Ich habe vorhin schon mal versprochen, dass ich, wann immer ich kann, den „Gringo Trail“ verlassen werde. Das habe ich neulich auch gemacht, denn ich habe einen Nationalpark besucht, der überhaupt nicht auf der Liste der gewöhnlichen Touristen in Costa Rica steht. Hat es sich gelohnt? In jedem Fall! Üppige Vegetation, reiche Fauna, gar keine Touristen. Dies sind die einzigartigen Erlebnisse, für die es sich lohnt zu reisen und die Welt zu erkunden.

Eine beträchtliche Anzahl von Besuchern in Costa Rica folgt dem scherzhaft genannten „Gringo Trail” und reist von Monteverde am Ufer des Arenalsees entlang nach La Fortuna. Tatsächlich hatte ich auch vor, die für ihre Thermalbäder, Vulkane und Wasserfälle berühmte kleine Stadt zu besuchen, allerdings entschied ich mich davor für Liberia, um den Nationalpark Rincón de la Vieja nach Jahren noch einmal zu erkunden. Ich plante das Abenteuer Vulkanlandschaft mit schwefeligen Fumarolen und blubbernden Schlammlöchern erst für den übernächsten Tag, so suchte ich am nächsten Tag nach einem Alternativprogramm.

Vielfältige Vogelwelt in einem sekundären tropischen Trockenwald.

Der Nationalpark Horizontes, weniger als eine Autostunde von Liberia entfernt, hat sich dafür als gute Alternative ergeben. Über den von SINAC betriebenen Park konnte ich jedoch im Vorfeld nicht viel erfahren. In Liberia – in der größten Stadt des Bundesstaates Guanacaste – übernachtete ich wieder einmal in Hospedaje Dodero, einer vor Jahren recht gut etablierten und preiswerten Unterkunft. Ich war der einzige Gast in dem einfachen Backpacker-Hostel, daher fand ich es äußerst seltsam, dass der Besitzer mich bat, wegen der Coronavirus-Pandemie eine Maske zu tragen, wenn ich mein Zimmer verließ. Ich habe nicht wirklich verstanden, warum das sinnvoll wäre, wenn außer mir eh niemand im Hostel ist?! Es war bestimmt auch ein wenig komisch anzuschauen, als ich morgens in der leeren Küche Teewasser in einer Maske erhitzte. Was meinen Aufenthalt noch seltsamer machte, war die Tatsache, dass mein aus Liberia stammender Gastgeber, der seit mehr als zwanzig Jahren in der Tourismusbranche tätig war, die Versuchsstation für Land- und Forstwirtschaft namens Horizontes gar nicht kannte. Nachdem mein Hausherr die Telefonummer des örtlichen Parkwächters von mir erhalten hat, rief er Marlon sofort an, um ihn nach der bislang weniger bekannten Geschichte und den Attraktionen des Nationalparks zu fragen.

Die Frucht namens Wingo wird zur Herstellung von Kunsthandwerk verwendet.

Es ist relativ einfach, bunte Schmetterlinge nach dem Regen zu fotografieren.

Der Park, der heute Estacion Experimental Forestal Horizontes heißt, hieß im 20. Jahrhundert Hacienda Horizontes und wurde für die Viehzucht und den Ackerbau genutzt. Sein letzter Besitzer war ein kubanischer Unternehmer namens Carlos Sampers. Neben der Rinderhaltung wurden auf dem riesigen Anwesen auch Reis, Baumwolle und Sorghum angebaut. Die Ranch, die ursprünglich zumeist aus Holzgebäuden bestand, wurde bereits 1989 als Naturschutzgebiet an die Regierung von Costa Rica übergeben, um dem Park umfangreiche gärtnerische Anwendungsforschung zu ermöglichen. In den 1990er Jahren wurden die alten Stall- und Scheunengebäude der Farm umgebaut, wodurch das Verwaltungsbüro, das Parkwächterhaus und viele Werkstätten entstanden. Nach alten Aufzeichnungen und Fotos gab es vor 30 Jahren zum Zeitpunkt der Übergabe nur Rasen und Weide auf der Ranch, während jetzt – drei Jahrzehnte später – fast der gesamte Park mit mittelgrossen, relativ jungen Bäumen bewachsen ist.

Aus Viehzuchtstation erstklassiger Nationalpark.

