Gipfelbesteigungen in Lateinamerika finde ich seit einiger Zeit nicht mehr so attraktiv, nichtsdestotrotz wurde ich von den beeindruckend hoch aufragenden Sanddünen des Cerro Blanco verführt. Am höchsten Punkt der “Mutter aller Dünen” angekommen, war ich von der tollen Aussicht verzaubert. Es fühlt sich gut an, wieder in Peru zu sein.

Das Süd-Pantanal wurde die letzte Station meiner Reise in Brasilien. Von hier aus machte es Sinn, mein Lieblingsland Richtung Bolivien zu verlassen. Die Richtung stimmte, ich musste nämlich als nächstes nach Peru. Ich wäre mit dem Zug vom Grenzort Puerto Quijarro nach Santa Cruz de la Sierra gefahren, allerdings konnte ich aufgrund der Waldbrände im Amazonasgebiet – mehr als zwei Millionen Hektar Tropenwald und Weide gingen verloren – das wirtschaftliche Zentrum der weiten Pampas im Südosten Boliviens nur mit dem Bus erreichen. Von hier flog ich nach La Paz und dann weiter nach Cusco.

Cerro Blanco ist eines der unglaublichsten Naturphänomene Perus.

Ich habe nicht so viel Zeit in der ehemaligen Hauptstadt des Inkareiches verbracht, wo ich ohnehin in ein paar Wochen zurückkehre. Diesmal fand ich es wichtiger, ein paar Dinge in Nazca für eine vierköpfige Reisegruppe aus Ungarn vorzubereiten, die in Kürze zweieinhalb Wochen in Peru verbringen wird. Die Reise wird vom Reiseveranstalter Mirador Adventures organisiert. Ich habe Endre, den Gründer von Mirador, und seine Partnerin Erika in einer der Unterkünfte des viertägigen “W”-Treks im Nationalpark Torres del Paine im Jahr 2014 kennengelernt. Seitdem besteht unsere freundschaftliche Beziehung.

In der Nähe von Nazca erhebt sich der Cerro Blanco bis auf 2.080 Meter über dem Meer.

Als ich nach den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro noch intensiver die lateinamerikanischen Länder erkundete und auch Reisen veranstaltete, beschloss ich zusammen mit Endre, das bereits vielfältige und umfangreiche Reiseangebot von Mirador um Brasilien und eine deutschsprachige Webseite zu erweitern. Leider ist unsere geplante Reise nach Nordbrasilien bis heute noch nicht zustande gekommen, aber eine klassische Reise durch Südperu, die ich demnächst auf Wunsch von Endre leiten werde, ist gewichen. Das war der Grund warum ich mich in der für ihre rätselhaften Geoglyphen bekannten Stadt befand.

Der Trampelpfad führt vorerst auf steinigen Abschnitten.

Bevor eine neue Reisegruppe eintrifft, ist es eine wichtige Tradition, mich für ein paar Tage in die Berge zurückzuziehen, mich zu entspannen und möglichst aktiv zu wandern. Hoch oben in den Bergen – normalerweise in den Anden – passen dann alle Details für die Reise in meinem Kopf zusammen. Nach dem Berg-Retreat bin ich bereit, meine Gäste zu empfangen. Vor der Ankunft der Mirador-Gruppe wäre Cusco und seine Umgebung ein idealer Ort für ein solches aufregendes Abenteuer gewesen, aber ich habe vor Jahren die meisten Wanderattraktionen dort schon mal besucht, deshalb habe ich mit viel Aufmerksamkeit Informationen über die riesigen Sanddünen in der Nähe von Nazca gelesen, welche die höchsten der Welt sind.

Das Gelände am Fuße der Riesendüne ist von karger Wüstenvegetation geprägt.

Ich liebe Sanddünen, daher stand außer Frage, dass ich, wenn ich die Gelegenheit dazu hätte, die höchste der unzähligen Dünen erklimmen würde. Wenn es um Peru und eine interessante natürliche geographische Formation mit Sand geht, würden die meisten Reisenden an die paradiesische Wüstenoase Huacachina denken, die von bis zu 100 Meter hohen Sanddünen umgeben ist. Der höchste Punkt der Dünenlandschaft mitten in der Sandwüste um Huacachina beläuft sich auf ca. 100 Meter. Ich wagte gar nicht, daran zu glauben, dass ich bald auf dem über 2.000 m hohen Cerro Blanco stehen würde, der sich sogar zwanzigmal höher erhebt.

Mit dem Sonnenaufgang zeigt sich die reizvolle Bergwelt immer schöner.

Vergebens habe ich mir sechs Jahre nach der erfolgreichen Besteigung des Nevado Chachani – nach meinem ersten 6.000er – geschworen, dass ich künftig nicht mehr Berggipfels erklimmen, sondern eher das Trekking bevorzugen würde. Der erwartete besondere Anblick vom Gipfel des riesigen Sandhaufens überzeugte mich aber schnell und ich begann ein ungewöhnliches Abenteuer zu erleben.

Dünengebiet mit spärlicher Vegetation bedeckt.

