Nachdem meine Reisegruppe die schönsten Sehenswürdigkeiten von Quito und seiner Umgebung im Detail kennengelernt hatte, machte sich die Gruppe auf den Weg zu den riesigen Vulkanen der Mittelanden. Wir verbrachten zwei Tage in den Berghütten von Rodrigo, einem legendären Bergführer, der am Fuß des Chimborazo-Vulkans lebt. Während unseren Wanderungen lernten wir die Páramo-Vegetation von Ecuador kennen. Ein genialer Schlusseffekt unseres Abenteuers in den Anden war das zufällige Treffen mit Baltazar, dem letzten Eishauer vom Chimborazo…

Mit der üblichen guten Laune der Vortage gingen wir ins nächste Abenteuer auf unserer aktuellen Reise in Ecuador. Mit der Gruppe bereiteten wir uns auf den Besuch des hohen erloschenen Stratovulkans Chimborazo vor. Mit seinen 6.310 Metern ist der Andenriese Chimborazo jener Punkt auf der Erde, welcher am weitesten vom Erdmittelpunkt entfernt liegt. Die einzige Aufregung verursachte Csabi, der den Bus Richtung Riobamba fast verpasst hätte. Als er mit mehreren großen Taschen Bier in seinen Händen erschien, wusste ich sofort, was der wichtige – und für uns alle verzeihbare – Grund seiner Verzögerung war. Ein großer Aufkleber in unserem Bus zeigte, dass Essen und Trinken während der Fahrt verboten waren. Mit einer kurzen und leisen Frage an unseren Fahrer: “dürfen wir bitte während der Fahrt unser Bier konsumieren?” -, deutete ein kaum wahrnehmbares Nicken darauf hin, dass wir unser “Zweitfrühstück” öffnen dürfen.

Bei der Ankunft in Urbina ist jede(r) vom imposanten Chimborazo verzaubert.

Es ist bekannt, dass der Konsum des goldenen, edlen Safts von häufigem Harndrang begleitet wird. Obwohl wir mit einem Fernbus unterwegs waren, stellte das Wasserlassen ohne Toilette eine große Herausforderung dar. Gerade als wir Quitumbe, den wichtigsten Busbahnhof der Hauptstadt, verließen, setzte schon bei mehreren die harntreibende Wirkung des Biers ein. Ich warnte unseren Fahrer vorsichtig, dass es im Bus große Probleme geben würde, wenn wir nicht bald für ein paar Minuten anhielten. Glücklicherweise hielten wir nach zwanzig Minuten an einer Tankstelle außerhalb der Stadt an, so nutzten wir alle die bestimmt “lebensrettende” Pause.

Als wir die hügelige grüne Landschaft erblickt haben, glaubten wir nicht wirklich, dass wir in der Höhenlage von über 3.500 Metern wanderten.

Nun aber, nach der kurzen Anekdote kehren wir zu unserem aktuellen Reiseziel zurück. Wir stiegen auf der entlang der Panamericana laufenden Straße der Vulkane bis zu 3.600 Metern auf, und verließen – sehr wahrscheinlich zur großen Erleichterung des Fahrers und der anderen Passagiere – am Fuße des Vulkans mit weißem Kegel unseren Bus. Als wir den Bus verlassen haben, befanden wir uns praktisch sofort in einer wildromantischen Umgebung. Das besondere dünn besiedelte Gebirgstal hat uns alle umgehauen. Es ist kaum zu glauben, dass uns in den nächsten zwei Tagen eine natürliche Umgebung von so beeindruckender und seltener Schönheit erwartet!

Je höher man kommt, umso karger wird die Landschaft. Die Vegetation geht zurück oder verschwindet vollständig. Die einzige Pflanze die dennoch hier gedeiht, ist das Ichu-Gras.

