Ich besuchte Chavín de Huantar, die bedeutende religiöse und administrative Zeremonienstätte der Zeit der Prä-Inka im Hochland von Peru. Erbaut vor der traumhaften Kulisse der Anden war Chavín de Huantar der Ursprungsort der andinen Hochkulturen und Zentrum der Mutterkultur des Andenraumes. Die Chavín-Kultur gilt auch als die erste Zivilisation auf dem Gebiet des heutigen Peru, die bereits einfache Techniken zur Goldbearbeitung kannte und schlangenförmige Schmuckstücke und Goldplättchen in Form von stilisierten Raubkatzenmotiven anfertigte. Am interessantesten und beeindruckendsten fand ich jedoch das unterirdische Tunnel-Labyrinth, in dessen bisher unerforschten kleinen Korridoren Archäologen vor einigen Monaten die ersten Gräber aus dieser Epoche überhaupt entdeckten. Riesige Granitmonolithen und prähistorische Steinreliefs machten meinen Ausflug noch unvergesslicher.

Nach drei Tagen intensivem Trekking im markanten Bergmassiv der Kordilleren wollte ich mit meinem aktuellen Weggefährten Michael an keiner neuen Hochgebirgswanderung teilnehmen. Wir hatten beide vor, nach dem gemeinsamen Bergerlebnis etwas anderes zu unternehmen, daher haben wir uns ziemlich schnell darauf geeinigt, das älteste bekannte Steinbauwerk Perus, Chavín de Huantar, zu erkunden.

Chavín de Huántar war sowohl ein religiöses Zentrum als auch ein wichtiger Wallfahrtsort

Wir haben die zauberhafte Stadt im engen Gebirgstal Callejón de Conchucos auf eigene Faust erkundet. Die Idee einer organisierten Tour wurde schnell verworfen, als sich herausstellte, dass die Reisegruppe kurz vor der Ankunft in der gewaltigen Tempelanlage als erstes gemeinsam zum Mittagessen (!) in der Stadt geht und erst gegen 14 Uhr am Nachmittag mit der Erkundung des ehemaligen monumentalen Heiligtums beginnt. Wir wollten unbedingt unabhängig bleiben, also sind wir schon am frühen Morgen von Huaraz mit einem lokalen Bus für die etwa 2,5 Stunden lange Fahrt nach Chavín de Huantar aufgebrochen.

Der einzige Steinkopf an der ursprünglichen Stelle an den Außenmauern des Tempels

Der erste Teil unserer Reise führte uns auf der legendären Panamericana in Richtung Süden. Nachdem unser Bus auf die Route 110 abgebogen ist, ging es entlang der zauberhaften Lagune Querococha über enge Landstraßen durch wunderschöne abwechslungsreiche Andenlandschaften und den Kahuish-Pass ins Gebirgstal Callejón de Conchucos, das auf 3.500 m liegt.

Die Lagune Querococha (auf 3.980 m) als imposantes Juwel auf dem Weg nach Chavín de Huantar

Nach der Ankunft in der sympathischen Kleinstadt erblickten wir als erstes die schön gestaltete Innenstadt, deren Parkanlage reichlich mit vielen blühenden Blumen und Pflanzen geschmückt war.

Der liebevoll gestaltete Hauptplatz von Chavín de Huantar im Gebirgstal Callejón de Conchucos

Unweit vom Zentrum befindet sich das älteste bekannte Steinbauwerk Perus, Chavín de Huántar. Die gewaltigen Gebäudekomplexe, bereits 2.500 Jahre vor den Inka errichtet, stammen aus zwei verschiedenen Bauzeiten. Der Alte Tempel (Templo Viejo) des monumentalen religiösen und kultischen Zentrums der Vorkultur, wurde zweimal erweitert und im Laufe der Jahrhunderte mehrmals umgebaut. Etwa 500 v. Chr. wurde der angrenzende, imposante Junge Tempel (von den Spaniern irrtümlich als „El Castillo“ bezeichnet) aus Steinelementen vulkanischen Ursprungs hochgezogen. Der Templo Nuevo, ein dreistöckiger, quadratischer Rumpf einer Pyramide, verfügt über bedeutende Skulpturen und eine ausgeklügelte religiöse Ikonographie.

