Alleine ging ich das große Abenteuer “Vale do Pati” im Nationalpark Chapada Diamantina an. Anstatt drei geplanten Tagen habe ich Brasilien’s schönstes Tal in zwei Tagen von Vale do Capão bis Andaraí überquert. Mich beeindruckten die imposanten Tafelberge, die sich in die Tiefe ergießende Wasserfälle und das Pati-Tal selber, mit seiner saftig grünen Pflanzenvielfalt und enormer Biodiversität.

In einigen Agenturen habe ich mein Glück versucht, um eine neue Gruppe für die Mehrtageswanderung im Herzstück des Nationalparks zu finden, aber überall wurde mir geraten, ein paar Tage zu warten, bis sich andere Wanderer mit dem gleichen Plan finden würden.

Atemberaubende Flora

Ich habe aber nicht lange gezögert und mich schnell entschieden, alleine ins nächste grosse Abenteuer aufzubrechen. Ich wollte unbedingt das schönste Tal Brasiliens erleben: Tafelberge, Canyons, Wasserfälle, Höhlen, über 60 Orchideenarten und seltene Bromelien erwarteten mich.

Seit Monaten hatte ich dutzende Reiseberichte auf portugiesisch gelesen, von Rucksacktouristen, die alleine die 50-60 km gelaufen sind. Viele haben die Wanderung im benachbarten Guiné begonnen, da aber eine Überquerung auch vom Vale de Capão möglich ist, entscheide ich mich für die klassische Version der Route bis Andaraí.

Diesmal musste ich nur ganz wenig für die Wanderung vorbereiten. Ich kaufte die übliche Menge an Rapadura, besorgte etwas für das Frühstück und für das erste Mittagessen und freute mich auf den frühen Start am nächsten Tag.

Vor der Abendruhe habe ich noch einen Motorradtransport bis zum Weiler Bomba organisiert. Hier startet der Pfad für das mehrtägige Trekking ins Vale do Pati.

Brasilien’s schönstes Tal, das Vale do Pati

Der Fahrer ist schon um sechs Uhr vor Ort und fährt mich am kalten Morgen zum Ende vom Vale do Capão, zum Beginn des Pfades. Das Wetter ist wie oft in der Chapada morgens bewölkt, es schaut nach Regen aus. Ich hoffe aber trotzdem darauf, dass ich problemlos die drei Tage im Tal überstehe.

Der erste Teil des Wanderweges führt mich zum Wasserfall Angélica. Schon dieser Pfad ist eine Herausforderung, die Vegetation ist nämlich zum Großteil zugewachsen und ich erkenne schnell, warum die meisten Gruppen von Guiné aus das Tal angehen. Nichts desto trotz kämpfe ich mich durch und finde oft nur dank des GPS den Weg aus dem Waldgebiet. Mich stört auch der Regen etwas, aber ich finde schnell eine Lösung, wie ich meinen Rucksack vor dem Nasswerden schütze.

Angekommen auf dem Plateau befinde ich mich auf der langgestreckten Ebene des Gerais do Vieira. Hier geniesse ich die faszinierende Natur, die Stille des Tales und die enorme Biodiversität. Recht entspannte 15 km warten auf mich bis zu meinem Tagesziel, der Unterkunft Igrejinha.

Raues Hochplateau Richtung Mirante do Pati

Im Vale do Pati gibt es keine Hostels und Pousadas. Die im Tal lebenden elf Familien haben sich darauf spezialisiert, ihre Gäste zu verköstigen und ihre eigenen Zimmer mit den Wanderern zu teilen. Die Häuser der lokalen Familien können nur zu Fuß oder auf Eseln und Pferden erreicht werden, es gibt keine Straßen, keine Autos und auch keine Fahrräder.

Das Wetter ist weiterhin sehr rau, wegen dem leichten Regen und dem Nebel ist die Sicht auf 10 bis 15 m reduziert. Ich fühle mich aber fit. Die langen Wanderungen an den Vortagen mit meinen englischen und französischen Bekannten helfen immens, die Hügel zu besteigen und flott weiterzukommen. An einer der Kreuzungen treffe ich auf zwei Brasilianer, die Gemüse in ihren Rucksäcken zu einer nahegelegenen Farm liefern. Die zwei Einheimischen ermutigen mich. In ca. drei Stunden sollte ich den Aussichtspunkt “Mirante do Pati” erreichen.

