In Paraty angekommen, fühlte ich mich, als wäre ich Jahrhunderte in der Zeit zurückgeflogen: Ich war in einem kleinen, beschaulichen Kolonial-Küstenstädtchen mit verkehrsberuhigten Kopfsteinpflastergassen zwischen sehenswerten Kirchen unterwegs. Ich habe den schmackhaften lokalen Cachaçá-Schaps, namens „Coqueiro“ und auch die Königin der Liköre, den „Gabriela“ gekostet, beides sehr leckere Getränke. Ich habe Ausflüge im unberührten Regenwald von Trindade unternommen, besuchte zahlreiche fabelhafte Strände und auch den berühmten “Felsen, der verschluckt.”

Nach dem Frühstück ging es mit Paul und Jakob zum Hafen von Ilha Grande, um mit der Morgenfähre die Insel zu verlassen und nach Angra dos Reis zu fahren. Der deutsche Oliver hat sich uns auch angeschlossen und zusammen mit ihm waren wir am Vortag an den nahe gelegenen Stränden von Vila do Abraão unterwegs.

Azurblaues Meer und imposante Berge

Wir hatten Glück mit dem großen Katamaran, wir haben nämlich nur die Hälfte des Preises bezahlt wie Tage zuvor für das Schnellboot und die Fähre bewegte sich langsam fort. So war es von der Zeit her doppelt so lang, aber nichts desto trotz bewunderten wir die benachbarten malerischen Inseln und das azurblaue Meer.

Farbenfrohes Angra dos Reis

Wir sind um 11 Uhr im Hafen von Angra dos Reis angekommen, und anstatt eines lokalen Busses gingen wir stattdessen zu Fuß zum Busbahnhof. Es war ein langer Weg zum Busbahnhof, da unsere lieben Brasilianer den Terminal fast schon außerhalb von Angra erbaut haben. Zumindest durften wir uns mit der Stadt Angra dos Reis ein wenig vertraut machen. Die bunten Häuser am Hang gefielen mir ziemlich gut, aber das Gesamtbild mit der Innenstadt und der Küste war eher unspektakulär und daher weniger beeindruckend. Das Stadtbad war nicht wirklich hübsch, daher ist es nachvollziehbar, daß die meisten Touristen eher Ilha Grande als Ziel wählen oder nach Paraty, Ubatuba, oder nach Ilhabela weiter reisen. Ich habe mir als nächstes Ziel die beschauliche Kolonialstadt Paraty ausgesucht.

Wir mussten dreißig Minuten im Terminal verbringen, um einen Bus nach Paraty zu bekommen. Unser Bus war eher ein einfacher Stadtbus als ein bequemer Langstreckenbus. Wir bewegten uns langsam in Richtung der Küste und hielten an mehreren Stellen. So kamen wir erst nach ca. drei Stunden Fahrtzeit in der denkmalgeschützten Kolonialstadt Paraty an, welche im Jahr 1667 von den Portugiesern gegründet wurde.

Paraty vom Aussichtspunkt aus

Während meiner ersten Brasilienreise besuchte ich 2011 mit meiner Cousine Paraty schon mal und auch heutzutage erinnern wir uns gerne an die tollen Tage in und um die Kolonialstadt.

Meine deutschen Weggefährten hatten in einer anderen Unterkunft reserviert als ich und so trennten wir uns vorerst mal, hatten aber ausgemacht, dass wir uns am Abend für ein paar Caipirinhas auf den kopfsteingepflasterten Straßen der Innenstadt treffen würden.

Leider funktionierte das Internet in meiner ausgewählten Unterkunft nicht und die Rezeption war auch nicht in der Lage zu sagen, wann das Problem genau behoben wäre. So annullierte ich lieber meine Buchung und schmiedete sofort neue Pläne. Ich entschied mich für das gleiche Hostel wie meine Weggefährten. Es war witzig die Jungs gleich nach unserem Abschied nochmal zu sehen. So schnell werden wir einander nicht mehr los…

Die Festung aus dem 17. Jahrhundert

Nach einem reichhaltigen selbstgemachten Crepioca (Tapioka-Pfannkuchen gebacken mit Käse als Füllung) ging es für unsere Gruppe als erstes zur alten Festung mit ihren aus Bronze gegossenen Kanonen. Der Platz bei der Festung bietet einen wunderbaren Rundumblick auf die Stadt und auf das Meer. Die Festung wurde für das Abwehren der Angriffe der Piraten und der fremden Schiffe gebaut und stammt wie die meisten Gebäude und Kirchen des historischen Zentrums von Paraty aus der Kolonialzeit.

Weiter ging es in die denkmalgeschützte Altstadt, welche seit der Kolonialzeit erhalten blieb. Die in den Ausläufern des dichten Regenwaldes befindliche Stadt hat fast vollständig die historischen Meisterwerke der Architektur des 17. Jahrhunderts bewahrt. Sowohl die Gebäude, als auch die Kirchen aus der Kolonialzeit wurden in geradezu vorbildlicher Art und Weise erneuert.

