama. Im Nationalpark gibt es viele Geysire, natürliche heiße Quellen und eine Lagune namens Huañacota. Wie es sich herausstellte, war letztere in der aktuellen Trockensaison völlig ausgetrocknet. Freddy erzählte mir jedoch von einer zweitägigen Wanderung namens Lagunas de Altura, von der er glaubt, dass sie eine schöne und dennoch seltene Tour durch die Lagunen auf beiden Seiten von Chile und Bolivien sein würde.

Mit dieser wertvollen Information hat er mein Interesse besonders geweckt. Ich habe eh vorgehabt, eine mehrtätige Wandertour zu unternehmen. Warum eben nicht zwischen Lagunen und an den Grenzen der beiden Länder!?

Goldgefärbtes Lama auf dem Hauptplatz von Carahuara

Ich war beeindruckt von der Aussicht auf der Strecke nach Curahuara de Carangas. Auf dem Weg entdeckte ich einige Chullpas, eine Art Bestattungsturm mit Mumien von Adelsfamilien.

Im kleinen Dorf von Curahuara ankommend, bemerkte ich die Steinkirche, “Capilla Sixtina de Los Andes”. Wie es sich herausstellte, war die Sixtinische Kapelle der Anden eine der ältesten Kirchen in Bolivien und in Südamerika. Der Bau begann 1587 und die Kapelle wurde 1608 fertiggestellt. Die Kirche wurde 1960 zum nationalen historischen Kulturdenkmal erklärt. Die im kolonialen Stil erbaute Steinkirche besteht aus Kalk und Schilf.

Leider war die Kapelle zur Zeit meines Besuches geschlossen, so hatte ich nicht die Möglichkeit, die sehr reichen, mit düsterem Charakter versehenen Ölgemälde manieristischer Kunst auf den Wänden der Kirche zu bewundern.

Auf dem Markt von Curahuara konnte ich, bevor wir nach Sajama weiterreisten, einen gebrauchten Dosenöffner bekommen, der in den nächsten Tagen noch von großer Bedeutung sein sollte.

Stillleben in Sajama

Im Minibus lernt man sich schnell kennen, besonders dann wenn die Einheimischen einen Gringo entdecken. So versuchten alle in der aktuellen Nebensaison irgendeinen Deal mit mir zu schließen. Viele haben Unterkünfte in ihren Häusern angeboten, ich weigerte mich aber diese anzunehmen. Ich hatte vor zu campen, aber einigte mich mit einer Aymara Frau auf ein Abendessen, wenn es die leckere Quinoa-Suppe sein würde

Mit der Abfahrt aus Curahara hatte man ständig den Blick auf den erloschenen Vulkan Sajama, den höchsten Berg Boliviens mit 6542 Meter. Glücklicherweise stiegen Passagiere aus und wieder zu, so dass ich unzählige Möglichkeiten hatte, den schillernden Berg von allen Seiten aus zu fotografieren.

An einem der Nationalpark-Eingänge habe ich die Eintrittsgebühr von ca. $15 bezahlt und eine halbe Stunde später befand ich mich in dem kleinen Dorf Sajama auf einer Höhe von mehr als 4200 Metern.

Romantisches Zelten am Flußufer

Hinter dem Dorf, neben einem ruhigen Fluß baute ich mein Zelt auf. Die Zwillingsvulkane Parinacota and Pomerane erschienen direkt vor mir, während hinter mir die Nevada Sajama strahlte. Ich habe festgestellt, ich campte zweifellos auf dem schönsten Teil des Altiplanos.

Da ich am nächsten Tag eine anspruchsvolle zweitägige Wandertour anging, wollte ich als kleinen Test zum Montecielo-Aussichtspunkt an der Dorfgrenze hinauf. In einer Richtung gibt es ungefähr zweihundert Meter Höhenunterschied, aber es lief alles flott und es gab keine Anzeichen von Höhenkrankheit. So erreichte ich den Gipfel in einem perfekten Tempo. Am Aussichtspunkt begrüßten mich die höchsten Quinualbäume der Welt. Bis auf über 5000 Meter klettert die seltene Spezies hinauf, so hoch wie nirgendwo sonst. Der Schnee begann in kleinen Flocken zu fallen und so war es Zeit abzusteigen, mich etwas im Haus der Ayamara Frau aufzuwärmen und ihre leckere Quinoa-Suppe zu kosten.

Inmitten grasender Lamas begebe ich mich zur Nachtruhe

Auf dem Rückweg zu meinem Zelt wurde ich von einer netten Schweizerin angesprochen, die sehr glücklich schien, jemanden mit einer anderen Nationalität als Frankreich im Nationalpark anzutreffen. Yvonne erreichte Sajama ein paar Tage vor mir und berichtete von ihren Halbtagesausflügen. Sie hatte ähnliches vor wie ich, wollte die zweitätige Wanderung zum Lagunas de Altura angehen, allerdings hatte sie nur einen Schlafsack, aber kein Zelt. Nach ein paar Minuten hieß ich sie willkommen und stimmte zu, mein Zelt mit ihr zu teilen. Wir verabredeten uns für 8 Uhr am darauffolgenden Tag und einigten uns darauf, dass jede(r) von uns reichlich Proviant und Wasser mitnehmen soll. Wir packen dann zusammen am Morgen und brechen gemeinsam zur spannenden Hochgebirgswanderung in der West-Kordillere der Anden auf.

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