Selten schaffen es Touristen, auch das brasilianische Landesinnere zu erkunden. Daher habe ich mich entschlossen, anstatt eines Fluges die Stadt São Luís über den Landweg zu verlassen. Mein Ziel war das Hochplateau Chapada das Mesas rund um die Stadt Carolina im Süden Maranhãos. Ich habe meinen Aufenthalt in der Savanne richtig genossen, habe mehrere Wasserfälle besucht und das Symbol des Nationalparks, den Tafelberg Morro do Chapéu bestiegen.

Nach vier intensiven Wandertagen in der Sandwüste im Lençóis Maranhenses Nationalpark habe ich mich innerhalb von zwei Tagen in São Luís vollständig regeneriert. Beim letzten Besuch der Hauptstadt Maranhãos im Jahr 2015 führte mich die Reise Richtung Norden weiter nach Belém. Dieses Mal entschied ich mich meine nächsten Reiseziele rund um Salvador de Bahia über den Landweg zu erreichen. Ich hätte ohne Probleme, die Distanz von mehr als 2000 km mit dem Flugzeug in drei Stunden zurücklegen können, allerdings wollte ich mehrere Zwischenstopps einlegen, um auch andere Nationalparks zu erkunden.

Vor dem Aufstieg zum Hochplateau

Meine Reise führte mich zu einem weniger bekannten, aber dennoch vielversprechenden Nationalpark Brasiliens, zum Chapada das Mesas. Das Naturschutzgebiet ist das Zuhause einer einzigartigen Ökoregion mit unberührter Natur. Diese Region nennt sich Cerrado, ist eine tropische Savanne, welche im zentralen Gebiet Brasiliens 21% der Landersoberfläche abdeckt.

Atemberaubende Landschaft vom Portal aus gesehen

Die Natur- und Umweltschutzorganisation WWF hat das Gebiet des Chapada das Mesas als die fortschrittlichste Savanne der Welt mit einer unglaublich heterogenen Flora und Fauna charakterisiert, die einen bemerkenswert hohen Grad an Endemismus aufweist.

Um die Mitte des 20. Jahrhunderts wurde der Cerrado als der primäre Bereich des brasilianischen Wirtschaftswachstums identifiziert, indem neue landwirtschaftliche Techniken entwickelt wurden, die fruchtbares Land produzierten, das für den Anbau unrentabel war. Von den 1960er Jahren bis zur Neutralisierung des sauren Bodens wurden enorme Mengen an Kalk zu den neu ausgegrabenen Feldern des Cerrado hinzugefügt.

Mini-Wassertreppe in unberührter Natur

Ermutigt durch die Regierungspolitik, die wachsende städtische Nachfrage und eine steigende Bevölkerung, die sich in vorher hauptsächlich indigene Gebiete ausweitet, ist der Cerrado heute eine wichtige landwirtschaftliche Produktionsstätte in Brasilien, die unter anderem 70% des Rindfleisches des Landes liefert und enorme Mengen an Soja produziert.

Diese rasche und zunehmende Transformation des Cerrado hat bei den Erhaltungsbemühungen kaum ein Gegengewicht gefunden; das Biom wird von der brasilianischen Regierung nicht als nationales Erbe ausgewiesen. Derzeit sind nur 1,5% der Region vom Bund geschützt. So ist der Chapada das Mesas Nationalpark – wie die Hochebene, nach der er benannt wurde – eine auffallende, einsame Insel inmitten einer vielfältigen und sich wandelnden Landschaft.

Der aus 160.000 Hektar bestehende Chapada das Mesas Nationalpark wurde erst 2005 gegründet und ist ziemlich kompliziert zu erreichen. So musste ich in São Luís einen Bus bis Imperatriz nehmen. Nach 11 Stunden Fahrt in der Nacht ging es in der Früh für weitere drei Stunden nach Carolina weiter.