Spannende Flora am Eingang der Forstlichen Versuchsstation.

Setzlinge, die zur Wiederaufforstung verteilt und gepflanzt wurden, wurden in der Hoffnung besiedelt, Populationen verschiedener Arten vor dem Aussterben zu bewahren. Forscher der Estacion Experimental Forestal Horizontes untersuchen auch, wie sich Gebiete mit unterschiedlicher Entwaldung erholen und wie sich Techniken der Aufforstung auf die Qualität der Aufforstungsmaßnahmen auswirken.

Die üppige Vegetation wird über kleine Brücken überquert.

Von Liberia über Guardia gelangte ich auf der Route 253 zum Haupteingang des Nationalparks. Frühmorgens machte ich mich auf den Weg, um die fast komplett verwachsenen und etwas Mut erfordernden Pfade der Forstlichen Versuchsstation, rechtzeitig anzugehen. In den letzten Tagen habe ich mehrere Nachrichten mit Marlon, dem örtlichen Parkwächter von SINAC, ausgetauscht, in denen er mir mitteilte, dass mein kleiner Mietwagen trotz des ununterbrochenen Regens der letzten Tage in der Lage sein wird, die unbefestigte Straße mit jeder Menge Schlaglöcher zu absolvieren. Der sympathische Ranger sah mich trotz unserer Korrespondenz der Vortage verwundert an, als ich frühmorgens am Eingang des Nationalparks Horizontes auftauchte. Er meinte, ich sei erst der dritte ausländische Besucher seit der Coronavirus-Krise.

Dieses gute Wesen liess sich minutenlang fotografieren.

Der El Guaracho Trail ist einer von fünf abwechslungsreichen Waldwegen innerhalb des Parks.

Die Estacion Experimental Forestal Horizontes (EEFH) ist ein sekundärer tropischer Trockenwald mit einer durchschnittlichen Jahrestemperatur von etwa 25 Grad und einer durchschnittlichen jährlichen Niederschlagsmenge von 1800 mm, verteilt über den Zeitraum von Mai bis Oktober. Das Klimaphänomen El Niño wirkt sich oft auf das natürlich regenerierte EEFH aus, sodass die Niederschläge von Jahr zu Jahr stark variieren. Eines der schwerwiegendsten unerwünschten Ereignisse von El Niño fand 2015 statt, als im Nationalpark eine extrem niedrige Regenmenge von nur 630 mm registriert wurde. Mit geringeren Niederschlägen in den Jahren davor hat diese außergewöhnlich extreme Dürre zur Zerstörung vieler Bäume geführt, während andere Arten der anhaltenden Dürre widerstanden haben. 2016 (1800 mm) und 2017 (2000 mm) war die Niederschlagsmenge bereits überdurchschnittlich hoch, der aufgeforstete Wald wurde regeneriert.

Schöne Farben im Reservat Horizontes.

Nach den Nationalparks Braulio Carrillo, Tapantí und Los Quetzales, die mich aufgrund ihrer weniger vielfältigen Fauna nicht so wirklich überzeugt haben, hat mir das Estacion Experimental Forestal Horizontes besonders gut gefallen, und das trotz der an einigen Stellen schwer zu begehenden Wanderwegen. Trotz heftig verschlammten Pfaden habe ich alle fünf Wanderwege (Bajo Sombra, Arboretum, El Guaracho, Los Coyotes, El Saltillo) ausführlich durchwandert, habe den beeindruckenden Wasserfall El Saltillo besichtigt und am Ende des Tages auch die vielfältigen Feuchtgebiete der Los Coyotes-Lagune erkundet.

Verschiedene Wasservögel zeigen sich im Feuchtgebiet von Los Coyotes.

Mein Tag wird mit dem El Saltillo Wasserfall komplett.

Erneut habe ich einen fantastischen Tag in einem Nationalpark hinter mir, wo ich den ganzen Tag alleine gewandert bin. Es ist ein großartiges Vergnügen, Costa Rica so zu bereisen, dass ich im Land eher unbekannte Reservate aufsuche und dort keine Touristen treffe. Wenn Du im Norden des Landes unterwegs bist, empfehle ich Dir mindestens einen halben Tag im tropischen Trockenwald von Horizontes zu verbringen. Du wirst das Erlebnis sicher nicht bereuen!

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