Beeindruckende Bildhauerkunst: Replik des Tello-Obelisken

Motive mit aufwendigen Steinmetzarbeiten waren charakteristisch für die Epoche

Die von den Ortsbewohnern seit langem für eigenartig und mit magischen Kräften gefüllt gehaltenen sakralen Bauwerke wurden zur „Seele der Religion.“ So diente in der Epoche Chavín de Huantar als das wichtigste Zeremonien- bzw. Kulturzentrum zur Durchführung komplizierter sakraler Rituale und Opferungen.

Treppen aus verschiedenen Epochen führen bis zu den monumentalen Steinkirchen

Der Plaza Cuadrada, der sich unterhalb des Neuen Tempels befindet, konnte nach der Erweiterung doppelt so viele Personen aufnehmen wie sein Vorgänger, der Plaza Circular, der als zeremonieller Bereich für die Kundgebungen und Rituale der Chavín-Priester bestimmt war.

Außenwände aus Felsen vulkanischen Ursprungs

Mit dem Bau des neuen Gebäudekomplexes und der Plattformen, die vermutlich als Zeremonialzentren galten, löste sich das Prinzip der relativen Gleichheit langsam auf, das Priestertum wurde mit entsprechendem Respekt versehen, sodass die neue Elite ihre dominierende Position über die Jahre mehr und mehr verstärkte. Dies war die Zeit, als die ohne obere Führungsebene versehenen Gleichstellung suchenden Gesellschaften durch Staaten und Imperien ersetzt wurden.

Der Kreisrunde Platz, ein Ort für Kundgebungen

In den langen Labyrinthen von Korridoren unter dem Tempelkomplex gibt es sehr gut erhaltene unterirdische Räume und Gänge. Die Chavín-Priester haben diese sogenannten Galerien für geheime Zeremonien und spirituelle Rituale verwendet, welche ausschließlich bestimmten Personen zugänglich waren. Während der rituellen Zeremonien wurde das Volk mit akustischen Effekten manipuliert. Begleitet vom Klang des Pututo, einer Art Muscheltrompete verwendete man bei den Ritualen auch psychotrope Substanzen.

El Pórtico de las Falcónidas, das Portal der Falken

Bei einer Ausgrabung von 2001 wurden insgesamt zwanzig Exemplare der Muscheltrompete gefunden. Aufgrund der gefundenen Artefakte wird die außergewöhnliche Akustik der Kammern und das mystische Hörspiel des verborgenen Tunnelsystems von Forschungsgruppen heute noch immer untersucht.

Nachbildung des Lanzón-Monolithen, einem Gottesbild in Menschengestalt

Einige der aus verschiedenen historischen Zeiten stammenden engen Gänge wurden nie enthüllt, so wunderten wir uns nicht wirklich, als wir herausgefunden haben, dass bis heute nur ein minimaler Teil der archäologischen Grabungsstätte, nämlich nur ca. 15 Prozent aufgedeckt wurde.

Weit verzweigtes bis heute noch gut erhaltenes Tunnel-Labyrinth

In einem der Korridore fanden Archäologen und Forscher im August dieses Jahres die Überreste von mit Steinen bedeckten drei Toten mit dem Gesicht nach unten, von denen mindestens einer vermutlich geopfert wurde. Die aktuellen Funde, die in kleinen unterirdischen Gängen dank kamerabestückten Minirobotern gefunden wurden, sind die ersten entdeckten Menschengräber der Chavín-Periode.

Das älteste Kultobjekt, der Lanzón ist eine viereinhalb Meter hohe Granitsteinskulptur

Morgen werden wir einen riesigen Schritt nach vorne in der Zeit (um die 600 und 800 nach Chr.) tun und besuchen unweit von Huaraz die Ruinen aus der Warikultur in Wilcahuain. Weiterhin haben wir auch vor, zum auf 4.580 m liegenden Bergsee, zur Laguna Ahuac zu wandern. Das sind 1.200 Höhenmeter auf nur sieben km Wegstrecke, also eine ziemlich heftige Tour!

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