Nach den Verwüstungen des Hurrikans Eta bin ich erst Tage später auf die Osa-Halbinsel aufgebrochen, wo nach vielen Jahren ein alter Traum in Erfüllung ging und ich die mystischen präkolumbianische Artefakte Costa Ricas aus nächster Nähe begutachten konnte. Ich habe es nicht erwartet, daher war es eine große Überraschung, in der Diquismündung ganz zufällig auf die größte bisher gefundene Kugel – mit einem Durchmesser von mehr als 2,5 Metern – zu stoßen…

Der gefährliche Wirbelsturm gewann in Costa Rica an Kraft und wütete weiter. Infolgedessen steckte ich für ein paar Tage in meiner Unterkunft in Quepos fest. Zum Glück hatte das Wide Mouth Frog Hostel eine große offene Küche und eine riesige überdachte Terrasse, sodass ich mit unerwartet viel Freizeit nach meinem Geschmack kochen und von der Dachterrasse aus die Verwüstung der sintflutartigen Regenfälle beobachten konnte. Es gab Tage, an denen es 24 Stunden lang ununterbrochen geregnet hat. Unterdessen kamen alarmierende Nachrichten von Gustavo, der an der Rezeption arbeitete. Durch die heftigen Regenfälle der letzten Tage ergossen sich mehrere Flüsse aus dem Flussbett, Autos sind mitten auf der Straße liegengeblieben, mehrere Personen mussten gerettet werden. Gott sei Dank habe ich auf dem hoteleigenen Parkplatz einen überdachten Platz für meinen Mietwagen bekommen. Wenige Tage später stabilisierte sich die landesweite außergewöhnliche Notlage und der verheerende Hurrikan Eta legte endlich eine Pause ein. Der Notfall war vorbei, die gesperrten Straßen wurden wieder freigegeben, so konnte ich weiterfahren.

Unterwegs halte ich an einigen Stränden an. Ich finde keine schönen Küstenabschnitte, aber sehe einen Mangrovereiher.

Während meiner Reise 2017 wurde die Gegend um den Corcovado-Nationalpark im Südwesten des Landes zu meinen absoluten Favoriten, so dass ich es kaum erwarten konnte, wieder in die artenreichste und abgelegenste Region Costa Ricas zurückzukehren. Bevor ich jedoch wieder durch den üppigen Dschungel rund um Bahía Drake und die kilometerlange menschenleere Küstenlinie in Carate spazierte, hatte ich eine wichtige Mission, die vor vier Jahren leider nicht auf meinem Programm stand. Seitdem bereute ich es und sehnte mich danach, die geheimnisvolle Steinkugelkultur der Ticos irgendwann einmal kennenzulernen und die präzise bearbeiteten Steinkugeln visuell begutachten zu können. Ja, es geht um die präkolumbianischen Steinbälle in Costa Rica, ein archäologisches Mysterium, von dem die meisten der internationalen Touristen – höchstwahrscheinlich – noch nie gehört haben. Kein Wunder, denn archäologische Stätten und historisch wichtige Denkmäler sind nicht wirklich im Programm der in Costa Rica Reisenden enthalten. Das Nationalmonument Guayabo war vor Wochen eine beeindruckende Attraktion auf meiner aktuellen Tour und ein ähnlich besonderes Erlebnis versprachen auch die riesigen Steinkugeln, die allgemein derausgestorbenen Diquís-Kultur zugeschrieben werden.

Ich habe vier Jahre auf diesen Moment gewartet.

