Nach El Coca machte ich einen Abstecher ins Dschungeldorf Nuevo Rocafuerte, wo ich im Rahmen einer abwechslungsreichen und aufregenden Dschungeltour den artenreichsten Urwald der Welt kennenlernte. Ich erlebte einzigartige Abenteuer im Labor der Evolution!

Ich habe nicht mehr so viel Zeit, um abseits der ausgetretenen Touristenpfade Ecuadors unterwegs zu sein. Die erste Hälfte der von mir selbst geführten Reisegruppe trifft in einer Woche ein, während die restlichen Teilnehmer kurz nach Silvester folgen. Bevor ich Reisegäste empfange, ist es bei mir üblich, dass ich mich von der Welt in die Berge zurückziehe, um wandern zu gehen und nach Inspiration zu suchen. Während dieser Zeit – normalerweise in großer Höhe – ruhe ich mich vollständig aus und bereite mich auf die vielfältigen Aufgaben als Reiseleiter vor. Da ich letzte Woche am Stratovulkan Chimborazo auf 5000 m zeltete und so ein unvergessenes Trekking in der Höhenlage erlebte, beschloss ich, meine Gewohnheit ein wenig zu ändern, um eine andere inspirierende und ruhefördernde Umgebung zu finden.

Die einzigartige Natur lässt sich nicht mit Worten beschreiben.

Täglicher Güterverkehr auf dem Río Napo.

Obwohl ich schon öfters in Ecuador gewesen bin, habe ich bisher aus einem eher unbestimmten Grund nie eine richtige Dschungeltour im Amazonasbecken unternommen. Das Land Ecuador ist jedoch sehr reich und vielfältig an geschützten und stark geschützten Pflanzen- und Tierarten. Das sympathische kleine Land unter dem Äquator beherbergt einen großen Liebling der Rucksacktouristen, nämlich das 600.000 Hektar umfassende Biosphärenreservat Cuyabeno, von dem der Großteil primärer Regenwald ist. Eine Besonderheit des Wildtier-Reservats ist, dass die mit Wasser überfluteten dichten Wälder eine unglaublich reiche tropische Flora und Fauna verbergen, die noch längst nicht vollständig erforscht sind.

Ich werde in ein paar Wochen mit meiner Reisegruppe in die Tiefen des unberührten Cuyabeno gelangen. Dieses Mal hatte ich daher vor, ins zum UNESCO-Weltkulturerbe zählende Naturschutzreservat von Yasuní, in dem sich von der Außenwelt abgeschieden lebenden Stämme der Tagaeri und Taroemanane befinden, zu fahren.

Es ist ziemlich leicht, am Río Napo Silberreihern zu begegnen.

Was für eine Erfahrung mit Delfinen! Ganz besonders wenn sie sich so nah an unser Boot heranwagen.

Ich wollte sehr gerne eines der letzten unberührten Dschungelgebiete im Amazonastiefland besuchen, allerdings war ich mir unsicher, wo ich mein Dschungelabenteuer beginnen sollte. Es ist allgemein bekannt, dass die meisten Reisenden eine Dschungel-Lodge mit All-inclusive-Verpflegung in der Umgebung von Puerto Francisco de Orellana (ursprünglicher Name El Coca) buchen. Ich wollte mir die bestimmt außergewöhnlichen Lodge-Unterkünfte, die eher die obere Schicht anziehen und das versprochene Luxuserlebnis diesmal nicht leisten.

Im Regenwald des Amazonasbeckens wollte ich lieber andere Impulse erleben. Ich sehnte mich eher nach einer ähnlichen Erfahrung, wie jener die ich vor Jahren im atemberaubend schönen Nationalpark Pacaya Samiria erlebt habe. Ich habe im Jahr 2018 die reiche und außergewöhnlich vielfältige Flora und Fauna des peruanischen Niedrigen Dschungels (Selva Baja) kennengelernt, indem ich im Kanu zusammen mit meinem Guide um die 100 km gepaddelt bin.

Anspruchsvolle Regenwaldherberge irgendwo unweit von El Coca.

Bereit für das Abenteuer Yasuní!

Wir zelten unter einer authentischen offenen Holzstruktur.

