In Puno angekommen, gelangten wir auf dem Heiligen See der Inkas zu den touristisch extrem vernetzten schwimmenden Uros-Inseln. Enttäuscht zogen wir auf die sagenumwobene Insel Taquile weiter. Im authentischen Rahmen erhielten wir einen einzigartigen Einblick in die außergewöhnliche Lebensart der Einwohner. Wir haben uns Fussball- und Volleyballspiele lokaler Kommunen in einer Höhe von 4.000 Metern angeschaut, bestiegen den höchsten Gipfel der Insel, wanderten zum malerischen Strand, fanden heraus, warum Frauen ihre Haare bis zu ihrem Lebensende nur dreimal schneiden lassen und haben auch erfahren, warum verheiratete Männer zwei Gürtel tragen.

Mit großen und sehr komfortablen Rücksitzen hat unser Langstrecken-Premiumbus nach Puno meine Reisegefährten schnell überzeugt. Nach einem Abendessen im Fernbus und in den von der Reisebegleiterin verteilten Decken haben wir alle gut geschlafen. Der Bus kam pünktlich in der Früh in Puno, in der Hauptstadt des Titicaca-Sees auf der peruanischen Seite an.

Totora-Schilf-Katamaran

Nach unserer Ankunft mussten wir uns um drei wichtige Sachen kümmern: Tickets für das Boot auf die Insel Taquile zu besorgen, unsere großen Rucksäcke in der Unterkunft für den nächsten Tag zu deponieren und vor der dreistundigen Bootsfahrt in entspannter Runde richtig gemütlich zu frühstücken.

Der auf einer unglaublichen Höhe von 3.812 m über dem Meeresspiegel, zwischen schneebedeckten Berggipfeln, liegende Titicacasee ist der Heilige See der Inkas. Um den See ranken sich viele Geschichten und Legenden der Inka-Mythologie. Gemäß einer ihrer Legenden stieg der wahre Gott der Inkas Viracocha aus seinen Fluten, um die Sonne, den Mond, die Sterne und ultimativ die ganze Zivilisation der Inkas zu erschaffen.

Lange Zeit hielt sich auch die Legende, dass der Titicacasee unter seiner Oberfläche die Spuren einer uralten Zivilisation birgt. Im Jahr 2000 wurde dem Mythos Wahrheit gegeben, als die Meeresarchäologen von der Forschungsgruppe “Atahuallpa 2000” tatsächlich die Reste einer Stadt gefunden haben, die sogar noch aus der Zeit vor den Inkas stammt. Zu der gefundenen Anlage gehören Tempel, Straßen und Terrassen, auf denen Landwirtschaft betrieben wurde.

Fantastischer Rundumblick über den See

Der Titicacasee liegt in den südöstlichen Anden auf dem Altiplano, genau zwischen Peru und Bolivien, und ist das höchstgelegene schiffbare Gewässer der Welt. Dieser sich aus 25 Flüssen speisende über 8.300 km2 große Süßwassersee erstreckt sich über eine Länge von 178 Kilometer in der Hochebene der Anden. Er ist fast so groß wie Korsika oder 15,5 mal so groß wie der Bodensee.

Nachdem wir alle unserer Aufgaben erfüllt hatten, kehrten wir zum Hafen zurück, um mit etwas Verspätung auf dem zweitgrößten See Südamerikas einen Mehrtagesausflug zu unternehmen.

Totora-Schilf-Hütten

Unser Boot startete erst 30 Minuten später als geplant. So betrat ein lokaler Straßenmusiker die Kajüte, um einige seiner eigenen Kompositionen auf der Gitarre vorzutragen. Es hat bei uns keinen besonderen und bleibenden Eindruck hinterlassen und man merkte hier, dass das touristische Programm schon in Puno’s Hafen angefangen hat. Es war aber nichts im Vergleich zur Show und dem Kommerz, welcher uns auf den schwimmeneden Binseninseln erwarten sollte.

Zwischen Grasgewächsen navigierend konnten wir die Besichtigung der touristisch gestalteten, künstlich angelegten und schwimmenden Uros-Inseln nicht vermeiden.

