Nach einem längeren Aufenthalt in Kolumbien wechselte ich das Land und begann eine fast einmonatige Flussfahrt im Amazonastiefland von Brasilien. Zuerst reiste ich von Tabatinga über 40 Stunden als einziger Gringo auf dem Deck eines Frachtschiffes zusammen mit ca. 200 anderen Gästen nach Tefé. Kreuz und quer wurden auf dem Frachtschiff die Hängematten gespannt, wenn es voll war, hingen die Leute wie die Sardinen und öfters sogar 2-stöckig. Anstelle einer sehr bequemen Lodge in einem einmaligen Naturreservat und der Möglichkeit eine ganz spezielle Affenart zu bewundern, entdeckte ich die Umgebung der Stadt Tefé. Am Ufer des Rio Solimões besuchte ich die kleine Siedlung von Missão, welche seinerzeit als Teil einer Jesuitenmission gegründet wurde.

Ich habe drei schöne und abwechslungsreiche Monate in Kolumbien verbracht, aber die Zeit war gekommen, um weiterzureisen. Mein Touristenvisum für Aufenthalte bis zu 90 Tagen lief langsam ab, so beschloss ich, die Reise in meinem Lieblingsland Brasilien fortzusetzen. Ich wollte meinen alten Traum verwirklichen, indem ich auf einem langsamen Frachtschiff in einer Hängematte übernachtend die extrem lange Strecke bis zum Amazonas-Delta im Baja de Marajó fahre.

Der Hafen von Tefé.

Viele junge Rucksacktouristen reisen mit schnellen Zwischenstopps die Tausenden von Kilometern über den Amazonas, der ein Fünftel des gesamten Süßwasservorrats der Erde Richtung Atlantik transportiert. Diese jungen Leute halten normalerweise nur für ein paar Tage in Manaus an und fahren eilig weiter. Ich fand es wichtig, nicht zu hetzen. Ich hatte genug Zeit und plante mindestens drei längere Zwischenstopps.

Der Sonnenuntergang ist der aufregendste und schönste Teil der langen Reise auf einem Frachtschiff.

Von der Karibik kam ich über Santa Marta mit dem Bus nach Bogotá zurück, wo ich einen Flug an die südöstliche Spitze des Landes, am Dreiländereck zu Peru und Brasilien, bestieg. Ich hätte nicht gedacht, dass ich genau hier im vom Dschungel umgebenen Leticia auf einen alten Bekannten treffen würde… Ich war schon oft in Leticia, also wusste ich, dass ich trotz der hohen Luftfeuchtigkeit die paar Kilometer vom Flughafen zur Innenstadt mit dem Rucksack auf den Schultern laufen kann. Als ich in meiner Unterkunft ankam, drehte sich ein Gast an der Rezeption um, beäugte mich ziemlich schnell und sagte zu mir:

“Márk, bist du das?”

Was soll ich denn sagen, ich war ziemlich überrascht! Um ehrlich zu sein, habe ich ein ganz gutes Namens- und Gesichtsgedächtnis, aber der Name der Person, die mir gegenüber stand, fiel mir einfach nicht ein. Ich wusste nicht mal woher ich ihn kennen sollte. Als ich zur Rezeption ging, überprüfte ich den Reisepass des Mannes und es stellte sich heraus, dass er aus Italien stammte.

In wenigen Augenblicken wurde mir klar, dass dies nur Walter sein konnte, der Backpacker aus Triest, den ich in vor Jahren in Costa Rica kennenlernte. Ich habe Walter an der südlichen Karibikküste in Cahuita getroffen. Während wir im gleichen Hostel übernachteten, kochten wir abends Seite an Seite und unterhielten uns viel über die vielen Nationalparks der Ticos.

Leticia liegt in der südöstlichen Spitze Kolumbiens am Dreiländereck mit Peru und Brasilien.

Mit Walter, der sich in der ersten Woche seiner dreiwöchigen Kolumbienreise befand, spazierte ich am Nachmittag vom Zentrum Leticias schön gemütlich in ca. 15 Minuten auf die brasilianische Seite nach Tabatinga, um uns umzusehen und mein Bootsticket nach Tefé zu kaufen. Ohne Passkontrolle kann man sich frei zwischen den beiden Grenzstädten bewegen. Nur diejenigen, die ins Landesinnere reisen möchten, benötigen einen Stempel.

In Tabatinga treffe ich zum ersten Mal auf den Amazonas.

Der Zweck meines kurzen Aufenthalts auf der brasilianischen Seite bestand nicht nur darin, das Bootsticket für den Folgetag zu buchen, sondern auch das köstliche Açaí wieder zu probieren. Açaí ist die Frucht einer im südamerikanischen Regenwald heimischen Palme. Aus seinen besonders nährstoffreichen Beeren werden im ganzen Land Eiscreme mit Superfood-Kick und erfrischende Smoothies hergestellt. Es gibt jedoch eine viel intensivere Version, ganz besonders hier im Amazonasgebiet, welche in flüssiger Form oder Pulpe in Plastikbeuteln verkauft wird.