Trotz des leicht bewölkten Wetters am Morgen erschien rechts vor uns der neblige Gipfel des mystischen Vulkans Carihuairazo, und für kurze Zeit tauchte auch der Riese des mittleren Zweigs der ecuadorianischen Anden, der markante Chimborazo, auf. In der Höhenlage und in der spürbaren schroffen Kälte freuten wir uns auf den bei der Ankunft servierten Aperitif, das heiße alkoholische Andengetränk von Canelazo.

Ein altes Holzschild wirbt für die Schutzhütte und mein heißes Lieblingsgetränk aus der Andenregion von Ecuador.

Jede Minute, die man mit dem erfahrenen Rodrigo auf dem Berg verbringt, ist ein riesiges Erlebnis. Mein ecuadorianischer Freund hat unendlich viele aufregende Andengeschichten.

Rodrigo betreibt eine Berghütte in Urbina, die das perfekte Zuhause für Bergwanderer darstellt. Der bärtige Ecuadorianer ist eine lokale Kletterlegende, die unter anderem eine Rekordzahl an Anstiegen auf dem höchsten Berg Ecuadors verzeichnet. Unser Gastgeber mit jahrzehntelanger Erfahrung als Bergführer ist daher mit den Vulkanen in den ecuadorianischen Anden bestens vertraut.

Ich bin überaus glücklich, da ich den nördlichen Nachbar des Chimborazo, den Carihuairazo-Vulkan (sein Name bedeutet “Berg des Windes”) bei klarem Wetter fotografiere.

Unsere derzeitige Bergunterkunft befindet sich in beeindruckender Lage. Von Alta Montaña, gegenüber dem stillgelegten Bahnhof von Urbina, ist der Chimborazo fast immer sichtbar. Apropos, außergewöhnliche Eisenbahnlinien, die die Anden überqueren. Der Ferrocarril Transandino verkehrte seiner Zeit von der Berghauptstadt Quito über Urbina nach Guayaquil an der Pazifikküste. Heute ist die Eisenbahnlinie bis auf wenige Ausnahmen praktisch nicht mehr existent. Allein die Stadt Alausí verfügt über ein 12 Kilometer langes Teilstück, auf dem der Andenzug – auf dem steilsten Eisenbahnparcours der Welt – 800 Meter Höhenunterschied überwindet.

Der Sonnenuntergang ist auch von der höherliegenden Schutzhütte ein wunderbarer Anblick.

Zum Zeitpunkt unserer Ankunft war Rodrigo noch in Riobamba unterwegs, also unternahmen wir nach dem sehr leckeren Mittagessen unseren ersten Akklimatisierungsspaziergang ohne ihn. Auf den umliegenden Hügeln und Wanderwegen konnte man die Höhen und den vorherrschenden geringeren Luftdruck spüren, aber zum Glück haben alle die kleine Wanderung gut überstanden. Die aufregendere Distanz – wenn wir uns über 4000 Meter befinden – wird erst am nächsten Tag kommen.

Schöne Páramo-Landschaft begrüßt uns in den Mittelanden auf 4000 m.

Im Morgengrauen stand ein Teil der Gruppe früh auf, um bei Sonnenaufgang den größten Vulkan in der Andenvulkanzone Ecuadors zu beobachten und zu fotografieren. Wir ließen die kleinen Rucksäcke im Jeep und machten uns auf den Weg zu Rodrigos anderem Unterschlupf, der sich auf über 4000 m befindlichen Schutzhütte von Urcohuasi.

Mit Hilfe von Freiwilligen baute Rodrigo über mehrere Jahre hinweg seine neue Berghütte.

Páramo-Pflanzen, die von unserem derzeitigen Gastgeber gepflanzt wurden, schmücken den Eingang von Urcohuasi.