Wo genau befinden sich diese imposanten archäologischen Relikte? Das Diquís-Delta ist ein Teil der südlichen Region des Landes, in dem die verstreuten Steinkugeln – trotz illegaler Plünderungen von „Schatzsuchen“ – immer noch vorkommen. Die massiven Steinkugeln können sowohl am Fundort Batambal als auch in dem zwischen den Bananenplantagen der Finca-6 eingebetteten Gebiet in der Nähe des Pazifiks besichtigt werden, sofern nicht gerade einer der Fundorte wegen der aktuellen Pandemie-Situation geschlossen ist. Obwohl ich in Quepos plötzlich viel Freizeit hatte, konnte ich leider nicht herausfinden, ob die oben genannten Sehenswürdigkeiten geöffnet sind. Ich hatte nicht viel zu verlieren, da das Diquís-Delta – mit minimalem Umweg – sowieso auf dem Weg zur Osa-Halbinsel war.

Die Dampflokomotive Baldwin kam 1940 ins Land, um während der Bananenära täglich Obst von den Plantagen zu den Häfen zu transportieren.

Der Parque de Las Esferas in Palmar Sur bietet neben dem berühmten Zug und einigen gefälschten „Sphären” auch andere Attraktionen.

Als ich Ciudad Cortés auf der Panamericana verließ, bemerkte ich ein interessantes Straßenschild, das die archäologische Stätte El Silencio ankündigte. Ich habe noch nie davon gehört, war aber sehr neugierig darauf, also folgte ich dem Weg, der auf einer Nebenstraße zu den Ruinen (?) führte. Auf einer unbefestigten Straße erreichte ich nach ca. 4-5 km die Einfahrt zum Gelände, das zu meinem größten Bedauern gesperrt war. Wenn ich schon so lange unterwegs war und vor dem Eingang stehe, gehe ich irgendwie rein, dachte ich. Nach kurzer Kontrolle entdeckte ich eine Lücke im Zaun, wo ich mich seitwärts warf und mich durchquetschte.

Ich besichtige den bisher größten entdeckten Felskoloss.

Ich finde die Ruinenstätte El Silencio ganz zufällig.

Anfangs habe ich im Park nichts Interessantes gesehen. Um ehrlich zu sein, habe ich nur das leerstehende, verfallene Parkwächter-Haus gefunden. Es muss hier irgendwo irgendetwas geben. Also suchte ich weiter, um wenige Minuten später endlich die größte aufgezeichnete Kugel der unbekannten Megalith-Kultur zu finden. Im Jahr 1992 wurde die Existenz der El Silencio-Steinkugel zum ersten Mal festgehalten. 2012 wurde die Ausgrabung und vollständige archäologische Untersuchung von Archäologen des Nationalmuseums von Costa Rica durchgeführt. Das Relikt bildet wie die historischen Artefakte in Batambal eine perfekte geometrische Form. Die Entstehung der mysteriösen Steinkugeln hängt vermutlich mit der sogenannten Diquís-Kultur zusammen, die die Archäologen in die Zeit zwischen 600 und 1000 n. Chr. einordnen.

Obwohl die Fundstätte wegen der Corona-Pandemie geschlossen ist, besichtige ich sie trotzdem.

Ähnliche Steinkugeln wurden noch in Neuseeland (Moeraki Boulders), Bosnien und Herzegowina (Podubravlje / Zavidovići) und 2014 auf dem Mars gefunden. Seit der Veröffentlichung der ersten wissenschaftlichen Arbeit Ende der 1930er Jahre gelten die mehr als 350 Steinkugeln von Costa Rica als eines der großen archäologischen Mysterien der Welt, da ihr Ursprung, ihre Entstehungszeit und ihr Zweck bis heute nicht erforscht ist. Wegen relevanten Hintergrundgeschichten und mystischen Theorien beschloss ich, ins nahegelegene Batambal weiterzureisen, um dort weitere vollkommen runde Steinkugeln von hervorragender Qualität hautnah zu erleben. Da Batambal neben Finca-6 die wohl größte Fundstätte im Mündungsgebiet der beiden Flüsse Térraba und Sierpe ist, habe ich mich darauf verlassen, dass ich dort einen Parkranger oder einen Einheimischen finden könnte, der mir mehr über die geheimnisvollen kulturellen Monumente erzählen kann.