Ich könnte mich Tag und Nacht an Açaí ernähren.

Am nächsten Tag machte sich mein italienischer Bekannter auf den Weg zu einer mehrtägigen Dschungelwanderung auf der peruanischen Seite auf, während ich mich auf einem Motortaxi zum Hafen von Tabatinga fahren ließ.

Bevor aber die lange Flußreise begann, hatte die brasilianische Grenzpolizei jeden Winkel des Schiffes überprüft. Während der strengen Inspektion wurde das reisende Publikum aufgefordert, die Gepäckstücke nebeneinander aufzustellen. Der schnüffelnde Hund der Polizei hielt bei meinem Rucksack an, so überprüften die fleißigen Wachen der örtlichen Streitkräfte meinen am Vortag sorgfältig gepackten Reiserucksack.

Einer der Frachtschiffe wartet auf den Start.

Mein aktuelles Wohn- und Schlafzimmer: eine Vielzahl von Hängematten auf dem mittleren Deck des Frachtschiffes.

Am Amazonas, dem wasserreichsten Fluß der Welt, gestartet und am lehmig-gelben Weißwasser des Rio Solimões fortsetzend, erreichte ich nach einer 44-stündigen Fahrt im Herzen des Amazonas, die Stadt Tefé. Nicht nur die lange Fahrt begann aufregend, sondern endete auch unglaublich spannend. Im Morgengrauen, bevor wir an unserem Ziel ankamen, mitten im Fluss Solimões, kollidierte unser Schiff mit einem riesigen Baumstamm. Glücklicherweise konnten wir unsere Reise ohne größere Probleme fortsetzen.

War es vielleicht der Kapitän, der im Morgengrauen eingeschlafen war und einen Unfall verursachte?!

Als einzelner Gringo auf dem Schiff war die langsame Reise die perfekte Therapie für meine Seele, ich genoss jede Minute davon, einschließlich der Übernachtung in der Hängematte. In Tefé ankommend wäre das Mamirauá Reservat aufgrund einer brillanten Dschungeltour für die nächsten vier oder fünf Tage mein Zuhause gewesen. Mamirauá ist Brasiliens größte geschützte Flussau, der für seine ungeheure Artenvielfalt bekannt ist, in dem unter anderem die Mitarbeiter von National Geographic jedes Jahr wochenlang fotografieren und filmen.

In der Gegend um Mamirauá – im tiefsten Regenwald mit überfluteten Flusswäldern – lebt der ganz besondere scharlachrote Affe (auch Uacari Affe genannt), den zuvor nur sehr wenige in seiner natürlichen Umgebung bewundern konnten. Das schwimmende Refugium wurde jedoch in der gleichen Woche meiner Ankunft renoviert, um die Lodge auf die Hochsaison des Karnevals vorzubereiten. Ich hatte zwei Optionen: entweder warte ich in Tefé eine Woche oder ich schaue mich nach anderen Sehenswürdigkeiten um.

Der Tempel von Missão ist eine der schönsten Sehenswürdigkeiten in der Umgebung von Tefé.

Anstelle der einzigartigen Landschaft und der vielfältigen Tierwelt des Schutzgebietes Mamirauá lernte ich in den hier verbrachten Tagen, die Geschichte von Tefé kennen. Am Ende des 20. Jahrhunderts wurde Missão, das als Vorläufer der Stadt galt, von niederländischen Missionaren gegründet, die sich in Brasilien aufgrund der Evangelisierung niederließen.

Im Herzen des Amazonas, 15 km von Tefé entfernt, waren die Einwohner der Casa da Missão sehr überrascht, als ich um den Schlüssel der zwischen 1924 und 1950 erbauten Kirche fragte. Die Wahrheit ist, dass kaum Touristen nach Tefé kommen. In den drei Tagen habe ich nur viele fleißige (oder faule) Einheimische getroffen, aber gar keine Backpacker.

Auf dem kleinen Friedhof hinter der Kirche können noch die Gräber von 23 Missionaren besichtigt werden.

Die Casa da Missão ist bis heute bewohnt.

Nachdem mich das Boot zwischen schwimmenden Holzhäusern, Werkstätten und Wasserstationen nach Tefé zurückbrachte, war mir klar, dass ich bei diesem schwülen Wetter meinen örtlichen Açaí-Händler erneut aufsuche, um eine große Portion dieser Amazonasdelikatesse zu genießen.

Tefé ist nicht unbedingt der Ort, an dem ich gerne leben würde.

Bald werde ich per Frachtschiff weiterfahren, denn Manaus, die Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Amazonas, wartet auf mich!

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