Ich habe mir die große Herausforderung in den Kopf gesetzt, das ausgedehnte Dünengebiet des Lençóis Maranheses Nationalparks zu durchqueren. Dies trotz einer Hitze von 35-40 Grad und binnen vier Tagen zu Fuß. Ich habe die Challenge gemeistert, allerdings hat mir auch Tage darauf noch alles wehgetan. Nichts desto trotz beeindruckte mich jede Sekunde der Expedition und ich würde schon morgen gleich wieder loslegen.

Unsere Brasilianer(innen) lieben die freien Tage zusätzlich zu den nationalen Feiertagen. Da oft auch die kleinen Staaten ihren freien Tage autonomy bestimmen, wurde mein Plan von Parnaíba nach Barreirinhas zu fahren aufgrund des Umstandes, dass in Piauí Feiertag war vereitelt. Es gab nämlich nur einen Nachmittagsbus und mit dem hätte ich nur die halbe Strecke zurücklegen können. Ich wandte mich wiederum an meine netten Quartiergeber und schon war die Lösung in Sicht. Mit dem BlaBla-Auto bis nach Tutóia und dann über Schotterwege mit dem Pick-up nach Barreirinhas.

Der Sonnenschutz ist ein Muss in der äquatorialen Sonne

Insgesamt waren es ein bisschen weniger als vier Reisestunden, besonders die Fahrt mit dem Pick-up war ein Erlebnis. Man sitzt einfach draussen und geniesst die beeindruckende Landschaft. Allerdings erhöht der Pick-up abseits der Siedlungen seine Geschwindigkeit bis auf 40-50 km, so dass der Wind stark weht und man sich nur darauf konzentriert, seine Brille festzuhalten. So was er unmöglich, die aufregende Dünenlandschaft des Pequenos Lençóis (Kleines Lençóis) zu beobachten und fotographieren.

Ich überlebte die stürmische Fahrt dennoch und gleich nach meiner Ankunft in Barreirinhas besuchte ich meine Bekannte, um eine dreitätige Wandertour in der Sandwüste zu buchen.

Ende Dezember 2015 bin ich schon mal in dieser einmaligen Gegend gewesen, da waren aber die meisten Lagunen schon ausgetrocknet. Daher habe ich damals niemanden auftreiben können, der die Herausforderung mit mir annehmen wollte. Dieses Mal habe ich Glück gehabt und freute mich auf den Start und auf alles, was während der Exkursion auf mich zukommen würde. Der herausfordernste Trek durchquert den gesamten Park in vier Tagen, beginnend in Atins mit Halt in Baixa Grande und Queimada dos Britos und endend in Santo Amaro, insgesamt etwa 60 km.

Ausgetrocknete Lagune

Ich konnte bloß Vermutungen anstellen, wie mein Körper auf die neuen Herausforderungen der Hitze und des Spazierganges auf den Dünen reagieren würde. Während meiner früheren Weltreisen habe ich mehrere Berggipfel bestiegen und viele Trekkingtouren unternommen, allerdings sollte es das erste Mal sein, mehr als einen halben Tag in der Sandwüste spazierend zu erleben.

Der Blick auf die endlosen, weißen Dünen und auf die azurblaunen Lagunen inspirierten mehrere Regisseure. So wurde im Lençóis unter anderem der brasilanische Film “Casa de Areia (The House of Sand)” im Jahr 2005 gedreht.

Surreale Lagune mitten in der Sandwüste

Die Entstehung der Sanddünen ist auf zwei lokale Flüsse, den Rio Preguiças und den Rio Parnaíba zurückzuführen. Diese beiden Flüsse des Maranhão liefern Sand vom Festland bis zum Meer, welches den Sand entlang eines 70 km langen Ufers weiterverteilt. Der starke Nordostwind weht ständig und bläst den Sand bis zu fünfzig Meter weit ins Festland. Dieser Effekt erschafft die ca. 40 m hohen Fix- und Wanderdünen. Und die Dünen wandern tatsächlich – manche bis zu fünfzig Meter im Jahr. Nach der Regenzeit sind hier die Dünentäler für einige Monate mit kristallklaren, azurblauen Lagunen versehen.

Der Nationalpark unweit von Barreirinhas wurde 1981 gegründet und die Stadt bietet einen der besten Ausgangspunkte um das herrliche Naturschutzgebiet zu erkunden. In den meisten Fällen sind das Halbtagestouren mit dem Pick-up oder das langsame Linienschiff von Barreirinhas an die Küste nach Caburé und Atins.

