Zum ersten Mal trat ich in die Welt der Vertikalen. Ohne Sicherung und ohne Seil in Absprunghöhe, bestieg ich den Pedra de Gávea, den größten an einem Meer liegenden Granitfelsen der Welt. Ich habe ein echtes Bergsteigererlebnis mit exzellenter Aussicht auf die magische und abwechslungsreiche Umgebung von Rio de Janeiro erlebt.

Als ich 2014 zum zweiten Mal in Rio de Janeiro war, war ich mich oft mit der einzigartigen Formation des besonderen Gesteins von Pedra da Gávea konfrontiert. Schon zu dieser Zeit hatte ich den Gedanken, dem Bergruf nicht zu wiederstehen, also versprach ich mir damals selbst, bei der nächstmöglichen Gelegenheit den größten am Meer gelegenen Granitfelsen der Welt zu besteigen.

Der Pedra de Gávea, vom Gipfel des Pedra Bonita gesehen (2016)

Ich habe einen schönen Sonntag Vormittag für meine Wanderung gewählt, auch deswegen, da ich alleine die anspruchsvolle, gute Kondition erfordernde mehrstündige Wanderung anging. Da es Wochenende war, war ich zuversichtlich, dass es auch andere Gruppen und individuelle Bergsteiger mit dem gleichen Plan auf der Route geben wird. Ich hatte nämlich vor, mich einfach anderen Bergsteigern anzuschließen, um das Klettern mit gegenseitiger Unterstützung zu erleichtern.

Die Wanderkarte mit der Markierung für den Aufstieg

Der Pedra de Gávea, der den Zuckerhut um einige hundert Meter überragt, ist ein legendärer Monolith im Tijuca-Wald. Es befindet sich in Barra da Tijuca, einem im Süden von Rio de Janeiro gelegenen Stadtteil.

Das riesige Gestein besteht aus Granit und Gneis, und dank seiner Lage sind die Elemente über mehrere Zyklen hinweg erodiert. Im Laufe der Zeit erschien die Veränderung durch die Natur auf einer Seite des Felsens und zeigte ein Gesicht, das an einen Menschen erinnert. Dieses Naturphänomen führte zu vielen Spekulationen, einschließlich ob es von der Natur oder von einer alten Zivilisation verursacht wurde.

Der gewaltige Felsblock ist 844 Meter hoch und damit einer der höchsten Berge der Welt, der direkt am Meer endet.

Kleine Nebelsuppe, dennoch traumhafter Weitblick auf Barra da Tijuca

Die Wanderwege zur Spitze des Felsens von Gávea wurden zu Beginn des 19. Jahrhunderts eröffnet und dienten damals hauptsächlich einheimischen Bauern, die das Gebiet als Kaffeeplantage nutzten. Intensive Entwaldung wurde Jahre später als schädlich empfunden, so dass das gesamte Gebiet mit einheimischen Baumarten komplett erneuert wurde, was heute dank der aktuellen Parkverwaltung tadellos zu beobachten ist.

Nach einem kurzen Schlaf und dem Besorgen meines Frühstücks war ich morgens um sieben Uhr schon unterwegs. Wegen der zu erwarteten starken Hitze habe ich geplant, früh los zu starten. 800 Höhenmeter, eine Distanz von 3 km und eine herausfordernde, fast vertikale Felswand, die auf den Gipfel des Pedra de Gávea führte, hatte ich vor am Vormittag hinter mich zu bringen. Für Letzteres ist Klettererfahrung unverzichtbar. Ich war gespannt, wie ich den spannendsten Teil der Wanderung erleben werde.

Meine aktuellen Weggefährten bei der Wanderung

Von der Metrostation Jardim Oceânico befindet sich der Parkeingang etwa zwanzig Minuten zu Fuß entfernt. Ich bin pünktlich um acht Uhr angekommen. Der Trail startet bei der Schweizerisch-Brasilianischen Privatschule und ist mit gelben Pfeilen gut markiert. Als ich mich beim örtlichen Ranger registriert hatte, entdeckte ich, dass sich zwei Gruppen schon vor mir befanden. Sie sind ein paar Minuten vor acht Uhr Richtung Granitfelsen aufgebrochen.

Die erste Herausforderung

Auf dem Weg sind die Wegweiser, die auf den Bäumen gemalt sind, relativ leicht zu verfolgen. Der erste Teil beginnt mit einer angenehmen Waldtour, reich an Fauna und Flora. Eine der vierteiligen Gruppen habe ich schnell eingeholt und ich habe mich trotz des nächtlichen Regens und der rutschigen Erde leicht vorwärts bewegen können. Die hohe Luftfeuchtigkeit im Mata Atlântica hat mich auch nicht gestört, ich habe mich schon an meinen anderen Wandertagen Tage davor gut daran gewöhnt.

