Meine aktuelle Reise hat mir die Möglichkeit gegeben, in zwanzig Tagen Brasiliens neue und alte Hauptstädte zu besuchen. Während die ersten beiden, Salvador de Bahía und Rio de Janeiro, an der Küste gebaut wurden, befindet sich die in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre komplett vorgeplante Modellstadt Brasília nahe dem geografischen Zentrum des brasilianischen Staatsgebiets. Seit 2015 stattete ich schon das dritte Mal dieser planmäßigen Metropole, die mit unglaublicher Geschwindigkeit aus der roten Staubwüste herausgewachsen ist, einen Besuch ab.

Bei dem kürzesten meiner drei Besuche habe ich nicht viel von einem der bewundernswerten Zentren der brasilianischen Moderne mitbekommen. Zu dieser Zeit war ich von Belém nach São Paulo unterwegs und hatte beim Umsteigen einen Zeitpuffer von insgesamt acht Stunden in der neuen Hauptstadt, die vor genau sechzig Jahren binnen vier Jahren im Wesentlichen fertiggestellt und eingeweiht wurde.

Der 8 km lange und 15 km breite Grundriss der Stadt wurde in Form eines Flugzeugs angelegt.

Ich habe auf den Umstieg nicht am Flughafen gewartet, sondern nahm an der Geburtstagsfeier des kleinen Sohns meines ehemaligen Handballkollegen Dênio am Südufer des künstlich angelegten Paranoá-Sees teil.

Das Hauptquartier des brasilianischen Nationalkongresses ist eines der ersten drei Gebäude, das fertiggestellt wurde. Das Kongressgebäude hat sich inzwischen zu einer gefeierten Ikone der brasilianischen Stadt entwickelt.

Hier befindet sich in einer eher puritanischen Form das Parlament, das wie alle anderen Gebäude von Brasília zu den angegebenen Zeiten kostenlos besichtigt werden kann.

Vor der denkwürdigen Geburtstagsfeier habe ich an dem Tag von der Weltkulturerbe-Stadt nur den Aussichtspunkt Dom Bosco bewundert. Der italienische Gründer des Salesianer-Ordens ist heute der Schutzpatron der Stadt. In einer Prophezeiung von 1883 stellte sich der Salesianerpriester auf dem Hochplateau die Quelle einer neuen Zivilisation, ein “Land der Verheißung” vor.

Die Kathedrale von Brasília, die 4000 Menschen Platz bietet, ist der Sitz des Erzbischofs. Die utopische Kathedrale aus Stahlbeton und Glas wurde vom Wegbereiter der modernen brasilianischen Architektur Oscar Niemeyer und dem Ingenieur Joaquim Cardoso zwischen 1958 und 1970 erbaut.

Mit 16 gleichartigen, 90 t schweren hyberbolischen Betonsäulen und Buntglasfenstern ist es eines der besonderen Kirchengebäude der Welt.

Bei meinem ersten Besuch im Jahr 2015 ging es in der Retortenstadt auch um den Sport, als die brasilianische Frauen-Handballnationalmannschaft an einem internationalen Freundschaftsturnier – in der einzigen Planstadt der Welt, die im 20. Jahrhundert erbaut wurde – teilnahm. Vor und nach den Spielen hatte ich genügend Zeit, die erträumte brasilianische Hauptstadt zu besichtigen, die 1987 aufgrund der Form, Einheitlichkeit und Harmonie des Stadtzentrums in die UNESCO-Welterbeliste eingeschrieben wurde.

Die bemerkenswertesten und bekanntesten Bauwerke der Stadt wurden vom Visionär Oscar Niemeyer entworfen, der zu dieser Zeit mehrmals mit einem der einflussreichsten Architekten des 20. Jahrhunderts, dem schweizerisch-französischen Le Corbusier, zusammenarbeitete.

Das brasilianische Nationalmuseum mit außergewöhnlicher Architektur in Kuppelform präsentiert neue Ausstellungen und ist der Schauplatz kultureller Veranstaltungen in Brasília.

