Ich liebe es, neue, unbekannte Orte zu entdecken, so verlasse ich die ausgetretenen Pfade in Costa Rica. Diesmal lernte ich das weltweit einzigartige Feuchtgebiet von Palo Verde kennen, wo das Vogelparadies meine Erwartungen bei weitem übertraf.

Costa Rica war nicht das erste Land in Lateinamerika, in dem mir klar wurde, dass ich, um die außergewöhnliche Schönheit dieses Landes kennenzulernen, nicht explizit nur die Hauptattraktionen besuchen sollte. Letztere sind interessant, aber – wenn keine Corona-Pandemie herrscht – voller Besucher, was mir das touristische Erlebnis komplett vermiest. Glücklicherweise kann Costa Rica so viele spannende Nationalparks und vielfältige Naturschutzgebiete vorweisen, dass das Ökoland – halb so groß wie Ungarn – monatelang genug Reize bietet, auch wenn ich die beliebtesten Sehenswürdigkeiten bei meinem Programm auslasse. Es ist mein besonderes Glück, dass sich jetzt – in der Zeit der Wiedereröffnung nach COVID-19 – kaum Touristen im Land befinden, so dass jegliche Sehenswürdigkeiten und Ausflugsziele ohne Touristenhorden besichtigt werden können. Deshalb habe ich mich vor ein paar Wochen dazu entschieden, die beliebten Nationalparks Monteverde und Manuel Antonio zu besuchen. Die wahren Wildlife-Erlebnisse bieten jedoch Orte mit Attraktionen wie z.B. Horizontes, wo es trotz ständiger Werbung nie Menschenmassen geben wird. Ähnliches erlebte ich im Nationalpark Palo Verde, der trotz seiner relativen Nähe zu Liberia nicht wirklich im Programm der Reisenden in Costa Rica steht.

Friedlicher Wald begrüßt mich im Besucherzentrum von Palo Verde.

Weißkehlkapuziner begleiten mich auf meinem Spaziergang.

Auf den Wanderwegen begegne ich solchen sympathischen Wesen.

Der Palo Verde (benannt nach dem immergrünen, hohen Palo Verde Strauch) erstreckt sich entlang des Ostufers des Rio Tempisque und ist von Bagaces aus über die Zufahrtsstraße 922 zu erreichen. Am Ende der Regenzeit habe ich zur Anfahrt kein Allradfahrzeug gebraucht. Ein paar Kilometer von Bagaces entfernt liegt die vielleicht schönste Attraktion der Gegend, der beeindruckende Wasserfall „Llanos del Cortés”. Letzteren habe ich vor ein paar Jahren mit Jonas, einem deutschen Reisenden, besucht. So habe ich diesmal lieber eine der vielseitigsten Zonen in Bezug auf Artenvielfalt Costa Ricas ins Auge gefasst. Palo Verde ist ein überwältigender Ort. Alle größeren Flüsse der Region fließen hier zusammen, dadurch entsteht ein eindrucksvolles Biotop mit Mangrovensümpfen, Sumpfland, Grassavannen und immergrünen Wäldern. Die weitläufigen Feuchtgebiete und Sümpfe, die etwa 50 % der Fläche des Nationalparks ausmachen, beherbergen eine extrem große Anzahl von Dauervögeln und Zugvögeln. Infolgedessen wurde Palo Verde im Rahmen eines Internationalen Übereinkommens zum Schutz von Feuchtgebieten zu einem Ökosystem von herausragender Bedeutung erklärt.

Der Pier an der Lagune von Palo Verde ist ein ausgezeichneter Ort für Vogelbeobachter.

Fabelhafte Sumpfflora.

Der Nationalpark Palo Verde ist auch auf nationaler Ebene einzigartig dichotom. Das Schutzgebiet im Nordwesten von Costa Rica ist sowohl ein äußerst spektakuläres Überschwemmungsgebiet als auch eines der besten Beispiele für das Überleben tropischer Trockenwälder. Diese Doppelnatur ist darauf zurückzuführen, dass der Tempisque-Fluss ein Gebiet in einer Region mit relativ trockenem Klima überflutete. Palo Verde besteht wie viele andere Sektoren des Landes größtenteils aus wiedergewonnenem Ackerland. Die umliegenden Kalksteinhügel und die Trockenwaldlandschaft der Region haben zu einheimischen Wäldern mit weniger Bäumen und mehr Weiden und Futtergewächse geführt. Die Rodung der Grünfläche war für den Umbau der Farmen also nicht zwingend erforderlich, sodass das Schutzgebiet im Vergleich mit den anderen Naturschutzgebieten mit weniger Schäden von der Umformung der Weide davonkam.