Douglas und Pindi bei einem der Aussichtspunkte

Ich habe zwei Personen entdeckt, die vor mir gelaufen waren. Es waren zwei junge Brasilianer, die etwas verwirrt nach dem Weg Ausschau hielten. Ich habe kurz davor eine Sonnenbrille auf dem Pfad gefunden und so freuten sie sich doppelt. Zum einen wegen des wiedergefundenen Objekts und zum zweiten wegen meinem Hinweis auf den richtigen Pfad. Wir haben uns schnell vorgestellt und seit diesem Moment gingen wir zusammen auf die Spitze des Felsens zu.

Dieses Panorama entschädigt für die Anstrengung der Besteigung

Spannende, steile Teile warteten auf uns, wo wir uns oft mit eisernen Ringen und Seilen festhalten mußten, um uns hochzuziehen und damit weiterzukommen. Es ging etwa anderthalb Stunden gut bergauf bevor man dann zum schwierigen Kletterteil des Pedra de Gávea, bekannt als Carrasqueira, kam.

Die überwältigende Kletterwand, das Carrasqueira

Die Kletterwand wirkte überwältigend. Ohne Sicherung und ohne an den Felsen montierte Anhaltspunkte haben wir den Aufstieg auf den 15 bis 20 Meter hohen, sehr steilen Berghang auf der Westseite des Granitfelsens begonnen. Trotz der Gefahr eines möglichen Unfalls kletterte ich ganz ruhig, folgte Douglas und Pindi, die mit ihren starken Oberkörpern große Kräfte bewegten, um sich an die hervorstehenden Teile der Felswand zu klammern. Ich versuchte, technisch besser zu klettern und zu schauen, wo ich meine Beine gut platzieren und wo ich mich gut festklammern könnte.

Douglas auf der Spitze des Pedra de Gávea

Es gab einige sehr steile und herausfordernde Teile, aber wir arbeiteten zusammen und halfen uns gegenseitig Schritt für Schritt. Leicht zitternd und mit ein paar weiteren grauen Haaren erreichten wir alle drei die Spitze der Felswand.

Beim Abseilen

Wir haben weitere 15 Minuten weiter bergauf bis zum Gipfel von Pedra de Gávea gebraucht. Die grandiose Aussicht und das traumhafte 360-Grad-Panorama waren das Klettern wert. Einzigartig in Rio! Auf der Bergspitze des massiven Monolithen hatten wir einen perfekten Rundumblick auf den Atlantik, die weitläufigen Strände, die Lagunen, den Regenwald. Wir posierten für viele Fotos, um den Moment für die Ewigkeit festzulegen.

Die üblichen Posen der Brasilianer für ein Foto

Unser Abenteuer war aber noch nicht vorbei, der Pedra de Gávea hat zwei Gipfel, und selbstverständlich haben wir auch den anderen bestiegen. Zuerst mussten wir uns von einer fünf Meter hohen Felswand abseilen, um auf den zweiten Gipfel hochzuklettern. Die glatte Oberfläche war perfekt für ein Picknick geeignet, so haben wir auf einem königlichen Platz gemütlich gefrühstückt und währenddessen das fabelhafte Panorama genossen.

Barra da Tijuca und Recreio vom Gipfel aus

Unterdessen erreichten neue Gruppen die Spitze des Monolithen, also entschieden wir uns, abzusteigen. Letzteres ging bis zur steilen Felswand leicht und da wir dort nach etwas Mühe die richtige Technik gefunden haben, befanden wir uns bald – nach großer Erleichterung – auf dem schon bekannten normalen Pfad. Meine aktuellen Begleitpersonen Douglas und Pindi waren auf dem Rückweg sehr langsam, und da ich schon ein Programm für den Nachmittag markiert hatte, beschloss ich, mich von den zwei zu verabschieden und erreichte mit meinem eigenen Rhythmus den Parkeingang in etwas mehr als zwei Stunden.

Das unvermeidliche Gipfelfoto

Das beste und einzigartige Wandererlebnis war das Klettern auf den massiven Granitfelsen Pedra de Gávea, ein würdiger Abschluss meiner Wanderabenteuer in Rio de Janeiro. Der Ausblick auf der Spitze des Pedra da Gávea entschädigte mich für die Anstrengung bei der Besteigung.

Die wichtige Konzentration, genügend Ausdauer und mein guter psychologischer Zustand waren ausschlaggebend dafür, immer die richtige Entscheidung auf der Felswand getroffen zu haben. Trotz meiner guten Kondition bin ich jedoch gegen einen freien Aufstieg ohne Sicherung für das nächste Mal.

Für ein paar Tage werde ich mich sicher noch in der “wunderbaren Stadt” aufhalten, ein paar untypische Sehenswürdigkeiten folgen, mit viel Spaß, aber mit weniger Abenteuer und Adrenalin…

Wenn Dir meine Abenteuer gefallen und Du auch gerne mal so eine Reise erleben würdest, dann schau mal hier vorbei.

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