Kristallklare Lagune

Atins war auch eines meiner Reiseziele für den folgenden Tag. Ich wusste, daß die Camionetas tagtäglich um 10 Uhr losfahren. Letztes Mal kam ich ca. 45 Minuten vor der Abfahrt an und hatte kaum Platz gefunden. Dieses Mal war ich schlauer und ging gleich nach dem Frühstück zur gewohnten Straße und sicherte durch meinen Rucksack einen der heiß begehrten Sitzplätze. Erst gegen halb 11 brachen wir auf, da unser Fahrer erstmal alle Gepäckstücke aufladen musste. Die Einheimischen nutzen oft die Camionetas für verschiedene Lieferungen, so waren es diesmal Haustüren, Kunsttoffröhren, 20 kg schwere Mehlsäcke, Wochenendeinkäufe und viele Coca-Cola-Flaschen, die unbedingt auf den Pick-up hinauf mussten.

Nach der Logistik mussten wir mit dem vollgepackten Camioneta vorerst den Rio Preguiça mit einer Fähre überqueren. Dann ging es im Nationalpark für gute zwei Stunden bis Atins weiter.

Vollgepacktes Pick-up auf dem Weg nach Atins

Mit meinem Guide Cleiton hatte ich ausgemacht, daß wir uns am Abend im Restaurant von Herrn Antonio im abgelegenen Canto de Atins treffen. Canto liegt ca. 6-7 km von Atins entfernt. So hat für mich die große Expedition schon in Atins angefangen, allerdings wieder mal in der Mittagshitze. Ich habe nur die wichtigsten Sachen wie Sonnencreme, Extrakleidung, Kamera, Telefon und Rapadura (eine Art Vollrohrzucker) mitgenommen. Rapadura wird aus dem reinen Saft des Zuckerrohrs gewonnen und ist eine mineralstoff- und vitaminreiche Masse, welche schonend unter Vakuum eingetrocknet wird. In Jeri habe ich den Vollruhrzucker das erste Mal probiert und wusste dass der Energieersatz in der Sandwüste praktisch sein würde.

Ich habe mir wegen der Hitze Zeit genommen in Atins im Meer baden zu gehen und habe leicht meinen Weg vor dem Sonnenuntergang bis Canto de Atins gefunden. Nach einer angenehmen Dusche und einer kleinen Pause in einer der Hängematten bestieg ich die ersten von hunderten Sanddünen des kommenden Wochenendes, um einen atemberaubenden Sonnenuntergang zu erleben.

Unendliche weiße Sanddünen

Während der Exkursion schläft man in Hängematten, welche oft in einem separaten Raum aufgehängt sind. So war es auch im Canto de Atins der Fall. Mit Cleiton einigten wir uns darauf, am nächsten Morgen schon gegen drei Uhr aufzustehen und um vier Uhr loszustarten. So war es dann auch. Kurz nach vier gingen wir das aktuelle Tagespensum von 23 km an.

Die ersten paar km liefen wir ohne die aus São Paulo angereiste Jennifer, sie ergänzte unser Expeditionsteam erst nach ca. 4-5 km. Die ersten 13 km absolvierten wir am Strandufer. Es gibt dort keine sonderlich beeindruckende Landschaft, der Wind bläst nämlich viel Müll vom Meer aufs Festland. So freuten wir uns mehr, als wir die Fischerhäuser verlassen hatten und den Weg ins Innere der Sandwüste gefunden haben. Unser Ziel für heute war die Oase Baixa Grande.

Endlich befanden wir uns in der lange erwarteten Sandwüste! Ab jetzt ging es barfuß weiter, unsere Kameras behielten wir in den Händen, da die Landschaft immer spektakulärer wurde. Zum Glück hatten wir netten Rückenwind und kamen so auf den Dünen leicht voran. Die Umgebung war paradisiesch, wie eine richtige Mondlandschaft, die so aufregend scheint, wie die Salzwüste von Salar de Uyuni oder die Atacamawüste in Chile – allerdings mit ganz wenigen Touristen.

Ungalubliche Landschaft in einer teils ausgetrockneten Lagune

Das Entstehen der Seen zwischen den Dünen ist zum Teil regenabhängig, so kreuzten wir oft im Wasser gehend halb ausgetrocknete Lagunen. Wir kletterten mit viel Freude von Düne zur Düne, um zu erfahren, was uns in den nächsten 15-30 Minuten erwarten würde. Je näher wir der Oase Baixa Grande kamen, desto schöner erschien die Wüste mit ihren blauen und grünen Lagunen. Da wir im Oktober im Nationalpark Lençóis Maranheses unsere Exkursion erlebten, enthielten die Lagunen noch relativ viel Wasser und wir konnten uns vor dem Austrocknen schützen.

In Baixa Grande leben nur vier Familien, sie verdienen ihr Brötchen teils vom Tourismus und teils vom Fischfang im Atlantik. Diesen erreichen sie allerdings erst nach einem anstrengenden zweistündigen Fußmarsch durch die Wüste.