Zehn Euro für eine zehnminütige Fahrt

Alle Arten von Touristenbooten in Richtung Amantani und Taquile halten hier an, damit die aus Puno jeden Tag im Morgengrauen anreisenden “indigenen” Familien, Touristen mit ihrer erlernten Choreographie willkommen heissen. Leider hat die alte Volksgruppe längst ihre traditionelle Lebensweise weitgehend aufgegeben und lebt nahezu ausschließlich vom Tourismus…

Auf der Insel ist alles aus der heimischen Schilfsorte, aus Totora-Binsen erbaut: die winzigen Hütten, die Boote und auch die ganze Insel selbst. Auf der schwankenden Schilfinsel gibt der Boden tatsächlich etwas nach und federt, es ist wirklich so als würde man über einen torfartigen oder sumpfigen Grund laufen.

Enttäuschte Aymara Frau mit kommerzialisierten Produkten

Ich habe vermutet, dass die Nachfahren des Uros-Stammes den Touristen den Clown machen werden, zum Glück erzählte uns der Stammeshäuptling der auf der Insel “lebenden” Gemeinschaft ein paar interessante Fakten über den Bau künstlicher Schilfinseln.

Der alte Volksstamm hat sich vor einigen hundert Jahren auf der Flucht vor den Inkas erfolgreich auf das Wasser zurückgezogen. Die aus besonderem Schilf bestehenden Inseln waren ursprünglich als Schutz vor den kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Inkas gedacht. Obwohl die Gefahr auf weitere Konflikte und einen direkten Kampf mit den Inkas weiterhin bestand, einigten sich die Herrscher der zwei Zivilisationen. Die Uros durften auf ihren selbst gebauten Schilfinseln weiterleben und zahlten den von den Inkas dafür geforderten Wohnrechts-Tribut lange Jahre mit Fischerei.

Die schwimmenden Inseln bestehen aus ca. 80 cm starken Bündeln von Totora-Binsen, die über kreuz schichtweise gestapelt und verknotet werden, bis die gesamte Schicht etwa einen Meter Dicke erreicht. Alle sechs Monate muss diese Plattform inklusive ihrer Schilfwurzelballen erneuert werden, da sie sich mit Wasser vollsaugt, schwerer wird und sinkt bzw. andersartig Schaden nimmt oder zu faulen beginnt. Deshalb müssen bis heute die Uros das an seichten Stellen des Sees massenhaft wachsende bis zu drei Meter hohe Totora-Schilf regelmäßig schneiden, um ihre Insel instand zu halten.

Der Stammeshäuptling präsentiert die Geschichte der Uros-Indianer

Nach der Präsentation des Häuptlings und der Darstellung der Geschichte des Uros-Stammes wurden wir in mehrere Gruppen eingeteilt und eine Aymara-Frau zeigte uns ihre winzige Schilfhütte in der Hoffnung, ihre selbst angefertigten Souvenirs, wie Puppen und Boote aus Totora-Binsen bzw. von den Frauen gewebte bunte Decken, Tücher und Wandbehänge an uns verkaufen zu können.

Nach dem zweiten Mal, als wir gesagt haben, nein, danke, wir wollen hier nichts kaufen, hat uns die Frau sofort hinausgeleitet, und hoffte, dass wir mit dem hübsch gebauten Totora-Schilf-Katamaran eine Runde fahren werden. Zum Glück wollte aus unserer Gruppe niemand auf den Katamaran, so glitten wir kurze Zeit später mit unserem ursprünglichen Boot über den klaren, stillen, blauen Wasserspiegel Richtung der Insel Taquile.

Tore von Taquile sind überall wunderschön dekoriert

Auf die Touristenfalle auf den Uros-Inseln folgte eine zwei Stunden lange und langweilige Bootsfahrt, bis wir zu unserer großen Freude auf Taquile anlegten, wo wir uns schnell in die charmant-kleine Insel verliebten. Taquile ist wesentlich unberührter, authentischer und weniger touristisch vernetzt. Die einheimischen Quechuas sind alle nachhaltig entspannt, ausgegliechen und haben ihre Kultur, Tradition und die gesellschaftlichen Sitten bis heute beibehalten. Wir haben unsere nette und freundliche Gastfamilie auf dem Hauptplatz zugeteilt bekommen und haben sie in den zwei Tagen gut kennengelernt.

Die Quechua-Gemeinschaften der Frauen wetteifern jeden Sonntag im Volleyball

Am Nachmittag haben wir die grüne, gepflegte und gemütliche Insel vollständig zu Fuß erkundet und haben durch den überaus sympathischen Mario und seine Familie in die verschiedene Bräuche und Traditionen der hier lebenden Quechuas einen guten Einblick bekommen.