Straßenfoto während dem Trampen, um die Langeweile zu vertreiben

Um die Wahrheit zu sagen, steckt der lokale Ökotourismus noch in den Kinderschuhen in Carolina. Es gibt Pousadas und auch ein paar Reiseagenturen, allerdings mangelt es noch an der Infrastruktur. Es sind viele abgelegene Orte, die man schwer oder unmöglich erreichen kann. So musste ich ohne Mietwagen lange planen und mich entscheiden, welche Sehenswürdigkeiten ich mir anschaue. Ich nehme gerne solche Herausforderungen an und habe als Alleinreisender ausgeschlossen, die Angebote der lokalen Agenturen in Anspruch zu nehmen. So begann ich schon in São Luís selber meine Ausfüge zu organisieren.

Da ich in der Sandwüste des Lençóis Maranhenses schon große Übung bei Wanderungen gewonnen habe, entschied ich mich dafür, das Postkartenmotiv des Chapada das Mesas, den Morro do Chapéu zu besteigen. Der 378 m hohe Tafelberg liegt in einem Naturschutzgebiet ungefähr 10 km ausserhalb vom Nationalpark. Ich musste als erstes etwas mehr als 20 km von Carolina auf Sandwegen und auf unbfestigter Strasse bis zum Fuße des Bergs laufen. Ich habe auf dem Weg niemanden getroffen, so war meine Idee, eine Teilstrecke per Anhalter hinzulegen, schnell erloschen. Zum Glück war es nach dem Regen in der Vornacht nicht so heiss, allerdings war die Luftfeuchtigkeit mit 90% sehr hoch und damit kaum auszuhalten.

Verwaschener Pfad

Ich habe leicht den Pfad gefunden und angefangen zu klettern. Schnell wurde mir bewusst, dass es wegen der scharfen Kanten nicht so leicht wird, die Spitze des Tafelbergs zu erreichen. Glücklicherweise konnte ich mich über die durch den Regen geöffneten kleinen Gräben Schritt für Schritt auf die Spitze des Hügels begeben.

Eine der wichtigsten Herausforderungen des Kletterns – und sie verdient die volle Aufmerksamkeit der kletternden Person – sind die lockeren Steine, welchen man beim Klettern begegnet. Es sind nur 500 Meter zu Gehen, allerdings ist die Strecke trotz der kurzen Distanz nicht einfach. Ich musste bis zum Gipfel hart kämpfen und die hohe Luftfeuchtigkeit war auch nicht auf meiner Seite. Ständig steigend und mit kurzen Pausen erreichte ich das Plateau nach ca. 45 Minuten.

Von hier aus ließ sich der ganze Cerrado beobachten. Trotz aufziehender Wolken habe ich Carolina und den an Carolina grenzenden Fluss Tocantins leicht sehen können. Auch der Morro das Cabras mit seinem pyramidenformigen Hügel unweit des Morro do Chapéu war ersichtlich. Innerhalb von 20 Minuten lässt sich das Plateau erkunden, ich entdecke Kolibris und ein paar Vögel und war nach ca. 30 Minuten wieder im Tal.

Morro do Chapéu

Grundsätzlich würden auf mich jetzt 20 km Fußmarsch bis Carolina warten, allerdings hatte ich wieder Glück. Bei einer Fazenda kommt mir ein Motorradfahrer entgegen der gerade jemanden abliefert. Ohne viele Worte zu wechseln, bietet er mir seinen zweiten Motorradhelm an. So schnell geht das in Brasilien! Innerhalb von 30 Minuten war ich schon zurück im Stadtzentrum.

Carolina weist eine gemeinsame historische Vergangenheit mit Österreich auf. Die österreichische Erzherzogin Maria Leopoldine von Österreich, durch Heirat mit Dom Pedro die Kaiserin von Brasilien, hat die Stadt öfters besucht. So wurde São Pedro de Alcântara zu Ehren der Kaiserin auf einen ihrer Vornamen, nämlich Caroline, auf Carolina umgetauft.

Die Stadt, auch das Paradies des Wassers genannt, zählt 89 Wasserfälle. Ich konnte daher nicht anders, als meinen zweiten Tag einigen der Wasserfälle zu widmen.