Ich laufe gute anderthalb Stunden, esse auf dem Pfad mein Frühstück und begegne bald der ersten Wandergruppe. Es handelt sich um ein sympathisches Paar, Backpacker um die 50 Jahre, aus Brasilia. Sie freuen sich auch auf eine kleine Pause, wir tauschen uns über Wandererlebnisse aus, wünschen einander eine gute Wanderung und jeder geht seinen eigenen Weg weiter.

Blauscheiteltrogon posiert für das Foto

Ich komme schon gegen elf Uhr beim Aussichtspunkt an, der Nebel verdeckt aber die komplette Sicht. Ich warte ein wenig, muss aber dann weitergehen und muss so auf die schönen Fotos vom Blick auf das Tal verzichten. Während des Abstiegs wird die Sicht besser, ich entdecke atemberaubende Tafelberge um mich herum und bald befinde ich mich im Tal auf dem Pfad Richtung dem charmanten Igrejinha. Schon um 12 Uhr bin ich bei der Familie João und tatsächlich finde ich eine Igrejinha, was auf deutsch “kleine Kirche“ bedeutet. Es gab Zeiten, wo etwa 400 Familien, also ungefähr 2000 Personen im Tal lebten. Damals war es wichtig für die hier lebenden eine Kirche zu bauen.

Hier ist das erste Mal, dass ich eine längere Pause einlege. Ich nutze das lokale “Restaurant” und bestelle einen Açaí. Da ich das geplante Tagespensum schon gegen Mittag erreiche, entscheide ich mich dafür, drei Stunden weiterzulaufen, zum Haus von Seu Wilson.

Auf dem Weg zu seiner Ranch werde ich nach einem kurzen Spaziergang auf einen unglaublich schönen Ort aufmerksam. Ein kleiner Wasserfall mit seinem Naturpool erwartet mich. Ich würde sehr gerne ins Wasser springen, allerdings gehe ich wegen Zeitdruck zum Cachoeira do Funil weiter.

Ab dem beeindruckenden Wasserfall gibt es leider keinen regulären Pfad, ich muss im Flussbett von Felsen zu Felsen springen, um weiterzukommen bzw. links und rechts schauen, um zu erraten, wo der Wanderweg weiterführen kann. Es ist eine echte Herausforderung, die gute körperliche Fitness erfordert. Sollte ich den Weg verpassen, bliebe ich im Flussbett, wo es auf einmal nur Wasser im Fluss und keinen Weg gibt. Zu meinem Glück hat mich die Wanderung zum Sossego-Wasserfall in Lençóis gut auf die aktuelle Challenge vorbereitet, so habe ich keinen Stress.

Der eindrucksvolle Cachoeira do Funil

Es ist nicht einfach, weiterzukommen, oft muss ich ins Wasser rein, meine Bergschuhe werden nass, und wegen dem Regen werden die Felsen rutschiger. Ich fühle mich an ein paar Stellen, wie das kleine Kind, welches sich das erste Mal auf das Eis traut. Zum Glück endet der Abschnitt im Flussbett schnell und ich kann normal auf Waldwegen den Rest der Strecke bis zur Ranch des ältesten Bewohners des Tals laufen.

Seu Wilson wurde im Pati-Tal geboren und als Kind ist er in einer Zeit aufgewachsen, in der noch 400 Familien mit fast 2000 Menschen im Tal lebten. Es war die Zeit der Kaffeeplantagen mit Schule, Kirche und einem Rathaus im Vale do Pati. Die Plätze wurden über die Jahre angepasst, um Touristen in sehr einfachen, aber sauberen Einrichtungen zu empfangen.

Imposanter Tafelberg

Die derzeit von Ökotouristen benützen Wege hat man schon zu den früheren Zeiten dazu benutzt, um den Kaffee zu entwässern, der vor Jahren gepflanzt wurde.

