Nachdem ich die in prächtigen Farben strahlenden Gebirgsseen, die Lagunen Churup und Churupita, erfolgreich bestiegen hatte, ging meine Akklimatisationstour auf den atemberaubendsten Wanderwegen der “Weißen Bergkette” weiter. Ich erwählte den Bergsee Keushu und seine alte Ruinenstätte als Teil eines wunderschönen Eintages-Trekkings in den Ausläufern des verschneiten Huandoy. Am Ende des Tages versetzte mich die Rajururi-Schlucht und ihre gewaltige Schuttmoräne in Staunen. Die Schlucht selbst ist eine ganz besondere, ungewöhnliche geologische Formation, in der man selten Touristen begegnet. Während meines Ausflugs bin ich nur auf den lokalen Eismann gestoßen…

Die Cordillera Blanca ist nach dem Hochgebirgssystem des Himalaya die zweithöchste Bergkette der Welt. Die “Weiße Bergkette” weist mehr als siebenhundert Gletscher und fast dreihundert Gebirgsseen auf. Siebzig Prozent aller tropischen Gletscher befinden sich in Peru, fast die Hälfte ist aber in den vergangenen vier Jahrzehnten wegen der Klimakatastrophe ganz oder teilweise geschmolzen.

Der kleine türkisfarbene Gebirgssee Keushu

Die bei den Wanderliebhabern sehr beliebte und einen unvergesslichen Anblick bietende Lagune 69 habe ich bereits vor vier Jahren kennengelernt. Mich verzauberten damals die beeindruckend schönen Hochland-Wiesen, die faszinierende Berglandschaft und die massiven Gletscherwände. Jedoch wollte ich nicht noch einmal zur gleichen Lagune aufsteigen.

Die andere beliebte Sehenswürdigkeit, den bestimmt beeindruckenden und einzigartigen Pastoruri-Gletscher fand ich ehrlich gesagt weniger attraktiv für meine nächste Akklimatisierungstour. Ich wollte nicht von einem auf 4.850 m liegenden Parkplatz aus auf einem gepflasterten Wanderweg mit einem kurzen Spaziergang zur Basis des auf 5.000 m liegenden Gletschers ”hochwandern”, um das Gletschereis zu bewundern.

Herrliches Wetter am Beginn der Wanderung

Ich hatte mir eine gut angelegte, ungefährliche Höhenwanderung ohne allzugrosse Höhendifferenzen in der rauen, gebirgigen Traumlandschaft der Cordillera vorgestellt. Nach kurzer Recherche fand ich den passenden Ausflugsort, die Lagune Keushu und eine imposante Schlucht mit einer gewaltigen Schuttmoräne unterhalb von Nevado Huandoy.

Ich bin wieder alleine das große Abenteuer angegangen und träumte schon am Vortag davon, im Gelände inmitten hoch aufragender Granitfelsen wandern zu gehen und die frische Luft und die ganze Schönheit der Natur zu genießen.

Beeindruckende Gletscherlagune am Beginn der Schlucht

Die Rajururi-Schlucht ist relativ leicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Getreu meinen üblichen Gewohnheiten bin ich nach einem kurzen Stopp am lokalen Markt sehr früh am Morgen Richtung Norden nach Yungay losgefahren. Auf dem Busbahnhof in Yungay musste ich eine halbe Stunde warten, bis sich der Colectivo mit genug Fahrgästen gefüllt hat. Zum Glück ist die Strecke Richtung Vaquería (einer der Ausgangspunkte des Treks von Santa Cruz) sehr populär, da sich ungefähr auf der Halbstrecke der Eingang zum Nationalpark Huascarán befindet. Unweit davon beginnt der Wanderweg zur berühmten Laguna 69.

Von der Sonne aufgelöster, gefrorener Schnee in der Schuttmoräne

Von Yungay schlängelte sich die teilweise völlig ausgewaschene, mit Schlaglöchern übersäte Schotterstraße die Pässe hinauf und hinunter. Ich plante diesmal nicht, den Nationalpark zu betreten, mein Plan war, erstmal bei den zwei kleinen Siedlungen von Huashao und Humacchuco vorbeizufahren und mich an einer Kreuzung aussetzen zu lassen.

