Nachdem ich ein Dutzend faszinierende architektonische Zeugnisse des ehemaligen Imperiums bewundert hatte, besuchte ich diesmal einen ganz besonderen Ort in Südperu. Ich konnte die Q’eswachaka, die zwischen gigantischen Felsen der Anden himmelwärts ragende uralte letzte noch funktionierende Inkabrücke hautnah erleben. Der Besuch der im Rahmen von schamanischen Zeremonien jährlich aus geflochtenem Gras neu errichteten Brücke war ebenso ein ganz besonderes Erlebnis, wie ihre Überquerung.

In den meisten Reiseführern werden hauptsächlich weltberühmte und lohnenswerte Highlights angekündigt. Im Jahr 2014 verbrachte ich meine Zeit damit, die wichtigsten Sehenswürdigkeiten und Attraktionen der einzelnen lateinamerikanischen Länder zu erkunden. Seitdem ich so ziemlich alle touristischen Hotspots besucht habe, wurde die Liste der Sehenswürdigkeiten in Lateinamerika, die ich vor meinem Lebensende noch gesehen haben will, vor jedem Reiseantritt neu geschrieben. Jedes Mal aufs Neue entdeckte ich weitere, oft auch unbekannte Perlen der Länder fernab der überlaufenen Tourismusgebiete.

Geniale Brückenkonstruktion aus reinen Naturmaterialien

So war es auch bei meiner aktuellen Unterkunft in Cusco, wo sich meine sympathischen Gastgeber danach erkundigt haben, welche Teile des Landes ich diesmal vorhabe zu besuchen. Als ich den netten Peruanern meine Vorstellungen schilderte und die Orte Q’eswachaka, Espinar, Kanamarca und Waqrapukara erwähnt habe, sahen sie mich völlig erstaunt an. Um die Wahrheit zu sagen, hatten sie zuvor noch nie von diesen Orten gehört, und das obwohl sie in Südperu leben und im Tourismus tätig sind. Im Land der unzähligen Mythen und Legenden ist es nicht einfach, unbekannte geheimnisvolle und malerische Perlen zu entdecken und sagenhaft wunderbare Orte zu erkunden. Man muss ganz genau wissen, wo man damit anfängt.

Lokale Musiker in traditionellen Kostümen

Die Entdeckung der weniger touristischen, mit echten Überraschungen aufwartenden Gebiete Südperus wollte ich mit der Q’eswachaka, einer von der UNESCO zum immateriellen Weltkulturerbe erklärten Hängebrücke, beginnen, deren Geschichte in den letzten Jahren oft das Thema zahlreicher Boulevardzeitungen und Webseiten war. Viele Journalisten und Blogger berichteten auf ihren Seiten von der letzten noch funktionierenden, oft als sowohl gruselig als auch mystisch bezeichneten Hängebrücke der Inka so, als wären sie schon mal vor Ort gewesen.

Lamas posieren freudig für die Kamera

Ich war schon immer an komplizierten und speziellen Konstruktionen des alten Inka-Reiches interessiert. Eine Zeitlang habe ich schon geplant, selber die eindrucksvolle 28 Meter lange Hängebrücke, die schon seit 500 Jahren in knapp 15 Metern Höhe den Río Apurímac überspannt und vollständig aus geflochtenem Gras besteht, zu besuchen. Ich fühlte die Zeit war jetzt gekommen und so bin ich mit meinem kleinen Rucksack und mit meinem Zelt zum nächsten aufregenden Abenteuer meiner aktuellen Südamerika-Reise aufgebrochen.

Quehues Ansicht vom lokalen Hügel aus

Direkt wäre ich nur mit einem lokalen Reiseveranstalter ins Hochland der Anden nach Quehue gekommen, in dessen unmittelbarer Nähe sich die letzte noch funktionierende Hängebrücke der Inka, die Q’eswachaka befindet. Da ich aber eher bevorzuge, ziemlich unbekannte Regionen und Ortschaften selber ohne einen lokalen Führer zu entdecken, hatte ich diesmal vor, mit mehreren Zwischenstopps die 150 km von Cusco liegende Siedlung zu erreichen. 150 km sind in Europa keine große Entfernung, aber in Peru und allgemein in Südamerika ist es oft notwendig, einen halben Tag unterwegs zu sein, um die Strecke komplett zurückzulegen.

Vom Zentrum Cuscos Richtung Süden laufend habe ich schnell den Bahnhof für die öffentlichen Busse nach Sicuani gefunden. Die Fernstraße, Teil der Transamericana, wird auch Carretera 3S genannt und bietet eine tolle Aussicht auf die noch höheren umgebenden Berge und die Wasserscheide. Ich musste nicht lange warten, da es alle fünfzehn Minuten eine direkte Busverbindung nach Sicuani gibt, in eine eher unhübsche Stadt südlich von Cusco gelegen.

