Meine einmonatige Erholungspause in der Nähe von Bogotá ging schnell zu Ende, deshalb habe ich für meine Weiterreise neue Pläne schmieden müssen. Wohin sonst hätte ich als Erstes gehen können, um größere Hochgebirgstouren in den kolumbianischen Kordilleren zu unternehmen, als in den Nationalpark Sierra Nevada del Cocuy?! Vom ersten Tag an haben sich die felsigen Felsentürme der Anden, die über 5.000 m liegenden Gletscher und der magische, faszinierende Páramo, in mein Herz geschlossen. Ich habe das Gefühl, einen der schönsten Orte und die freundlichsten Menschen des Landes gefunden zu haben.

Die charmante Andensiedlung El Cocuy liegt im Nordosten Kolumbiens im Departamento de Boyacá, ca. 1,5 Stunden vom Eingang des Nationalparks entfernt. Ich plante meine Anreise nach El Cocuy mit dem Nachtbus. Obwohl ich Terminal Salitre, den beliebten Busbahnhof der Hauptstadt mehrmals aufgesucht hatte, konnte ich keine Fahrkarte im Voraus für den einzigen Nachtbus erwerben.

Glücklicherweise war es am Abend vor meiner Abreise kein Problem, direkt am Schalter eine Karte zu bekommen. Allerdings war es sehr herausfordernd, die Logistik vor Ort im Voraus zu planen und organisieren, denn im Nationalpark hat sich im Laufe der Jahre vieles verändert. Bis vor kurzem war es noch möglich, ohne ortsansässigen Bergführer trekken zu gehen und mächtige Andengipfel alleine zu besteigen oder während einer fünftägigen, 50 km langen, Wanderung in der Natur im Zelt zu übernachten…

…heutzutage muss für jede Wanderung ein lokaler Guide organisiert werden. Statt einer mehrtägigen abwechslungsreichen Tour kann der Wanderinteressierte nur drei Tagesausflüge in den Bergen der Kordillere unternehmen. Einer davon ist der Trek Ritacuba (Ritak U’wa), der ca. 14 km lang ist und von 4.000 m Höhe bis an den Fuß des Gletschers (auf fast 5.000 Metern) führt.

Marta, die lokale Bergführerin, die auch das Gästehaus “El Caminante” leitet, spielte eine wichtige Rolle bei den Vorbereitungen rund um meine Reise. Marta bot mir die Möglichkeit an, vor den atemberaubenden Hochgebirgswanderungen in ihrer einfachen, aber sehr sauberen Pension zu übernachten und auch bei der Suche nach anderen Trekking-Touristen zu helfen. Warum war das notwendig? Am Hochgebirge wandere ich sehr gerne alleine oder mit einem einzigen Begleiter, aber hier machte es mir nichts aus, die drei angebotenen Bergtouren gemeinsam mit anderen Wanderliebhabern zusammen anzugehen…

…man kann nämlich den obligatorsichen Bergführer-Tagessatz mit anderen Mittrekkern teilen. Der Tagessatz entspricht 140.000 COP pro Tag, das sind umgerechnet ca. 43 US-Dollar. Gemäß den Vorschriften der Nationalparkverwaltung kann ein Bergführer bis zu fünf oder sechs Wanderer führen, daher freute ich mich darauf, bei Möglichkeit den obligatorischen Tagessatz zu teilen.

Im Bus nach El Cocuy entdeckte ich schnell zwei weitere Touristen, nämlich Louise und Gilles aus Belgien. Wir saßen direkt hintereinander im Bus, so waren wir schnell miteinander ins Gespräch gekommen. Nach einem kurzen Gespräch stellte sich heraus, dass die beiden Austauschstudenten waren und so wie ich wegen Bergtouren nach El Cocuy anzureisen vorhatten. Auf Anregung ihrer kolumbianischen Bekannten von der Universität setzten sie sich auch mit meiner lokalen Kontaktperson Marta in Verbindung. Louise und Gilles hatten ebenfalls vor, in Marta’s Pension unterzukommen und planten weiters, mit ihr als Bergführerin wandern zu gehen.

Für den Anfang schien also alles perfekt zu laufen, aber vor der Abfahrt stellte sich heraus, dass das Endziel unseres aktuellen Busses nicht das Städtchen El Cocuy, sondern eine andere Siedlung ca. 30 km davor sei. Beim Angestellten des Busunternehmens und beim Fahrer zeigten wir sofort unsere Fahrkarten nach El Cocuy vor. Nachdem ungefähr zehn Minuten vergangen waren und der Fahrer öfters hektisch telefonierte, versprach er uns für die letzte Etappe ohne extra Kosten ein weiteres Transportmittel.