Mehrere Dutzend Kuhreiher ruhen weiter entfernt, aber meine Kamera schafft es, sie zu fotographieren.

Der falkenartige Schopfkarakara tauchte vor mir auf der Straße auf.

Es hat mich nicht gewundert, aber schon jetzt darf ich es verraten, im Schutzgebiet habe ich den ganzen Tag keinen anderen Besucher getroffen. Es ist irre, denn Palo Verde – einer der Orte mit der größten Biodiversität des Landes – ist ein wahres Paradies für Naturbeobachter. Bevor ich mich für den ca. 80 Meter langen Holzpfad – ein genialer Ort für Birdwatching – entschied, machte ich mich auf den Weg zum einzigartigen Aussichtspunkt des La Roca-Weges. Ich wurde von einer herrlichen Aussicht auf dem rauenGipfel begrüßt, von wo aus ich einen guten Blick auf einen Großteil der Lagune Palo Verde sowie auf den majestätischen Río Tempisque und den Golf von Nicoya hatte.

Auf geht´s zum Aussichtspunkt „La Roca”!

Von der Spitze von La Roca aus gibt es viel zu beobachten.

Der tropische Trockenwald, der einst einen Großteil der Pazifikküste Mittelamerikas bildete, hat heute nur noch wenige Überreste. In den vergangenen Jahrhunderten wurde der Wald durch naturzerstörende Aktivitäten stark reduziert, weshalb Palo Verde das letzte bedeutende Waldgebiet schützt. Dieses Gebiet gilt als Trockenwald, da es etwa die Hälfte des Jahres über wenig oder gar nicht regnet. Die Bäume und Sträucher im Wald verlieren in dieser Zeit ihre Blätter, um die wertvolle Ressource Wasser übrig zu halten.

Idyllischer Augenblick.

Stachelschwanzleguane zeigen sich sowohl auf Felsen als auch in den Grassteppen.

Die Regenzeit ist die Jahreszeit, in der sich der aus seinen Ufern getretene Río Tempisque in ausgedehnte fast undurchdringliche sumpfige Gebiete verwandelt, die Zugvögel empfangen, wenn die kältere Klimaperiode einsetzt. Während die Trockenzeit von Dezember bis Mai voranschreitet, schrumpfen die Sümpfe allmählich zu isolierten Flecken und Becken, und Zugvögel ziehen in gemäßigten Klimazonen zu ihren Brutgebieten. Ich habe Palo Verde Ende November besucht, der auch ohne eine Boots- oder Kajaktour – in Puerto Humo wird es das nächste Mal die Gelegenheit dazu geben – voller Vögel war und das obwohl es keine Jabiru-Saison gab. Letzteres tat mir sehr leid, da es gut gewesen wäre, die unter Artenschutz stehenden Jabirus nach dem Pantanal in Brasilien wieder visuell zu inspizieren.

Das Gelbstirn-Blatthühnchen lässt sich an der Wasserpromenade gut fotografieren.

Während meiner Vogelsafaris zeigt sich der in den Sümpfen lebende Blaureiher.

Palo Verde hat mir viel mehr gegeben, als ich anfangs erwartet hatte. Obwohl die wildromantische und sumpfige Landschaft kein Pantanal ist, ist sie aufgrund ihrer Artenvielfalt und besonderer ökologischenBedeutung definitiv ein sensationeller Ort in Costa Rica. Ich bin mir sicher, dass es in der Zukunft einen Tag geben wird, an dem ich in den einzigartigen Nationalpark zurückkehre, wo ich das nächste Mal die äußerst reichhaltige Vogelwelt der Sumpfgebiete nicht nur zu Fuß, sondern auch vom Río Tempisque aus erleben werde.

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