Die Häuser im “Diamantencanyon” verfügen alle über Solarenergie, welche reicht, um Telefone und Batterien der vor Ort genutzten Maschinen aufzuladen. Die Kühlschränke, die meisten Vorräte und die Gastanks werden auf dem Rücken der Pferde ins Tal gebracht. Das Wasser in den Duschen ist in meisten Fällen kalt, aber einige Ranches bieten Dusche mit warmem Wasser an, dank einer Technik von speziellen Röhren, die von der Sonne erwärmt werden.

Bis zur Ranch vom Seu Wilson habe ich ungefähr 40% vom Weg nach Andaraí zurückgelegt und ich spiele das erste Mal mit den Gedanken, am nächsten Tag die Reststrecke komplett zu laufen und bis zum Abend in Andaraí anzukommen. Darüber kann ich aber noch im Laufe des Abends öfters nachdenken.

Nach der langen Wanderung bekomme ich schnell mein Quartier. Ich bestelle das Abendessen, das Frühstück für den nächsten Tag und der Nachmittag gehört zum verdienten Entspannen.

Inzwischen treffen zwei brasilianische Gruppen ein und wir füllen die Zimmer von Seu Wilson zur Hälfte auf. Ich vergesse, bei der Essensbestellung die vegetarische Option zu wählen, mein Mund bleibt aber offen, als ich das abwechslungsreiche Abendbuffet erblicke. So viele Variationen und so lecker das ganze. Ohne viele Worte mit den anderen Gruppen zu wechseln, gehe ich sehr früh schlafen. Für den nächsten Tag habe ich nämlich eine lange Wanderung vor. Vor dem Schlaf schaue ich noch auf die Wanderkarte, um zu notieren, wo ich im Notfall am nächsten Tag übernachten kann.

Um sieben Uhr morgens ist das reichhaltige Frühstück serviert, Gäste von teuren Hotels würden bestimmt grosse Augen machen, was die lokale Familie für uns wieder mal vorbereitet hat. Selbstgebackenes Brot, Tapioca, Rührei, frischer hausgemachter Käse, eine Vielfalt an Obst und frischen Fruchtsäften und Kuchen geben genug Energie für den geplanten langen Marsch.

Jede Stunde bekommt man solche Wasserfälle zur Sicht

Das Wetter zeigt sich wieder mal nicht von der besten Seite, der Himmel ist wie am Vortag bedeckt. So beschliesse ich, die Höhle und den Aussichtspunkt des Morro do Castelo auszulassen. So spare ich drei Stunden Zeit. Ich mache mich auf den Weg zum Prefeitura, zum alten Rathaus im Pati-Tal. Der Pfad ist technisch einfach, nach ein paar Stunden Fussmarsch bin ich erleichtert, die Sonne erscheint und ich werde von wunderschönen Ausblicken überrascht. Eindrucksvolle Tafelberge und majestätische Felsen sind zu sehen. Schade, dass ich am Vortag wegen dem Regen nicht viel von der Natur mitbekommen habe.

Auf dem Weg zur Ranch von Seu Joia komme ich zum Entschluss, dass das Vale do Pati eines der schönsten Orte Brasiliens ist. Es gibt keine Fotos oder Videos, die zeigen könnten, was ich fühle, als ich im Tal das imposante Panorama beobachte. Es ist ein lebenslanges Abenteuer, das so eindrucksvoll ist, wie die Sanddünen im Nationalpark Lençóis Maranhenses, nur mit anderen natürlichen Merkmalen.

Vom Haus von Seu Joia wartet auf mich ein grosser Aufstieg auf einen der Berge. Zum Glück ist der Weg nicht so steil, also kann ich mich langsam problemlos fortbewegen. Ich mache oft Pausen, bewundere dank dem schönen Wetter das langgestreckte Tal und die imposante Aussicht.

Majestätische Felsen, so weit das Auge reicht

In den letzten zwei Stunden der Wanderung bin ich im ausgetrockneten Flussbett unterwegs. Ich erblicke die charmante Stadt von Andaraí und laufe die letzte Strecke auf einem langen steinigen Pfad. Mit grosser Erleichterung und sehr erschöpft komme ich gegen 15 Uhr in der kleinen Stadt an. Ich finde schnell meine Unterkunft und nach einer sehr verdienten grossen Portion Açaí beginnt sofort die Phase des Entspannens. Es wird wieder mal Tage dauern, bis ich mich von den mehr als 100 km der letzten sechs Tage erhole…

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