Der wunderschöne Nationalpark, der auch als “Klein-Patagonien” bekannt ist, wurde im letzten Jahrzehnt von den Guerilla-Gruppen befreit und einige Jahre darauf aufgrund von Auseinandersetzungen mit der indigenen Bevölkerung der Uwas gesperrt. Nachdem der Nationalpark für Touristen wieder zugänglich ist, müssen Wanderer ihren Besuch auf drei Wanderwege beschränken und sich auch an eine Reihe neuer Vorschriften halten.

Vor Betreten des Parkgeländes muss sich jede(r) bei einem der örtlichen Verwaltungsbüros anmelden, den Namen des Bergführers und seine Kontaktinformationen angeben und eine obligatorische Unfallversicherung abschließen. Wir haben auch herausgefunden, dass Pferde und Maultiere im Nationalpark nicht erlaubt sind. Die letztgenannte Vorschrift wurde zum Schutz der Espeletia (auch Frailejon genannt) eingeführt, die sich bevorzugt im Páramo, einem typischen südamerikanischen tropisch-montanen Ökosystem findet. Man behauptet, daß der Frailejon zu den am stärksten bedrohten Pflanzengemeinschaften der Welt gehört.

Was ist denn ein Frailejon? Frailejon ist eine charakteristische Pflanzengesellschaft, die in der Páramo-Region der tropisch-äquatorialen Hochlandsteppen Südamerikas in den Höhenlagen der Gebirge vorkommt. Die Espeletia wächst hauptsächlich inmitten samtiger Bergwiesen der nördlichen Anden an Orten, an denen der jährliche Niederschlag 1000 mm erreicht.

Nachdem wir die erforderlichen Unterlagen ausgefüllt und eine spezielle Unfallversicherung abgeschlossen haben, mussten wir nur noch festlegen, in welcher Reihenfolge wir die Tagesausflüge angehen werden und wer uns führen wird. Louise und Gilles haben beschlossen, einen Akklimatisationstag einzurichten, um sich allmählich an den in den Kordilleren vorherrschenden geringeren Luftdruck zu gewöhnen. Außerdem haben meine belgischen Begleiter beschlossen, die anspruchsvollste Bergtour, die Ritacuba Wanderung, auszulassen. Wir waren uns sehr schnell einig, die beiden anderen aussichtsreichen Höhenwanderungen mit Marta als Bergführerin anzugehen.

Also bin ich am nächsten Tag alleine mit meinem lokalen Guide Yamit, zum Ritacuba-Trek aufgebrochen. Es war aber noch ein kleines bisschen Logistik zu organisieren. Ich musste nämlich in der Früh von El Cocuy zum Ausgangspunkt der ersten Bergtour und am Ende des Tages zu meiner nächsten Unterkunft, der Hacienda “La Esperanza” gelangen, wo die beiden anderen Hochgebirgswanderungen beginnen sollten. Ich traf Yamit am frühen Morgen. Ausgerüstet mit meinem Zelt, einem Schlafsack und viel Proviant auf meinem Rücken machten wir uns auf den Weg zu einem fast 20 km langen holprigen Abschnitt eines Feldweges, um zum Ausgangspunkt der Wanderung zum nördlichsten Teil des Nationalparks zu gelangen.

Seit der offiziellen Wiedereröffnung der Sierra Nevada del Cocuy ist es den Touristen untersagt, den für die Indigenen heiligen Schnee und das Eis auf den Bergen zu berühren. Es gibt, wie in Südamerika oft, Ausnahmen, wie das Foto eben zeigt. Die Crew des kolumbianischen Nachrichtensenders Caracol wandert durch Eis und Schnee, um den passendsten Drehort für eine Reportage zu finden.

Mein Bergführer Yamit wartet etwas gelangweilt darauf, dass ich am höchsten Punkt unseres aktuellen Treks viele Naturfotos knipse.

Der Nationalpark Sierra Nevada del Cocuy ist der höchste Teil der östlichen Anden Kolumbiens, alleine 15 Berge sind höher als 5.000 Meter. Während meiner aktuellen Bergtour gelangte ich mit meinem Führer an den Fuß des Ritacuba-Gletschers, wo ich aus unmittelbarer Nähe Fotos vom schneebedeckten Berghang des Ritacuba und den eisigen Gipfeln machen konnte. Es war eine einfach faszinierende, erhebende Erfahrung!

Ich posiere stolz vor der Kamera auf dem höchsten Punkt – auf fast 5.000 Metern – des Nationalparks, an den man als Besucher gelangen kann.

Auf dem üblichen Pfad kehrten wir durch das Tal der Frailejones zum Ausgangspunkt der Wanderung zurück, von wo aus Yamit mich – wieder mit vollem Rucksack auf meinem Rücken – zur Hacienda “La Esperanza” transportiert hat. Nach einem schnellen Zeltaufbau und einem großen Teller heißer Suppe ging ich rechtzeitig ins Bett. Schon morgen früh treffe ich mich mit meinen belgischen Kollegen und Marta zu einem weiteren Hochgebirgsabenteuer!

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