Zurück in Peru habe ich mich schnell mit einer Vielzahl von neuen und ungewöhnlichen Herausforderungen befassen müssen. Ich musste in der Morgendämmerung mein komplett geschlossenes Hostel in Puno schnellstmöglich verlassen, um kurz darauf auf einem stockdunklen Busbahnhof den aktuellen Teil meiner Südamerika-Reise in Sekundenschnelle umzuplanen. Getröstet wurde ich in Raqchi, einer weniger bekannten aber umso sehenswerteren Prä-Inkastätte Südperus, wo erst Viracochas berühmte und ungewöhnliche Tempelanlage stand. Ein würdiger Höhepunkt meiner aktuellen Reise.

Nachdem ich die Yampupata-Halbinsel, im nordwestlichen Teil der Copacabana-Halbinsel, erfolgreich durchquert habe, ließ ich mich mit einem Sammeltaxi zum bolivianisch-peruanischen Grenzübergang, nach Kasani fahren, um das Land Bolivien für eine Weile zu verlassen und in Peru, im größten Land des ehemaligen Inkareiches, mein abwechslungsreiches und spannendes Abenteuer fortzusetzen.

Raqchi’s beeindruckende Prä-Inkastätte gehört zu meinen absoluten Lieblingen

Bis jetzt habe ich nicht gewusst, dass der Grenzübergang nicht permanent geöffnet ist, so habe ich bereits um 7 Uhr am Morgen auf die offizielle Grenzöffnung um 8 Uhr warten müssen. Meine zeitige Ankunft hatte den Vorteil, dass ich als erster in der Reihe stand. So habe ich den Ausreisestempel im Pass ohne Fragen der Grenzwächter erhalten und durfte Richtung dem kleinen Gebäude der anwesenden peruanischen Polizei weiterlaufen, um das Einreiseprozedere zu vervollständigen.

Das sehenswerte Bauwerk: aufregende, mystische Ruinen

Ohne lange warten zu müssen erhielt ich in wenigen Augenblicken den Einreisestempel für die Dauer von 90 Tagen. Kurz darauf fuhr ich schon mit einem billigen und völlig abgenutzten Lokalbus nach Yunguyo, zum geschäftigen Hauptplatz der peruanischen Grenzstadt. Mit meinen zwei Rucksäcken musste ich nur ein paar hundert Meter laufen, um zur Kreuzung der Busse nach Puno zu gelangen. Es war noch nicht einmal 9 Uhr morgens, aber ich war schon mit einem vollgeladenen und überfüllten Van auf der holprigen Straße Richtung der peruanischen Andenstadt Puno entlang des Ufers des Titicacasees unterwegs.

Auf geht es nach Peru!

Die belebte Großstadt Puno, am Ufer des Titicacasees, liegt 3.800 m über dem Meeresspiegel. Von Puno aus starten zahlreiche Ausflugsboote auf die von Menschenhand künstlich zusammengesetzten schwimmenden Uros-Inseln bzw. auf die etwas weiter entfernt liegende von Quechua-Indianern bewohnte Insel Taquile. Ein paar Wochen zuvor, aus Cusco ankommend, erlebte ich mit meinem Cousin und mit seinem Begleiter Jakab einen tollen Ausflug zu den magischen Inseln des Titicacasees. Um die Wahrheit zu sagen beeindruckten uns die Uros-Inseln eher weniger, denn wir fanden sie unglaublich touristisch. Die Einheimischen achten schon sehr auf das authentische Aussehen der aus Totoraschilf angelegten Inseln, dennoch waren wir insgesamt maßlos enttäuscht, als wir herausgefunden haben, dass die eigentlichen Ureinwohner morgens immer mit ihren kleinen Booten auf die verschiedenen schwimmenden Inseln aus Puno anreisen, wo sie tagsüber leben. Wir hielten die Uros-Inseln für einen schrecklichen, kommerziellen Spielplatz, der dazu bestimmt ist, Touristen zu täuschen. Taquile, die Insel der strickenden Männer, hat uns viel mehr gefallen, dennoch wollte ich ein paar Wochen nach unserem Besuch nicht noch einmal die gleichen Sehenswürdigkeiten besuchen und die gleichen Erfahrungen sammeln.