Ein ähnlich unverfälschtes und aufregendes Abenteuer wäre nur sehr schwer zu wiederholen, aber Nuevo Rocafuerte versprach eine regelrechte Robinsonade. Wo genau liegt denn dieser eher unentdeckte und nur von ganz wenigen bereiste Destination? Das Dschungeldorf nahe der ecuadorianisch-peruanischen Grenze ist der am weitesten östlich gelegene Ort Ecuadors und zählt rund 300 Einwohner. Die nächstliegenden Straßen sind etwa 250 km entfernt.

Die kleine Ansiedlung am Río Napo hat einen neuen Malecón, von dem aus der Sonnenuntergang traumhaft schön zu erleben ist.

Cabo Pantoja gehört bereits zu Peru.

Abenteurer, die das gigantische Flusssystem des Amazonasbeckens mit dem Boot bereisen, kommen in der Regel auch ins abgelegene Nuevo Rocafuerte. Nachdem einige von denen ein kleines Dschungelabenteuer im Yasuní-Nationalpark unternommen haben, setzen sie auf dem Río Napo ihre Flussexpedition fort. Da es an der Dorfgrenze keinen offiziellen Grenzübergang gibt, unternehmen viele – ungewollt – den etwa 300 Kilometer langen Flusslauf zwischen El Coca und Nuevo Rocafuerte dreimal, um ihre Pässe bei den örtlichen Behörden in El Coca abstempeln zu lassen.

Den Kot und die Spuren der Tapire finden wir, allerdings lässt sich das Tier leider nicht sehen…

Meine aktuellen Dschungelpartner, Manuel und Andrea, können die extremen Regenfälle vorerst noch aushalten.

Wie im Amazonasbecken üblich, fahren sowohl schnelle, als auch langsame Boote den Fluss rauf und runter. Erstere fahren ziemlich schnell, das sind ungefähr 300 km zwischen El Coca und Nuevo Rocafuerte und es braucht ca. 4,5 Stunden. Es ist aber Vorsicht geboten. Bei den meisten Fahrgästen ist Übelkeit und Seekrankheit fast garantiert. Glücklicherweise habe ich bisher immer die Reisekrankheit vermieden. Da meine Dschungeltour erst am Tag nach meiner Ankunft beginnt, habe ich wirklich genug Zeit, daher entscheide ich mich für das langsame Boot. Ich spare damit eine bescheidene Summe Geld und habe noch dazu die Möglichkeit, die sonst recht eintönige Landschaft ein paar Stunden länger zu beobachten.

Auch wenn die Amazonas-Landschaft nicht so spektakulär wie erwartet ist, sorgen die süßen Kinder für tolle Schnappschüsse.

Yasuní, einer der wertvollsten Gebiete der Welt, ist seit 7-8 Jahren vom Erdöl-Wahn bedroht.

Seit Beginn der Ölförderung inspizieren ecuadorianische Soldaten bestimmte Gebiete des Río Napo.

Während in El Coca viele Reisebüros und Reiseleiter tätig sind, haben in der winzigen Grenzstadt insgesamt nur drei einheimische Familien die Erlaubnis, den Nationalpark zu betreten und dort Dschungeltouren anzubieten. Da die Zeit zu knapp war und ich schon um Weihnachten nach Quito zurückkehren musste, kontaktierte ich alle drei Anbieter im Voraus, um so viele Informationen wie möglich über den Besuch des Naturparadieses Yasuní zu erhalten. Ich wollte nicht tagelang in Nuevo Rocafuerte auf eine Expedition warten und am Ende vielleicht ohne Regenwalderlebnis in die Hauptstadt Ecuadors zurückfahren. Es wäre fatal gewesen.

Die Gelbbürzelkassike lässt sich relativ leicht fotografieren.

Der Mexikotagschläfer wurde zu meiner großen Freude mit Hilfe von Raul erblickt.

Die nächtliche Bootstour bringt ihre Resultate.

Ich hätte nicht die Gelegenheit und Zeit gehabt, tagelang im Dschungeldorf auf andere Interessierte zu warten, also entschloss ich mich nach diverser Korrespondenz für eine 3-tägige Tour mit dem jungen Raul, der vor einigen Jahren zusammen mit seinem Bruder Luís das Familienunternehmen übernommen hatte. Ich erfuhr von den beiden, dass eine Familie aus Quito – der Universitätsprofessor Manuel und seine Tochter Andrea, die ein halbes Jahr im lokalen Krankenhaus gearbeitet hat – Monate zuvor schon einen Termin für ein Dschungelabenteuer gebucht hatte, dem ich mich problemlos anschliessen durfte.

