Auf Empfehlung eines brasilianischen Bekannten unternahm ich eine dreitägige Boots-Expedition auf einem der größten Flusssysteme der Welt, um unter anderem Mitten im brasilianischen Amazonasgebiet rosa Flussdelfine zu bewundern. Ich besuchte eine echte Geisterstadt, die nach dem Latex-Boom in den 1950er Jahren vollständig verlassen wurde. Der einzige Einwohner der längst vergessenen Siedlung erzählte mir stundenlang vom lange schon vergangenen Glanz der Stadt Velho Airão.

Leider ist das Amazonastiefland nicht gerade berühmt für die große Anzahl und Vielfalt von Tieren und Vögeln, die in freier Natur beobachtet werden können. Zu diesem Zweck gibt es das Pantanal, das größte Sumpfgebiet an der Westgrenze Brasiliens, welches seit Jahren auf meiner Wunschliste steht. Wenn alle Stränge reißen, werde ich noch dieses Jahr dem Pantanal einen Besuch abstatten, aber davor plante ich verzaubernde Momente der einzigartigen Natur dieses ganz speziellen Ökosystems zu erleben, in denen mein Mund offen stehen bleibt.

Novo Airão liegt im Herzen der Amazonas-Region drei Stunden von Manaus entfernt. Von hier aus begebe ich mich auf eine dreitägige Boots-Expedition in die Nationalparks Jaú und Anavilhanas.

Ich habe meinen brasilianischen Bekannten Marcio vor Jahren in Jericoacoara kennengelernt. Während unserer Freizeit sind wir beide ständig auf der Suche nach neuen wunderbaren Attraktionen in Brasilien, daher tauschen wir uns öfters über Informationen, Reisetipps und Namen von Unterkünften aus. Marcio nimmt gerne meine Vorschläge entgegen, so freue ich mich auch über jeden Insidertipp von ihm.

Shigeru Nakayama behauptet, dass im “Ciclo da Borracha“ das von Bäumen und Sträuchern vereinnahmte Gebäude als Marktplatz fungiert haben soll.

Als Marcio von meinem besonderen und außergewöhnlichen Plan im Amazonasbecken erfahren hat, schlug er mir als echten Geheimtipp den Besuch von zwei bezaubernden Orten vor. Aufgrund seiner isolierten Lage empfohl mir der Brasilianer Alter do Chão aufzusuchen. Als weiterer möglicher Höhepunkt schlug mir Marcio vor, die beiden Nationalparks Jaú und Anavilhanas zu erkunden. Sowohl Jaú als auch Anvilhanas liegen auf zeitweise überschwemmten Flächen und gehören zu den Schutzgebieten der Amazonasregion.

Es ist ein sehr bizarres Gefühl, in einer Geisterstadt spazieren zu gehen, die Schauplatz oder Drehort eines fiktionalen und mystischen Films werden könnte.

Ich musste es mir nicht zweimal sagen lassen, so entschied ich mich nach einer kurzen Recherche im Internet, alle Felsen zu bewegen, um die beiden vielversprechenden Reservate zu besuchen. Ich freute mich auf einzigartige Ökosysteme mit großer Artenvielfalt und faszinierender Flusslandschaft!

Aufgrund der Entdeckung und industrieller Anwendungsmöglichkeiten des neuen Kautschuk-Rohstoffs konzentrierte während der Kautschukzeit Airão praktisch die gesamte Kautschukproduktion in Rio Negro, Rio Branco, Rio Jaú und seinen Nebenflüssen auf sich.

Ich komme aber ganz alleine bestimmt nicht zu den kaum besuchten Naturschutzgebieten von seltener Schönheit. Marcio befand sich genau vor zwei Jahren im Amazonas-Regenwald in Novo Airão. Ohne weitere Interessierte konnte er damals zu seiner großen Enttäuschung nur einen Tagesausflug ins Parque Nacional de Anavilhanas unternehmen. Der Besuch der Naturschutzkomplexe Zentralamazoniens erfordert eine offizielle Tour mit einem Guide, der über ein Motorboot verfügt und mit der Gegend sehr gut vertraut ist.

Nakayama zeigt uns jede verlassene Ecke und alle Überreste der heutigen Geisterstadt. Es gibt keine Fragen, die er mit einer unheimlich interessanten Geschichte nicht beantworten könnte.

Nur wenige Menschen kennen die faszinierende und zauberhafte Welt von Jaú und Anavilhanas so gut wie Vermelinho, dessen Kontakt ich von meinem brasilianischen Bekannten sofort erhalten habe. Vermelinho war im Nationalpark aufgewachsen und beantwortete meine Fragen per WhatsApp im Handumdrehen. Das Glück war wieder auf meiner Seite. Es bildete sich nämlich eine kleine Gruppe, die in den kommenden Tagen vorhatte, auf ein dreitätiges Amazonasabenteuer aufzubrechen, und der ich mich am Ende problemlos anschließen durfte.