Wackelige Brücke über den Rio Apurímac

Ich habe keinen anderen Gringo getroffen und war im überladenen Bus nur mit Einheimischen unterwegs, die ein wenig erstaunt geschaut haben, als ich ein paar Stunden später an einer Kreuzung der Fernstraße den Bus verließ. Laut der Landkarte befand ich mich in Combapata, ca. 12 km von Raqchi entfernt, dessen beeindruckende Tempelanlage im Vilcanota-Tal ich am Vortag besucht habe.

Ich bin mit einem völlig abgenutzten Kombi entlang des Circuito de las Cuatro Lagunas Richtung Südwesten ins sympathische Yanaoca gefahren. Unweit von Yanaoca befinden sich vier bezaubernde Lagunen mit tollem Panoramablick. Die vier Seen kann man laut dem älteren Herren neben mir im Kombi, bei einer naturkundlichen Wanderung umlaufen. Für das nächste Mal werde ich das sicherlich einplanen, aber dieses Mal hatte ich andere Prioritäten.

Lokale Schafhirtin bei der Arbeit

Nach der Ankunft in Yanaoca habe ich auf dem Markt zu Mittag gegessen und wollte gleich darauf über die romantischen Landschaften nach Quehue weiterreisen. Aber der Freitagnachmittag brachte das nächste Problem mit sich. Obwohl mich die sympathischen Einheimischen auf die richtige Kreuzung geschickt haben, habe ich lange gewartet, fand aber keine passende Verbindung in die am Ende steiler Serpentinen liegende kleine Siedlung.

Unwegsame Serpentinen in zauberhafter Umgebung

Inzwischen begann sich das Wetter zu verschlechtern, dunkle Wolken zogen sich am Himmel bedrohlich zusammen und es fing an stark zu regnen, Die Chance, noch am selben Abend nach Quehue zu gelangen, war damit deutlich gesunken. Ich überlegte schon einen Plan „B“, als ein verrostetes Auto neben mir anhielt.

– “Was machst Du hier in der Gegend?”, fragte mich der junge Fahrer.
– „Ich würde gern noch heute Abend nach Quehue fahren,“ antwortete ich.
– „Es ist schon ziemlich spät, heute ist Freitag, daher verkehren keine Trufis mehr. Aber ich kann Dich gern für gutes Geld mitnehmen,“ glänzten schon die Augen des Jungen.

Von diesem kurzen Gespräch ließ es sich schon leicht nachvollziehen, dass die Peruaner gerne und schnell die Möglichkeit zum Geldverdienen nutzen. Sie wissen ganz genau, wie sie an zusätzliches, kurzfristiges Einkommen kommen können. Als erfahrener Reisender war ich jedoch vom angebotenen Tarif von 30 Sol völlig überrascht und schockiert:

– “Für diesen Preis kann ich viermal die 140 km lange Strecke zwischen Cusco und Sicuani fahren,“ sagte ich ihm.

Kleines Häuschen auf dem Weg nach Q’eswachaka

Obwohl ich mehrere Male versuchte, den Fahrer zu überzeugen, war mein Versuch erfolglos. Der junge Peruaner, der Luicito hieß, forderte den vorhin angegebenen Fahrpreis.

Glücklicherweise ist kurz darauf ein Sammeltaxi aus Combapata eingetroffen, dessen Passagiere die Autos wechselten und nach Quehue weitergefahren sind. Obwohl wir uns auf die Reisekonditionen nicht einigen konnten, bin auch ich ins Auto eingestiegen und endlich ging es in die Wunschsiedlung des Tages los! Ich vertraute auf die 45-minütige Fahrt. Wir würden am Ziel ankommen und uns irgendwie schon einigen, dachte ich. Schließlich geschah es tatsächlich so. Im Auto interessierte sich Luicito für den einzigen Gringo und wollte wissen, wer ich bin, woher ich komme und warum ich in Perus abgelegenen, nicht so stark besuchten Gegenden reise.

Als ich in Quehue ankam, zahlte ich nur einen kleinen Bruchteil des zuvor angekündigten Tarifs, Luicito hat mich freundlicherweise auch bei der Suche nach einer passenden Unterkunft unterstützt, sodass ich wenig Zeit im noch immer strömenden Regen verbringen musste. Ich verbrachte die Nacht in einem gemütlichen Gästebett im Haus der Freunde meiner neuen Bekanntschaft in der in der aktuellen Regenzeit ziemlich spärlich besuchten Siedlung.