Mit so einer perfekten Form kann die Kugel nur künstlich sein.

Trotz der Lage auf einem künstlich angelegten Hügel war es in Cañas Blancas mangels Wegweisern nicht einfach, die wissenschaftliche Kuriosität zu finden, die überraschenderweise auch verschlossen blieb. Ich fand die winzige Rangerstation leer vor, also schlich ich mich ins nun wieder verlassend stehende Gelände. Verglichen mit der Tatsache, dass die “Sphären” von Costa Rica im Sommer 2014 von der UNESCO zum Welterbe ernannt wurden, fand ich es etwas seltsam, dass der Zugang zur Kultstätte geschlossen war. Vielleicht ist der Ausbruch der Corona-Pandemie die Ursache, oder es ist für den Fundort einfach kein Budget vorgesehen, ich weiß es leider nicht.

Es lässt sich vermuten, dass hier einmal eine Behausung stand.

Wer in Batambal spazieren geht, findet bestimmt Steinkugeln.

Hier habe ich schon einige Informationstafeln gefunden, von denen ich erfahren habe, dass das UNESCO-Welterbe aus vier archäologischen Grabungsorten besteht, von denen mir die Stätte Grijalba-2 nichts sagte. Archäologen zufolge könnte Batambal ein wichtiges Machtzentrum gewesen sein, das aus gepflasterten Plätzen, Gräbern und gigantischen Petrospheres bestand. Von den „Sphären” finde ich in Batambal einige. Auffallend ist, dass sie eine nahezu perfekte Kugelform bilden. Auch die Größe variiert zwischen einigen Zentimetern und mehr als zwei Metern im Durchmesser. Woraus bestehen sie? Die meisten von ihnen bestehen aus dunkel geflecktem Gabbro (ein magmatisches Gestein), Kalkstein, Sandstein und Basalt. Bearbeitungswerkzeuge wurden in keiner der Fundstätten gefunden, so bleibt die Herstellung der Steinkugeln ein unentdecktes Geheimnis. Auch über den ursprünglichen Zweck der Kugeln sind die Wissenschaftler unsicher. Die Einheimischen behaupten, dass die Häuser mit riesigen Steinkugeln geschmückt waren, während eine Legende besagt, dass die “Las bolas grandes” Kanonenfutter vom Tara – Gott des Donners – waren, um Götter des Windes und des Sturms vom Land zu vertreiben.

Wie wurden die berühmten Kugeln hergestellt?!

99 von 100 Touristen werden die historischen Monolithe der Finca-6 auf ihrer Costa Rica Reise nicht besuchen.

Ich werde bei den Steinkugeln der Finca-6 auch nicht viel schlauer, da ich das 2013 eröffnete Museum aufgrund der COVID-19-Pandemie geschlossen vorfinde. Zumindest auf dem Gelände hinter dem Museum kann ich aber einen näheren Blick auf die Dutzende von Steinkugeln – geometrisch angeordnet als Gerade -der ehemaligen Stadt der Diquis werfen. Der Wissenschaft zufolge war nämlich die Finca-6 möglicherweise das wichtigste Zentrum zweier Kulturepochen (Aguas Buenas und Chiriquí), die in den 1930er Jahren durch das Anlegen von Bananenplantagen für die United Fruit Company entdeckt wurden.

Zwischen zwei Dutzend runden Brocken fotografiere ich Bananenlifte.

Die meisten dieser geheimnisvollen Steine finde ich auf den Trails der Finca-6.

Kurzgesagt, es war sehr interessant, ein bisschen von den aufregenden Artefakten der Steinkugelkultur zu erfahren. Mit den mystischen Sphärensteinen hatte ich heute eine sehr spezielle Erfahrung. Nach dem spannenden archäologischen Abstecher kann ich mich ab morgen ausschließlich der Fauna von Costa Rica widmen, auf geht es zur Halbinsel Osa und zum Nationalpark Corcovado!

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