Die charmante Altstadt

Die Häuser des Centro Histórico sind alle weiß getüncht, ihre bunten und dekorativen Häuserecken sind ein unentbehrlicher Bestandteil der mit farbigen Fenster- und Türumrandungen geschmückten Gebäude. Auch die schmiedeisernen Balkone der Häuser spiegeln getreulich wider, dass Paraty dank strenger Bauvorschriften sein originales Ortsbild mit seinem einzigartigen Charme bewahrt hat.

Die groben, unregelmäßig gelegten Kopfsteinpflaster ​​der engen Straßen waren Jahrhunderte vorher von den damaligen Sklaven verlegt worden. Paraty’s historisches Zentrum ist eine autofreie Zone, die meisten Straßen dürfen nur von Eselkutschen befahren werden.

Die historische Altstadt, die in diesem Jahr ihr 60-jähriges Bestehen feiert, steht unter Denkmalschutz und ist Teil des UNESCO-Weltkulturerbes. Aufgrund des abwechslungsreichen dunkelgrünen Urwalds des Nationalparks Serra da Bocaina sind Paraty und seine Umgebung seit 1992 fester Bestandteil des Biosphärenreservats im Atlantik.

Capelinha in Paraty

Die erste Blütezeit von Paraty im 17. Jahrhundert war dem florierenden Gold- und Edelsteinabbau der brasilianischen Provinz Minas Gerais zu verdanken. Paraty war einer der wichtigsten Verschiffungshäfen in Brasilien für den Export der wertvollen Güter ins Mutterland nach Portugal. Das Gold und die Edelsteine gelangten in die Hafenstadt über die berühmte Goldroute Caminho do Ouro, welche ebenfalls von Sklaven erbaut wurde.

Mit dem Bau einer Straße von den Goldabbaugebieten in Minas Gerais nach Rio de Janeiro nahm die Bedeutung Paratys schlagartig ab. Rio de Janeiro wurde im Jahr 1763 zum Zentrum der portugiesischen Kolonialmacht.

Große Auswahl an lokalem Cachaça und Liqueur

Während des 19. Jahrhunderts verlagerte sich Brasilien’s wirtschaftlicher Schwerpunkt von Nordosten nach Südwesten, da die Bedeutung von Goldabbau und Zuckerrohr sank und die Kaffeeproduktion immer mehr an Wichtigkeit gewann.

Das ideale Klima von Paraty und dem südöstlichen Teil begünstigte eine großangelegte Kaffeeproduktion. Die größten Plantagen befanden sich im Paraíba-Tal zwischen São Paulo und Rio de Janeiro. Die kleine Küstenstadt Paraty, der nächstgelegene Hafen, wurde zu einem blühenden Landeplatz für die wertvollen Kaffeebohnen und erlebte ihre zweite Blütezeit. Von der ruhigen Kolonialstadt gelangte der Kaffee auf den Schiffen in die ganze Welt.

Der Bau einer Eisenbahnlinie nach Rio de Janeiro drängte Paraty jedoch zum zweiten Mal in die Vergessenheit, so dass ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Kaffee ausschließlich aus den beiden großen Hafenstädten Santos und Rio de Janeiro nach Europa exportiert wurde. Paraty und der Caminho do Ouro verschwanden von der Bildfläche. Von 16.000 Einwohnern im Jahr 1851 schrumpfte die Stadtbevölkerung auf rund 600 zum Ende des 19. Jahrhunderts. Paraty fiel in einen Dornröschenschlaf.

Stimmungsvolle Brücke

Doch ab 1950 ging es wieder aufwärts da der Tourismus einsetzte. Kein Wunder: man kann sich dem Zauber dieses schmucken alten Städtchens nicht entziehen. Seine alten Kirchen, die gepflasterten Straßen, die kolonialen bunten Häuschen und die nahe gelegenen Wälder, Wasserfälle und das azurblaue Meer machen es zu einem beliebten Reiseziel.

Brasilianische Künstler haben die alten Herrenhäuser und Lagerhallen gekauft und renovierten diese stilvoll. Heute strahlen sie alle in ihrer ursprünglichen Pracht. In der Stadt gibt es fast 200 Kunstgalerien, tolle Restaurants und Bars mit Livemusik unterhalten die zahlreichen Besucher Tag für Tag.

Das bekannteste Bild von der Stadt ist die Igreja de Santa Rita de Cássia, aufgenommen vom Meer her. Im 18. Jahrhundert wurde die brasilianische Gesellschaft sowohl nach Hautfarbe als auch nach Klasse und Region geschichtet. Die kleine Kirche wurde 1722 von Sklaven für all jene gebaut, die als Mulatte wegen ihrer Hautfarbe keinen Zugang zu den Kirchen der Weißen oder der Schwarzen hatten.