Mit Vermelinhos Motorboot durchqueren wir das Flusssystem des Rio Negro.

Einige Tage später musste ich daher nach Novo Airão, direkt am größten linken Nebenfluss des Amazonas am Rio Negro gelegen, reisen. Die kleine Stadt ist sowohl auf dem Landweg als auch mit dem Boot leicht zu erreichen. Deshalb nahm ich einen Tag vor meiner geplanten Fluss- und Urwaldexpedition den Bus, um mich am nächsten Tag dem Rest der Gruppe anzuschließen.

Vitor, der Sohn eines meiner Mitgefährten, lässt sich gerne in seinem neuen Kopfschmuck fotografieren.

Auf halber Strecke machte mein Bus in Manacapuru eine halbe Stunde Pause, die mir eine weitere Chance bot, während des Wartens eine große Portion Açaí zu besorgen. Abgesehen vom hier 20 km breiten Rio Negro gibt es in der am 2250 km langen Schwarzwasserfluss liegenden Stadt von Novo Airão wenige Touristenattraktionen. Ich langweilte mich jedoch keine Sekunde, denn die weite Breite des Flusses selbst ist atemberaubend spektakulär und auch rosa Delfine schwimmen entlang des Ufers, so kann man die Delfine aus unmittelbarer Nähe erleben.

Der rosa Delphin ist ein täglicher Anblick in der Nähe des Ufers des Schwarzwasserflusses.

Wie viele interessante Geschichten und Legenden können in den umgestürzten Mauern und Felsblöcken der Ruinen der glorreichen Vergangenheit des Gummibooms verborgen sein?!

Am nächsten Morgen traf ich im Hafen meine brasilianischen Mitgefährten Adson und Emanuel vom Amazonas bzw. Livia sowie ihren Sohn Vitor aus São Paulo. Nachdem wir auf dem Rio Negro einige Stunden nach Norden stromaufwärts fuhren, erreichten wir am späten Vormittag die Geisterstadt Velho Airão, die mein großes Interesse geweckt hatte, selbst nachdem ich das vollständige Tourprogramm im Detail studiert habe.

Airão, eine alte Gummizapfer-Stadt, ist heute fast komplett vom Urwald überwuchert.

Bis heute heißt Shigeru, der in der Ruinenstadt ganz alleine lebt, gerne Touristen willkommen und erzählt in seinem kleinen und improvisierten Museum von den Boomzeiten und dem Niedergang der Stadt.

Velho Airão wurde im 17. Jahrhundert als Santo Elias de Jaú von Missionaren gegründet und war eine der ersten Siedlungen am Rio Negro. Von der Zeit der portugiesischen Kolonisation bis zum Zweiten Weltkrieg wurde Airão als Sammelstelle für Rohkautschuk eine der entscheidenden Städte im zentralen Teil des Rio Negro.

Shigeru Nakayama, der einzige Einwohner von Velho Airão, ist mit seiner Familie als 13-jähriger Junge von Japan nach Brasilien ausgewandert und lebt seit 2001 in der Geisterstadt.

Für den begeisterten Umweltschützer Sir Peter Blake, der weltweit bekannte Hochseesegler aus Neuseeland, wurde zu seinem zehnten Todestag ein Denkmal in Velho Airão errichtet.

Nachdem Brasilien um 1900 sein Kautschuk-Monopol verloren hatte, endete der Reichtum und das goldene Zeitalter von Manaus und Umgebung. Vor der Unabhängigkeitserklärung Brasiliens wurde die in Airão umbenannte Siedlung von seinen Einwohnern völlig verwaist und lange Zeit dem Dschungel überlassen.

Im Jahr 2001 kam Shigeru Nakayama, der einzige der noch dort lebt, in die längst vergessene Stadt. Nakayama führt seitdem gerne Touristengruppen herum und erzählt die Geschichte dieses besonderen Ortes, der nach dem Niedergang des Gummibooms um die Jahrhundertwende des vorigen Jahrhunderts verfiel.

Adson findet die Ziegel, die vor Jahrhunderten von Lissabon per Schiff in den zentralen Rio Negro transportiert wurden.

Nach einer seltenen und besonderen Geschichtsstunde setzten wir unser Bootsabenteuer im Nationalpark Jaú fort, es wartet auf uns eine Gegend bedeckt mit dichtem Tropenwald unterbrochen von offeneren Teilstücken.

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