Mein Zuhause in der Oase Baixa Grande

Man würde denken, die vier Familien leben nebeneinander, es ist aber nicht so. Man muss zum Nachbar oft mehr als eine Stunde laufen. Wir sind kurz vor 12 Uhr angekommen, die Einheimischen haben uns nett empfangen und während wir unsere Dusche genossen haben und in den Hängematten faulenzten, war schon das leckere Mittagessen fertig.

Die ersten 23 km waren ein bisschen anstrengend, so gehörte der Nachmittag der verdienten Ruhe. Nur am Spätnachmittag kletterte ich mit Jennifer auf neue Sanddünen, um einen weiteren beeindruckenden Sonnenuntergang zu erleben.

Perfektes Mittagessen mitten im Nirgendwo

Jennifer ist schon das zweite Mal im Lençóis Maranhenses Nationalpark unterwegs. Nach August, wo sie mit ihrer Mama fast den gleichen Weg gelaufen ist, wollte sie nochmals ihre freien Tage nutzen und die Sandwüste besuchen. Da Lençóis nie das gleiche Gesicht zeigt, hat Jennifer wieder mal jede Sekunde der Exkursion in der atemberaubend schönen Landschaft aus Dünen und Lagunen genossen und wie sie mir mitteilte, plant sie schon ihren nächsten Besuch für Mai 2018.

Da wir am darauffolgenden Tag nur 9 km zu laufen hatten, haben wir gemütlich gegen 6 Uhr gefrühstückt. Laut Cleiton wartete auf uns der schönste Teil der Sandwüste voll mit malerischen Lagunen.

Was passiert, wenn eine Brasilianerin eine Kamera in die Hände bekommt!?

Unser Guide hatte recht, denn gegen acht Uhr erblickten wir ein Panorama, welches bis jetzt nur von Fotos und Videos großer Reisebüros und Magazinen bekannt war. Hunderte von weissen Sanddünen folgten einander, darunter viele kleine und große türkisfarbige Lagunen, welche eine wahrscheinlich einzigartigsten visuellen Erscheinungen auf der Welt bieten.

In den kristallklaren Süßwasserlagunen ließ es sich hervorragend schwimmen und abkühlen. Wir haben die grandiose Natur auf uns wirken lassen. Erst mittags kamen wir in der erstaunlichen Oase Queimada dos Britos an, welche quasi die Mitte des Nationalparks markiert. Hier mitten im Nirgendwo und dennoch an einer Quelle des Lebens leben 14 Familien.

Ohne Badezimmer, aber mit einem Bad im Fluß haben wir den Sand von unserem Körper abgewaschen. Wieder haben wir in Hängematten geschlafen und da uns am nächsten Tag erneut eine lange Strecke erwartet hat, standen wir schon gegen 2 Uhr auf. Mit leckerem Rührei und Tapioca tankten wir viel Energie für die bevorstehende letzte Etappe von 22 km.

Einzigartige visuelle Sicht (nicht mein Rücken) 😀

Wir fühlten alle drei schon eine kleine Müdigkeit in unseren Beinen und so haben wir in der Dunkelheit fast nichts miteinander gesprochen. Erst als die Sonne erschien, waren wir richtig aufgewacht. Zu unserem Glück beeindruckten die Lagunen wieder, allerdings blieb diesmal wenig Zeit zur Wasseraufnahme und zum Baden. Wir mussten unseren Fussmarsch fortsetzen, damit wir vor Mittag am anderen Ende der Wüste, in Santo Amaro ankommen.

Nach guten sechs Stunden schafften wir es bis zum Lagoa da Andorinha, hier trafen wir auf andere Touristen, die von Santo Amaro einen Tagesausflug zum kristallklaren Gewässer unternommen haben. Jennifer hat sich entschieden zu bleiben und das warme Wasser der Lagune zu geniessen, während ich und Cleiton uns auf den Weg zur letzten Strecke von ungefähr 90 Minuten machten.

Am ausgetrockneten Lagoa de Gaivota haben wir die Eier von einer Möwe entdeckt. Nach einer kurzen Pause ging es aber schon nach Santo Amaro weiter.

Der kürzeste Weg führt durch die Lagune

Erschöpft aber mit vielen neuen Eindrücken setzte ich kurz nach der Ankunft meine Reise in die Hauptstadt von Maranhão nach São Luis fort, um mich dort bestimmt tagelang zu regenieren, die Erlebnisse der Tour aufzuarbeiten und demnächst schon eine neue Expedition in den malerischen Nationalpark zu planen.

Wenn Dir meine Abenteuer gefallen und Du auch gerne mal so eine Reise erleben würdest, dann schau mal hier vorbei.

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