Einige Bilder der Fauna rund um die Laguna Jatuncocha.

Weder direkt in Nuevo Rocafuerte noch unweit der Ansiedlung gibt es eine Unterkunft in einer luxuriösen Ecolodge. Unsere Unterkunft war daher eine offene Holzkonstruktion bei der Laguna Jatuncocha, unter der wir zwei Nächte in unseren Zelten verbrachten. Der jüngere Bruder Luís navigierte, während Raul die Gruppe leitete und für uns kochte. Die meiste Zeit verbrachten wir in unmittelbarer Nähe der Lagune und am Río Yasuní.

Der starke Regen lockt die Frösche auf Wanderschaft.

Das Regenwetter stellt meine Guides ständig vor neue Herausforderungen.

In einem Naturreservat, das für seine biologische Vielfalt als äußerst wertvoll angesehen wird, konnte ich in drei Tagen fast hundert verschiedene Vögel und Tiere beobachten, darunter ein halbes Dutzend Königsgeier – das erste Mal, dass ich diese Neuweltgeier in ihrer natürlichen Umgebung erlebte! – viele Riesenotter und auch Delfine in verschiedenen Farben. Leider hatten wir Riesenpech mit dem Wetter. Es hat jeden Tag wie aus Eimern geschüttet. Wenn es nicht ausreichend geregnet hat, sind wir durch den hüfttiefen Sumpf gewatet

Als der massive Regen aufhörte, lud uns Raul zu einem einzigartigen Sumpfspaziergang ein.

Wir folgen ihm blind in der Hoffnung auf ein besonderes Erlebnis.

Bereits am zweiten Tag hatte ich das Gefühl, dass der aus Quito stammende Professor eindeutig die Höchstgrenzen seiner Leistung und Toleranz erreicht hatte. Das schlechte Wetter hat mich selbst überhaupt nicht gestört. Ganz im Gegenteil. Ich fand die außergewöhnlichen Herausforderungen und die Situationen besonders aufregend und genoss die Tatsache, dass der Dschungel bei diesem Wetterphänomene ein völlig anderes Gesicht zeigte.

Der Königsgeier ist ein ziemlich seltener Vogel im Yasuní. Dennoch hatten wir an einem Nachmittag Riesenglück, als wir auf ein halbes Dutzend trafen. Riesige Erfahrung!

Am zweiten Morgen unserer Dschungeltour lärmen im Wasser und am Ufer Riesenotter.

Neben den zahlreichen Tieren und Vögeln gab es während unserer 3-tätigen Expedition noch eine weitere interessante Erfahrung. Nach dem Kosten gegrillter Chontacuro-Würmer in El Coco probierte ich im Yasuní eine weitere Spezialität des Dschungels aus. Mir wurde vom Raul Zitronenameise (Myrmelachista schumanni) zum Probieren angeboten. Und ich konnte tatsächlich einen leichten Zitronengeschmack feststellen. Die Zitronenameise pflegt mit ihrer Wirtspflanze eine Symbiose. Aufgrund des biochemischen Abwehrmechanismus töten die Zitronenameisen innerhalb von 24 Stunden in einem bestimmten Gebiet alle Pflanzen außer ihrer Wirtspflanze ab, indem sie ihnen Ameisensäure in die Blattbasis injizieren. Das Ergebnis sind große leere Flecken im Regenwald, sogenannte “Teufelsgärten.”

Die Zitronenameise schmeckt köstlich!

Wenn Du nach Nuevo Rocafuerte kommst, frag nach den Geschwistern Raul und Luís! Ein unvergessliches und unvergleichliches Erlebnis ist garantiert!

Trotz des massiven Regens und den sumpfigen Abenteuern lohnte es sich, aufgrund seines enormen Artenreichtums einen beeindruckenden Einblick ins intakte Naturschutzgebiet Yasuní zu erhalten. Ich bin mir sicher, dass ich nicht zum letzten Mal die vielfältigsten Naturgebiete der Welt besucht habe. Nun geht es aber über El Coca nach Quito zurück, ich muss in ein paar Tagen meine Gäste empfangen!

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