Die meisten der Wasserfälle können nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht werden, daher wählte ich zwei Wasserfälle aus, die in der Nähe der Hauptstrasse liegen. Da es Wochenende war, verkehrten nur ganz wenige Busse, daher versuchte ich per Anhalter ein Auto zu stoppen.

Es begann zu regnen und erst nach einer Stunde klärte sich der Himmel. Genau zu der Zeit, als sich ein Kleinbus Richtung Balsas blicken ließ. Nach einer halben Stunde war ich schon 1,5 km vom Cachoeira de Itapecuru entfernt.

Die Zwillingswasserfälle sind beeindruckend, aber der Betondschungel um das lokale Restaurant zerstört das schöne Naturspektakel komplett. Es scheint so, dass ich der einzige Naturliebhaber vor Ort bin. Der Rest genießt das Bier und das zweite Frühstück. Ganz enttäuscht von den Menschenmassen verlasse ich schnell das Lokal und fahre mit einem Kleinbus zum Wasserfall Cachoeira do Dodô.

Die Zwillingswasserfälle von Itapecuru

Cachoeira do Dodô befindet sich unweit der Hauptstrasse Richtung Estreito und da es hier keine Menschenhorden gibt, geniesse ich den Sandweg umgeben von massiven Steinformationen inmitten des tropischen Waldes. Der zierliche Wasserfall liegt verdeckt zwischen massiven Steinen. Ich bleibe für eine halbe Stunde und geniesse die Stille und das Rauschen des Wassers. Hier liegt die wahre und reine Natur!

Für mich geht es weiter zum 10 km enternt liegenden Aussichtspunkt Portal da Chapada das Mesas. Trotz der kleinen Distanz eine erneute Herausforderung. Ohne Linienbusse und Vans versuche ich mein Glück wieder per Anhalter. Erst nach einer halben Stunde nimmt mich ein sympathischer LKW-Fahrer mit und bringt mich direkt zur Türe des Portals.

Auf einem Sandweg geht es einen km lang zum Aussichtspunkt, welcher ein von der Natur geformtes steinernes “Fenster” ist. Von hier aus sieht man die ganze Cerrado Landschaft, die Säulen des Chapada das Mesas und auch den majestätischen Morro do Chapéu. Ich bin alleine, daher schaue ich mich weiter um und entdecke zwei weitere Aussichtspunkte mit 360 Grad Panorama auf die faszinierende Umgebung. Trotz des trüben Wetters und der Wolken mache ich viele Fotos.

Mit zwei einheimischen Brasilianern beim Eingang zum Portal unterhalte ich mich noch mindestens für eine Stunde über den lokalen Tourismus und weitere Sehenswürdigkeiten der Region. Sie geben mir viele Tipps und Ideen, die sofort notiert werden. So wird es sich bestimmt lohnen, ein nächstes Mal zurückzukommen. Meine neuen Bekannten organisieren mir noch schnell einen Transport zurück nach Carolina. Ich schätze die Hilfsbereitschaft der Brasilianer sehr.

Cachoeira do Dodô

Zwei volle Tage waren nicht genug, den Nationalpark Chapada das Mesas und seine Umgebung tiefgründig zu erkunden. Man braucht Wochen dafür. Eins ist sicher, die Naturliebhaber werden den Besuch von Carolina nicht bereuen, falls sie den Weg hierher finden. Beim nächsten Mal schaffe ich es bestimmt auch zu den unberührten Wasserfällen inmitten des Nationalparks.

Nun bin ich aber etwas unter Zeitdruck und muss leider weiter. Die Liste der noch zu besichtigenden Orte ist lang, die Zeit aber knapp. Daher mache ich mich gleich morgen auf den Weg nach Lençóis in die Chapada Diamantina. Mit drei Bussen werde ich mindestens 24 Stunden lang unterwegs sein. Eine anstrengende Anreise, aber ich freue mich dennoch schon darauf, die Trekking-Hauptstadt Brasiliens zu Fuß, mit dem Bike und mit dem Kayak intensiv zu erkunden.

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