Diesmal habe ich ca. 5 Wochen Zeit, um von meinem lateinamerikanischen Lieblingsland nach Peru zu gelangen. Daher besichtigte ich ohne zeitliche Begrenzung das politische Zentrum Brasília, welches in den 1950er Jahren vom Präsidenten Juscelino Kubitschek erträumt wurde.

Der damals aufstrebende Architekt Niemeyer genoss und experimentierte frei mit runden Formen, mit Beton und seinen einzigartigen Möglichkeiten und schuf so das unregelmäßig geformte, pyramidenförmige Betongebäude des Nationaltheaters Cláudio Santoro hinter dem alten Busbahnhof.

Als eine der jüngsten Hauptstädte der Welt wurde Brasília vor 60 Jahren mitten in einer trockenen, savannenartigen Umgebung im Hinterland Brasiliens geformt. Die Entwicklung des „Plano Piloto” wurde von Kubitschek dem in Frankreich geborenen Stadtplaner Lúcio Costa anvertraut, während das Design und der Bau der ikonischen Gebäude vom modernistischen Architekten Oscar Niemeyer stammen.

Das Kubitschek gewidmete Memorial JK ist eine nationale Gedenkstätte und erinnert an den politischen Schöpfer und Gründer der außergewöhnlichen Stadt mit der wichtigsten urbanistischen Entwicklung des 20. Jahrhunderts.

Die Innenstadt der neuen Hauptstadt wurde bewusst symmetrisch entlang einer sogenannten „Monumentalen Achse“ gestaltet und gebaut. Jeder Teil der Stadt ist in verschiedene Funktionszonen unterteilt (Gewerbe-, Kultur-, Verwaltungszentren und Wohngebiete). Der Bau der Stadt Brasília erfolgte größtenteils aus wirtschaftlichen Gründen, die rückständigen westlichen Regionen sollten von der Planstadt gedeihen.

Das Gebäude des Außenministeriums (Palácio Itamaraty), das 1970 eingeweiht wurde, ist einer der interessantesten modernen Gebäudekomplexe, der auf einer Führung besichtigt werden kann.

Während des Baus wurde die Absicht zum Ausdruck gebracht, das Gebäude unter Einbeziehung einheimischer Handwerker und Hersteller aus brasilianischen Rohstoffen herzustellen, während die Hallendekorationen ausschließlich von Künstlern brasilianischer Herkunft oder mit Sitz im Land vorgenommen wurden.

Die neue Hauptstadt, spektakulär modern gestaltet, aber nicht immer so umgesetzt, hat erfolgreich die Rolle von Rio de Janeiro übernommen. Die Infrastruktur im Binnenland hat sich in den 1960er Jahren entwickelt und so begann das Wirtschaftswachstum des Landes. In der für 600.000 Einwohner geplanten Hauptstadt aus dem Nichts leben heute knapp drei Millionen Einwohner.

Die Kirche Dom Bosco ist dem Schutzheiligen der Stadt Brasília gewidmet. Auf den ersten Blick schaut sie von außen wie eine durchschnittliche „Betonkiste“ aus.

Die lichtdurchflutete Kuppel der Kathedrale und die zwölf blauen Bleiglasfenster der Kirche sind dagegen einzigartig. In verschiedene Farbtöne (blau bis purpur) getaucht ist das Innere der Kirche.

Für viele scheint Brasília für den Tourismus weniger attraktiv zu sein, allerdings genieße ich immer wieder die futuristische Metropole, die genau das Gegenteil von dem ist, was ich bisher im Land gesehen und erlebt habe.

Wenn man genug von moderner Architektur haben sollte, besucht man eine der letzten unberührten tropischen Savannen der Welt, die Hochebene Chapada dos Veadeiros. Ich gelange demnächst auch in den Nationalpark und freue mich schon auf die viele Wasserfälle und spektakuläre Abgründe.

Wenn Dir dieser Eintrag gefallen hat und du neugierig auf weitere Fotos und Informationen geworden bist, besuche einfach meine Facebook-Seite.