Quehues verlassene Hauptstraße

Aufgrund des konstanten Niederschlags war Quehue auch am Abend völlig ruhig, so dass es schwierig war, ein Restaurant für das Abendmahl zu finden. Einer der Passagiere meines Kombis namens Quispe, den ich zufällig durch die Straßen laufend traf, half mir bei der Suche. Quispe wuchs in Quehue auf, lebte eine Weile im Dschungel in Puerto Maldonado und arbeitet heutzutage als Automechaniker in Cusco. Er kehrte für das Wochenende in seine Heimatstadt zurück und sogar ihn stellte die Suche nach Proviant in der Nebensaison vor eine große Herausforderung.

Aus einem Traum wird Realität: der erste Blick auf die letzte funktionierende Hängebrücke der Inka

Auch wenn wir an die Türen verschiedener kleiner Familienbetriebe geklopft haben und Quispe mehrere Verwandte in der kleinen verschlafenen Siedlung hatte, konnte uns niemand helfen und das obwohl wir bestimmt jedem Angebot für ein Abendmahl sofort zugestimmt hätten. Wir träumten beide von der einfachen Kombination einer warmen Suppe und einer Hauptspeise mit Reis, Spiegelei und Gemüse. Wir sind beim strömenden Regen die Siedlung bestimmt fünfmal durchgegangen, kehrten dann zu einer einheimischen Familie zurück, wo wir der Frau wohl ziemlich leid getan haben. So erhielten wir kurz darauf ein schnelles, einfaches Abendessen.

Am nächsten Morgen bin ich zusammen mit Quispe zur 10 km entfernt liegenden Hängebrücke von Q’eswachaka aufgebrochen. Dank meiner tollen einheimischen Bekanntschaft spazierten wir nicht auf den Serpentinen, sondern verkürzten die Entfernung und näherten uns über die Hügel laufend der letzten bekannten noch funktionierenden Inka-Brücke, die über eine ganz besondere historische Bedeutung verfügt.

Eine bestimmte Flechtweise des Ichu macht es stark genug für den Bau der Brücke

Während der Eroberung und Fall des Inkareiches zerstörte man um die zweihundert komplett aus geflochtenem Gras erbauten Hängebrücken im Andengebiet. Es blieb nur die den Fluss Apurímac überquerende Hängebrücke, die Q’eswachaka für die heutige Zeit erhalten. Und das obwohl die Brücke schon mal zerstört wurde, um den Vormarsch der spanischen Konquistadoren unter Francisco Pizarro zu verhindern.

Die Erhaltung und Renovierung wird jährlich von den umliegenden Gemeinden von Hand durchgeführt

Die einzigartige Hängebrücke wurde Jahre später wieder aufgebaut und wird seitdem jedes Jahr im Juni durch ungefähr 700 Personen aus den umliegenden Gemeinschaften Hunchiri, Choccayhua, Chaupibanda und Cccollana Quehue in einer dreitägigen ziemlich mühsamen Handarbeit gemeinsam neu errichtet. Der Wiederaufbau ist ein echtes soziales Ereignis und wird von schamanischen Zeremonien und Opferritualen begleitet, um Unglücke abzuwehren.

Die Brücke, die heute noch von den Einheimischen benutzt wird, besteht aus fünf parallel geflochtenen Seilen, deren Wurzeln aus dem Steppengras mit der traditionellen Inka-Technik erstellt werden. In Abhängigkeit von den zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, wird die neue Brücke aus verschiedenen Materialien, wie Holzscheite, Steine, Baumwolle, Lama- und Alpakafell, weiche Rinde junger Bäume und aus dem Andenhochland stammende Qoya Gras gebaut.

Quispe beim Werbeplakat des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft

Die Hängebrücken waren sehr wichtige Teile des unglaublichen Straßennetzes des Inka-Reiches und bemerkenswerte Leistungen als geniale Baumeister in einer Zeit ohne Reittiere oder Wagen. Q’eswachaka selbst ist nicht nur eine Brücke, sondern auch Symbol für das Jahrhunderte alte Wissen, die handwerklichen Fertigkeiten und die Rituale der Inka. 2013 wurde die Hängebrücke zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit erklärt.

Die schmale Hängebrücke darf immer nur von einer Person benützt werden. Würdest Du es Dir zutrauen?

Der Besuch bei der prächtigen Hängebrücke von Q’eswachaka war auf jeden Fall ein lohnender Ausflug ins eher unbekannte Terrain von Südperu. Am Nachmittag fahre ich schon weiter. Die Stadt von Espinar und neue Inkastätten folgen!

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