Die archäologische Ausgrabung und Restaurierung geht jeden Tag voran

So habe ich mich eher für das Erkunden der Geschichte der peruanischen Hauptstadt des Titicacasees Puno entschieden, welche aufgrund ihrer lebendigen Kultur auch als Folklore-Hauptstadt von Peru gilt. Ich lernte deren zentralen Hauptplatz, den Plaza de Armas und das schönste Kolonialgebäude der Stadt, die im 17. Jahrhundert gebaute stolze römisch-katholische Kathedrale kennen. Vorhin habe ich entdeckt, dass eine recht steile, unwegsame Serpentine zum hinter der Stadt liegenden Hügel und zum etwas abgeschiedenen Aussichtspunkt El Condor hinaufführt.

Panoramablick von der gigantischen Kondor-Statue aus

Da ich am Nachmittag genug Zeit und Energie zur Verfügung hatte, bin ich anstatt einem Taxi zu Fuß zur gigantischen Kondor-Statue aufgestiegen. Aber der imaginierte Anblick auf den Titicacasee war nicht ganz so wie meine bisherigen Erfahrungen auf der bolivianischen Seite, ganz oben vom Kalvarienberg in Copacabana aus. Nichtsdestotrotz war es ein schönes Erlebnis und ein lohnender Ausflug, vor allem wegen des Aufstiegs auf den kleinen und schmalen Treppen innerhalb der riesigen Kondor-Statue, dem Schmuckstück der Einwohner Punos. Von dort aus war der schöne Panoramablick noch exklusiver.

Restaurierte Steinhütte

Am Abend legte ich mich mit dem gut durchdachten Plan ins Bett, mit einem morgendlichen Bus Richtung Norden fahrend die spannende, präinkaische Ruinenstätte Raqchi zu erreichen. Vergebens habe ich alles im Voraus und detailliert geplant und bestellte zum Morgengrauen ein Taxi. Am nächsten Tag war alles anders, ich musste ein wenig improvisieren… … und nicht aus dem Grund, weil ich in der Früh noch eingeschlafen war oder nicht den Klang meines Weckers gehört habe. Ich war nach 4 Uhr rechtzeitig auf, konnte aber mein Hostel nicht verlassen, denn ich fand alle Haustüren verschlossen vor. Nach langem Suchen im Dunkeln fand ich den verschlafenen Nachtportier, der selbstverständlich nichts von meinem bestellten Taxi wusste, aber nach kurzer Suche seinen Schlüsselbund fand und mich auf die Hauptstrasse Punos ließ.

Der gewaltigste Tempel der uralten Kultur

Sekunden später fuhr ich schon mit einem Taxi zum Busbahnhof. Ich hatte ca. eine halbe Stunde Zeit vor der Abfahrt meines Busses nach Cusco. Aber die Situation verkomplizierte sich auf dem Busbahnhof unerwartet. Die Lichter der ganzen Stadt waren auf einmal erloschen und ein kleines Chaos brach aus. Die Frühreisenden mussten ihren Weg in der total finsteren Halle finden. Nachdem ich das richtige Ticketbüro gefunden habe, kam schon die nächste Überraschung: die Ticketschalter-Dame war nicht an ihrer Stelle und auch nicht in der unmittelbaren Nähe von deren. Umsonst wartete ich mit einem Dutzend Reisewilligen, die Angestellte schien spurlos verschwunden zu sein. Der Ticketschalter war zu und der Bus war auch nicht an seiner Stelle. Die Ticketschalter-Dame wurde wahrscheinlich Opfer der Geschehnisse der Vornacht und des wilden Feierns. Bis zum nächsten Morgengrauen, wunderte ich mich!?

Überreste der eindrucksvollen Mauern des riesigen Viracocha-Tempels

Es gab nichts anderes zu tun, als mich um eine neue, alternative Lösung zu kümmern. Wie auf meinen lateinamerikanischen Abenteuern bei etwaigen Problemfällen, habe ich auch diesmal meine Ruhe bewahrt und bin nicht in Panik geraten. Der aktuelle Fall in Puno glich teilweise einer bolivianischen Situation Wochen zuvor, wo ich ganz spontan ein bisschen improvisieren musste. Im Land der meisten Generalstreiks und Straßensperren errichteten einige Einwohner Blockaden am Wochenende und ließen mich und meine damaligen Mitreisenden lange im Bus sitzen. Nach stundenlangem Sitzen entschieden wir uns aufgrund der Pistenblockade einen längeren Wegabschnitt zu Fuß zu marschieren, um einen Bus in Oruro zu einem ganz besonderen Ort der Welt, zur Salzwüste von Uyuní zu erreichen.

Abseits der Hauptanlage findet man auch beeindruckende Ruinen

Nachdem mir aufgefallen war, dass der Ticketschalter aus irgendwelchen Gründen nicht rechtzeitig geöffnet wird, habe ich sofort nach einer passenden Lösung gesucht. Ich habe schnell herausgefunden, dass es Sinn machen würde, in die benachbarte Stadt von Juliana zu fahren, von wo aus ich Cusco mit einem Anschlussbus problemlos ansteuern könnte.