Die idyllische Insel, 45 km vom Puno’s Hafen entfernt, war eines der letzten Gebiete Perus, das durch die gierigen spanischen Konquistadoren erobert werden konnte. Taquile ist eine faszinierende, natürliche Insel, aber ziemlich steil und felsig. Das mussten wir auch ganz schnell selber feststellen, als wir von der Anlegestelle die exakt 545 vor uns liegenden Treppenstufen zum Ortszentrum hinaufkletterten.

Schöner Mosaikweg zum Nordstrand

Die ca. 2000 Einwohner der Insel folgen noch immer der alten Inka-Methode und nutzen unzählige terrassenförmig angelegte Felder für Landwirtschaft, auf deren fruchtbarem Boden besonders Mais, Kartoffeln, Quinua und Ocra gut gedeihen. Landschaftlich ist die Insel sehr schön und erinnert sehr an schweizerische und österreichische Hochalmen.

Die Inselbewohner folgen dem uralten Inka-Leitsatz, “Ama Suwa, ama llulla, ama Gilla.“ Dieses traditionelle Gesetz auf Quechua besagt, dass man nicht stehlen, nicht lügen und nicht faul sein darf. Die Taquileños (so nennt man die quechuasprachigen Einwohner) sind sehr stolz auf die Tatsache, dass es keine Polizeieinheit auf der Insel gibt. Die einzige Autorität haben die verschiedenen Kommunenführer, die einmal in der Woche die Ereignisse der Insel miteinander besprechen.

Der malerische Strand

Das traditionelle Leben auf Taquile zeigt sich ganz besonders in der lokalen Tracht, welche sowohl von den Männern, als auch von den Frauen jeden Alters akzeptiert wird. Die Frauen weben farbenprächtige Kleidungsstücke, Männer stricken mit typischen Mustern versehene Mützen. Jeder Mitglied der Gesellschaft trägt seine traditionelle Tracht Tag für Tag.

Auf Taquile hat der Chullo für die Männer eine ganz besondere Bedeutung. Die von den Männern selber gestrickte Kopfbedeckung sagt etwas über den Familienstand und über den sozialen Rang in der Gesellschaft aus. Wenn der Chullo hauptsächlich rot ist, ist der Träger bereits verheiratet. Bei einer rot-weißen Farbgebung ist der Besitzer Single und heiratswillig, wenn sie aber hauptsächlich weiß ist, ist der Mann Single, aber im Moment nicht an Frauen interessiert.

Die Fußballmannschaft von Taquile wieder in lebhafter, bunter Traditionskleidung

Es gibt auch eine typische Inseltracht für die Frauen. Sie tragen einen roten Pullover mit schwarzem Kopftuch, welches bei ledigen Frauen große Bommel, bei alten Frauen kleine Bommel und bei verheirateten Frauen eine normale Bommelgröße hat.

Neben der speziellen Kopfbedeckung tragen die Männer immer einen breiten, schön gefärbten Hüftband, genannt Cinturon, der ungefähr in zwei Monaten hergestellt wird. Auf dem Gürtel sind Zöpfe gestrickt, Symbole, die für ihr tägliches Leben und die Magie der Insel stehen.

Verheiratete Männer tragen einen schwarz-weiß gestreiften Hüftband, während ihr zweiter Hüftband von der jeweiligen Frau vor dem Heiraten gewebt wird, da sind auch die eigenen Haare der zu heiratenden Frau enthalten. Diesen Gürtel tragen die Männer wie einen “Ehering.”

Mit schwerem Herzen verlassen wir Mario’s Familie

Apropos, Haare der Frauen. Diese werden nur dreimal im Leben geschnitten: mit eins-zwei Jahren bei der Taufe, zwischen achtzehn und dreißig Jahren bei der Hochzeit und das dritte Mal, wenn es für einen Gürtel benötigt wird, wenn es dem Opa schlecht geht.

Jeder von uns war von der Begegnung mit den auf Taquile lebenden Quechuas fasziniert. Für lange Zeit wird es bestimmt einer der denkwürdigsten Momente mit einer ethnischen Gruppe sein, welche die lokalen Bräuche über Generationen so schön beibehält und weiterführt.

Bolivien ist in Reichweite

Wir wären noch gerne länger geblieben, um die berühmte Gastfreundschaft der Taquileños weiter zu genießen und weitere interessante Fakten über ihr Leben und ihre Gewohnheiten zu erfahren. Allerdings mussten wir aufgrund der begrenzten Zeit meiner aktuellen Weggefährten weiter. Erstmal zurück nach Puno, um mit einem Zwischenstopp in Copacabana demnächst La Paz zu erreichen…

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