Steil aufragende Granitfelswand

Mein lauter Ruf mit “baja aquí, por favor” löste beim Fahrer eine große Überraschung aus, und auch die französischen Touristen im Sammeltaxi sahen mich dabei ziemlich seltsam an, als ich den Minibus mitten im Nirgendwo verlassen habe und auf dem kleinen Pfad Richtung der Lagune Keushu losmarschierte.

Mit meinem Routenplaner war es sehr leicht zu navigieren, ich bewegte mich problemlos zum ca. 30 Minuten entfernt liegenden Bergsee. Ähnlich wie die Lagunen Churup und Churupita bildete sich auch der kleine Süßwassersee Keushu aus dem anfallenden Schmelzwasser des Gletschers.

Staubiges, steiniges Gletschereis

Der Gebirgssee, der eine bezaubernde Aussicht bietet, weist eine andere Besonderheit auf. In seiner unmittelbaren Nähe befindet sich ein kleiner archäologischer Komplex mit dem gleichen Namen, der aus jahrhundertealten architektonischen Überresten von dutzenden Häusern, Kirchen und verlassenden Grabstätten besteht. Der Legende nach wurden in der ehemaligen Ruinenstätte von Keushu oft Rituale und Zeremonien abgehalten. Kleinere archäologische Zeugnisse deuten darauf hin, dass hier unterschiedliche Kulturen gelebt haben. Die verschiedensten Materialien und Baustile der Häuserreste und ihre Hauswände stellen dies auch unter Beweis.

Die Reste der Andenruine

Während meiner Wanderung im zauberhaften Tal der idyllischen und ruhig wirkenden Rajururi-Schlucht traf ich keinen anderen Wanderer, alleine dem lokalen Eismann bin ich begegnet. Dieser klettert mehrmals in der Woche zum Gletscher von Huandoy hinauf, um Eis abzusägen und dieses dann auf dem lokalen Markt zu verkaufen.

Der Eismann von Huandoy

Der Pfad zog sich vollständig in die immer enger werdende feuchtkühle Schlucht zurück. Durch Büsche, Bäume und felsige Teile in dicken Nebelwolken wandernd bin ich in der Schlucht umrahmt mit steilen, hohen, aufragenden Felswänden vorangekommen. Eine düstere und hartnäckige Nebelwolke bedeckte das Nevado Huandoy komplett oder teilweise vollständig, so dass ich die weiße Pracht des Gletschers kaum erkennen konnte.

Gigantische Schlucht aus Wolken

Dem oberen Ende der Schlucht näher kommend zeigte sich endlich die lang erwartete, regelmässige Schuttmoräne, welche sich als Teil von Huandoy am unteren Rand des Gletschers über Jahrzehnte aufsammelte. Mit großer Aufregung gelangte ich auf dem ca. 500 Meter langen und 200 Meter breiten staubigen, steinigen Gelände des Eisbeckens zur Spitze der Schlucht, wo mich ein durch das viele Schmelzwasser entstandener Wasserfall erwartete.

Die Spitze zur Schlucht mit dem Wasserfall aus Schmelzwasser

Nachdem ich die gewaltigen Eisfälle des Gletschers und die Schuttmoräne lange bewundert hatte, kehrte ich zur Straße zurück, welche den Huascarán Nationalpark mit Yungay verbindet. Ohne öffentlichen Verkehr in Sicht gelang es mir nach ca. zehn Minuten Wartezeit einen Minibus von zwei Engländern anzuhalten, der mich nach Huaraz zurückbrachte.

An der Spitze der Schuttmoräne, nahe der Schluchtwand

Morgen bekomme ich Besuch aus der Schweiz, daher werde ich nach einem Tag Erholung die herausfordernden Hochgebirgswanderwege der “Weißen Bergkette” zu zweit mit Michael erkunden, der mich über meinen Blog gefunden hat und sich zur gleichen Zeit wie ich in Peru aufhält. Ich freue mich schon auf neue Gesellschaft und auf neue Pfade und bequeme, spektakuläre Tagesausflüge in der Höhenlage!

Wenn Dir meine Abenteuer gefallen und Du auch gerne mal so eine Reise erleben würdest, dann schau mal hier vorbei.

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