Lokale Handwerkerkunst

Am Ende folgte ich tatsächlich diesem neuen Plan, so war ich einer von wenigen Kunden im bequemen, sehr komfortablen Linienbus nach Juliana, ca. 50 km von Puno liegend, unterwegs. Ich erreichte dort ohne Warterei den Richtung Cusco fahrenden Anschlussbus und war gegen Mittag an der ersten geplanten Wunschstation des Tages, im archäologischen Komplex von Raqchi, angekommen.

Der Blick auf Raqchi und auf die kreisförmigen Getreidespeicher

Über das malerische Raqchi, welches landschaftlich sehr reizvoll im Hochland gelegen ist, habe ich in den letzten Monaten viel Schönes und Interessantes gehört und gelesen. Die Ruinen, der 3.500 m über dem Meeresspiegel liegenden Stadt, werden der uralten Tiwanaku-Kultur zugeordnet, welche vor allem im heutigen Bolivien stark vertreten war.

Bildhübsche Gegend im fruchtbaren Vilcanota-Tal auf 3.500 Metern

Im Vergleich mit den archäologischen Stätten des Heiligen Tals im traumhaften Paradies in den Anden ist die am Hang des Vulkans Quimsachata erbaute Ruinenstadt Raqchi das außergewöhnliche Meisterwerk einer aus der Zeit vor den Inkas stammenden uralten Zivilisation. Dies kann leicht im System von uralten Überresten und der Mauerwerktechnik der nicht perfekt bearbeiteten Steine ​​beobachtet werden.

Der Aussichtspunkt ist ein heiliger Ort, ein Ort für häufige Feste und Zeremonien

Zwischen den imposanten Ruinen und Bauwerken in Raqchi wandernd war es ziemlich leicht zu erkennen, dass die für die Inkas so typische strukturelle Perfektion, die Bearbeitung der Steine mit einer unglaublichen Präzision und Feinmechanik erst nach dem Zerfall des Tiahuanaco-Reiches zur Zeit der Inkas zur Geltung kam.

Tausendjährige Brunnenanlage, die immer noch in Betrieb ist

Die einst rechtwinklig angelegte Siedlung im Herzen der alten Ausgrabungsstätte ist besonders bekannt für den Bau der außergewöhnlichen Tempelanlage, welche für den bedeutsamen Schöpfergott Viracocha erbaut wurde. Der riesige zweigeteilte Tempel zu Ehren des Inkagottes Viracocha erreicht die Länge von 91 Metern, seine Breite beträgt etwa 25 Meter. Erbaut wurde der Tempel nicht nur aus Lehm, sondern auch aus Vulkangestein – und hebt sich dadurch von anderen Tempelanlagen ab.

Die Kolonialkirche aus dem 18. Jahrhundert

Neben den Überresten der für die Inkas untypischen Säulen und Mauern lösen die im Durchschnitt etwa acht Meter großen Getreidespeicher die Faszination aus. Die rund gebauten Lagersilos stehen auf feuchtem, fruchtbaren Boden und werden durch eine aus den Bergen unterirdisch fließende Rohrleitung gespeist. Noch heute fließt kristallklares Wasser in eine Brunnenanlage, welche die umliegenden Maisfelder und Quinoa-Plantagen bewässert.

Der majestätische aus Lehm und Vulkangestein erbaute Tempel des Viracocha

Ich verbrachte einen halben Nachmittag zwischen den Überresten des in Lateinamerika einzigartigen und sehr spannenden archäologischen Komplexes. Friedlich und genießend lernte ich über die Bedeutung der übriggebliebenen Strukturen. Ohne störende Touristenmassen durfte ich das Erbe der vor den Inkas lebenden uralten Zivilisation ganz in Ruhe betrachten.

Typischer Verkaufsstand unweit der Tempelstätte

Nach dem lohnenden Besuch hielt ich auf der Hauptstraße schnell einen Bus in die ehemalige Inkahauptstadt nach Cusco an, wo ich am späten Nachmittag ankam. Morgen lasse ich meinen großen Rucksack in meiner aktuellen Unterkunft und setze die Entdeckungsreise der bislang weniger bekannten Gebiete Südperus fort, es folgt die berühmte Hängebrücke, Q`eswachaka!

Wenn Dir meine Abenteuer gefallen und Du auch gerne mal so eine Reise erleben würdest, dann schau mal hier vorbei.

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