Wochen zuvor – nach meiner Fünftausender-Tour auf dem Chimborazo – war ich schon mal bei Urcohuasi, um die Umgebung zu entdecken und zu prüfen, ob es auch die weniger aktiven Mitglieder meiner Gruppe bis zum Hochgebirgsgelände schaffen würden. Mit Ausnahme von Barna, der mich vor Jahren in der hochgelegenen Umgebung von Peru und Bolivien besucht hatte, hatte noch keine(r) von der Gruppe eine Nacht über 4.000 m verbracht. Der lokale experte Rodrigo begleitete uns zur Berghütte von Urcohuasi. Der sympathische Bergführer erzählte uns zahlreiche Geschichten über die Anstiege alter Zeiten, über die Trümmer eines in den 1970er Jahren abgestürzten und verschwundenen Flugzeugs, die er mit einem anderen Bergwanderer fand. Der Ecuadorianer meinte weiterhin, dass er demnächst bald die untere Schutzhütte von Alta Montaña verkaufen würde… Wohlhabende Investoren wollen sein Haus kaufen, um an seiner Stelle ein modernes Hotel zu errichten. Langsam, aber sicher näherten wir uns auf einer alternativen Route seiner neuen Berghütte, von der man bei schönem Wetter bis zu 7 (!) Vulkane beobachten kann.

Sollte Rodrigo die Berghütte von Alta Montaña wirklich verkaufen, hoffe ich, dass wir zumindest nach Urcohuasi zum Wandern wiederkommen können!

Obwohl wir Espeletia, eine der charakteristischen Elemente der Páramo-Vegetation, erst beim Berghaus auf 4100 m zu sehen bekommen, sind wir von der bemerkenswerten Vielfalt der Páramo-Pflanzen beeindruckt.

Obwohl sich die Páramo-Vegetation am Nordhang vom Chimborazo stark von der dominierenden Flora der ähnlich hohen Gebiete Ecuadors oder Kolumbiens unterscheidet, haben wir uns auf dem noch immer spektakulär wirkenden Gelände in die Richtung unseres Ziels bewegt. Als wir die Hütte von Urcohuasi erreichten, besetzten wir unsere Zimmer – in der wunderschönen Umgebung des Hochgebirges bevorzugte ich selber das Zelten – und nach einem herzhaften Mittagessen unternahmen diejenigen, die noch genug Kraft hatten, eine weitere Wanderung.

Wir leben uns schnell in Urcohuasi ein und genießen die Ausblicke auf die imposante Landschaft.

Geniales Zeltlager am Fuß vom Chimborazo.

Peti ist so begeistert, dass er sogar den Chimborazo besteigen würde.

Zusammen mit Rodrigo wanderten wir als Abschluss des Tages noch höher und erreichten einen Wasserfall. Bei diesem Punkt befanden wir uns dem Chimborazo am nähesten. Die Höhenkrankheit erwischte am Nachmittag heftig unsere Virág, die sich am nächsten Tag genug erholt fühlte und problemlos mit dem Rest der Gruppe zum Alta Montaña abstieg.

Vier von uns unternehmen einen weiteren Hochgebirgsausflug mit Rodrigo.

Wir nähern uns der Schneegrenze.

Die Sonnenuntergänge in Urcohuasi sind etwas ganz Besonderes.

Csilla und Peti sind hartnäckig und überlegen nicht zweimal, um mit dem Jeep zu unserem gestrigen Ausgangspunkt zurückzukehren.

Wir nähern uns auf den Bahngleisen von Urbina der Zivilisation.

Traditionelle hausgemachte Pálinka zur Feier nach der erfolgreichen Andentour.

Im Museum der höchstgelegenen Bahnstation Ecuadors treffen wir auf den Eismann vom Chimborazo.

Wir verabschiedeten uns von Rodrigo und versprachen uns gegenseitig, uns in ein paar Wochen in der Stadt von Baños wieder zu begegnen. Über Ambato ging es mit einem privaten Bus zu unserer Unterkunft in Quito zurück. Jetzt ruhen wir uns schnell aus, packen unsere Rucksäcke aus Neue und steigen dann in einen Nachtbus. Es geht nach Lago Agrio, der ecuadorianische Dschungel wartet auf uns!

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