Die Igreja de Santa Rita

Obwohl Paraty direkt am Meer liegt ist das Baden auf seinen ziemlich unspektakulären Stränden nicht zu empfehlen. Eher sollte ein Boot gechartert werden oder man bucht vom Dock aus diverse Halbtages-, oder Tagestouren zu den umliegenden unbewohnten Inseln mit ihren zahlreichen Sandstränden. Der Slogan der meisten Tourismus Agenturen „Komm auf unsere Bootstour, es gibt unbegrenzten Caipirinha-Konsum“ hat mich nicht wirklich umgehaut, so habe ich mich am nächsten Tag ins benachbarte Trindade begeben. Ich war sehr gespannt, was sich seit meinem letzten Besuch in 2011 im Fischerdorf verändert hat. Wie bei den Wanderungen auf Ilha Grande begleitete mich wieder mal Jakob.

Trindade ist in einer 40-minütigen Busfahrt von Paraty aus zu erreichen. Im Regenwald des Mata Atlântica finden sich wunderschöne Traumstrände und faszinierende Wanderwege. Das kleine Dorf ist ein beliebter Ferienort sowohl für die Brasilianer als auch für ausländische Touristen.

Traumstrand, Begeisterung pur!

Nach unserer Ankunft begannen wir den schönen Strand Praia de Cepilho im Westen der Siedlung zu erkunden und nach einer Stunde Wanderung zogen wir weiter zum Praia do Cachadaço. Letzteres ist eine Traumstrand-Sammlung, von der aus man entweder mit einem Boot oder zu Fuß die natürlichen Wasserbecken von Caixa D’aço ansteuern kann. Wir erreichten die Pools durch den Regenwald zu Fuß und waren beide enttäuscht. Sie waren nämlich voll mit Brasilianern, die vorhatten zu schnorcheln. Abgesehen von einigen kleinen bunten Fischen und den Felsformationen fanden wir hier nichts interessantes für uns, so gingen wir schnell in Richtung einer weiteren Attraktion dem Cabeça do Índio (“der Kopf der Indianer”) weiter.

Zauberhafte Bucht

Wir waren vielleicht fünf Minuten im Dschungel unterwegs, als wir auf dichte undurchdringliche Büsche gestoßen sind, die nicht mal umgangen werden konnten. Ohne Machete war es ein komplizierter Fall, so sind wir auf dem normalen Pfad im Regenwald zum Strand Praia do Cachadaço zurückgekehrt.

Letzterer ist auch dafür berühmt, dass man nach 20 Minuten Fußmarsch im Urwald eine ganz besondere Attraktion findet, die bei den Touristen immer beliebter wird. Ich habe schon ein Video darüber vor Monaten auf Facebook entdeckt, so wollte ich die Touristenattraktion selber sehen und diese auch mit Jakob teilen.

Piscina Natural do Caixa D’aço

Der atemberaubende Ort heißt “Pedra que engole”, was auf Deutsch “der Felsen, der verschluckt” bedeutet. Die spektakuläre Felsformation befindet sich bei einer kleinen Höhle hinter einem Wasserfall. Die Felsen sind in einem schnell fließenden Strom zu finden und man muss dabei den Mut haben, den Körper unter einen Felsen zu schieben, bei dem man nicht sieht, wo man landet, da davor ein kleiner Wasserfall ist. Nachdem man sich zwischen die Felsen gleiten ließ, findet man sich kurz danach in einer kleinen Höhle wieder. Hier hat sich ein kleines Becken gebildet, das Wasser ist ruhig. Will man wieder raus, lässt man sich einfach treiben. Ich habe mich nicht getraut, aber Jakob und einige Einheimische ließen sich verschlucken und genossen die außergewöhnliche Attraktion.

Der „Felsen, der verschluckt“

Auf dem Heimweg versuchten wir noch einen Abstecher nach Paraty Mirim, auf dem Mittelweg zwischen Trindade und Paraty, zu machen, allerdings wurde es zu schnell finster und da Jakob barfuß auf der Schotterstraße unterwegs war, beschlossen wir heimzukehren, um zusammen mit Paul und Oliver wieder etwas Leckeres zu kochen. Das war dann auch unser letztes gemeinsames Abendessen, denn meine deutschen Weggefährten sind noch einen weiteren Tag in Paraty geblieben. Ich musste am nächsten Tag weiter nach São Paulo, denn am Tag darauf hatte ich nämlich einen Flug über Santa Cruz de la Sierra nach La Paz in Bolivien. Meine brasilianischen Verwandten in São Paulo wollte ich auch unbedingt wieder gern treffen, das letzte Mal haben wir uns im Jahr 2015 gesehen…

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