Ich hatte die bisher schönste Erfahrung mit sandigen Hügeln im Nationalpark Lençóis Maranheses, als ich die brasilianische Sahara in vier Tagen trotz einer Hitze von 35-40 Grad zu Fuß durchquerte. Nach der Erfahrung in Nordbrasilien wusste ich, dass es sich aufgrund der enormen Mittagshitze lohnen würde, schon im Morgengrauen bei angenehmer Kühle mit dem Erklimmen des Cerro Blanco zu beginnen.

Sand wohin das Auge reicht.

In Peru ist es sehr einfach, privaten Transport zu finden. Die einzige Herausforderung stellt die Preisverhandlung dar. Es lohnt sich daher, gleichzeitig mit mehreren Fahrern zu reden, um den besten Preis zu bekommen. Ich hatte bei den berühmten Cantalloc-Aquädukten Glück, da eine der am Eingang wartenden Personen den Weißberg gut kannte. Sobald wir uns einig waren, verabredeten wir uns für den nächsten Tag morgens um fünf Uhr vor meiner Unterkunft. Der sympathische Peruaner würde mich dann zum Ausgangspunkt der Wanderung fahren.

Die Anstrengung lohnt sich wegen des grandiosen Ausblicks.

Der Cerro Blanco wurde erstmals 1994 von einem peruanischen Wanderer namens Saul Ceron erklommen, der sich seitdem selbstständig gemacht hat und hauptsächlich Sandboard-Enthusiasten an die Spitze der Hügel bringt. Ich wusste, dass ich in ein paar Wochen in Huacachina die Gelegenheit haben werde, die spaßige Abenteuer-Aktivität mit dem Holzbrett zu erleben, so habe ich es – obwohl es bestimmt verlockend gewesen wäre, 800 Meter an den Hängen abzusteigen – lieber aufgegeben, das gepresste Holzbrett stundenlang zu tragen.

Blick vom Gipfel der höchsten aller Dünen.

Meine einfache Vorbereitung für die sandige Angelegenheit waren, zwei Liter Flüssigkeit, ein paar Müsliriegel und das wesentliche Sonnenschutzmittel zu besorgen bzw. die Offline-Karte von maps.me herunterzuladen. Auf der Straße nach Cusco etwa 23 km von Nazca entfernt befindet sich der Startpunkt der Tour. Die Wanderung endet auf der Hauptstraße bei km 9. Mein peruanischer Chauffeur hielt sein Versprechen und erschien genau um fünf Uhr, so begann noch im Dunkeln die lange aufsteigende Fahrt auf steilen Serpentinen.

Am Ende der kurvenreichen Bergstraße zu einem Ausläufer der Anden beginne ich meine ungewöhnliche Wanderung.

Gegen halb sechs, noch im Stockdunkeln, ließ mich der Fahrer am Straßenrand hinaus und beleuchtete mit beiden Scheinwerfern seines Autos den Beginn des Pfades Richtung Spitze des Berges, auf dem ich die Sandhügel des heiligen Berges ‘Yuraq Orqjo’ (in Quechua Weißberg) erreiche. Meine Stirnlampe und das Licht des Mondes beleuchteten den Wanderweg, der neben tiefen Schluchten führte. Mir ging es bei der Wanderung sehr gut. Es dauerte ungefähr eine Stunde, bis ich den Fuß des ersten Sandfelds erreichte, von wo aus ich bereits im Sand marschierte.

Steinhaufen helfen bei der Orientierung.

Kakteen färben die Landschaft.

Rundum nichts als Sand, Hügel hinter Hügel, endlos nach allen Richtungen. Aufgrund meiner früheren Erfahrungen in der Sandwüste vermutete ich, dass die Wanderung von hier aus – mit beeindruckenden Sichten – wirklich anstrengend sein würde. Es brauchte oft ein sehr gutes Auge, Intuition und viel Glück, um den richtigen Pfad im Sand zu finden. Immer steiler und verwinkelter wurden die Sandhänge, je weiter ich mich dem Gipfel näherte. Erst in der letzten halben Stunde vor dem Ziel wurden die Hügel sanfter. Die Ausläufer der Anden entlang der Westküste Südamerikas zeigten sich in alle Richtungen und ich fühlte mich meinem Ziel nahe.

Die Dünen liegen höher als das hohe unbewaldete Bergland.

Wüstenatmosphäre pur.

Der Aufstieg auf den Sandriesen dauerte zwei Stunden und zwanzig Minuten. Gegen acht Uhr in der Früh erreichte ich den Gipfel des 2.080 Meter hohen Sandbergs Cerro Blanco. Bei klarem Wetter konnte ich die Vorsprünge der zerknitterten Berge unter mir gut beobachten. Nachdem ich viele Fotos geknipst habe, musste ich nur noch den sinkenden Sand auf den großen Sandhängen hinunterlaufen. Es machte mir überhaupt nichts aus, dass sich meine Schuhe nach kürzester Zeit mit Sand gefüllt haben. Ich leerte am Fuße der Düne den Sand aus und ging über das Tal zurück zur Hauptstraße, wo bereits das erste Auto anhielt und mich zurück in die Innenstadt von Nazca brachte.

Die Hauptstraße erscheint im Tal, aber ein ca. 800 Meter steiler Sandhang wartet noch auf mich.

Nach dieser ungewöhnlichen Adrenalintour zur weltweit höchsten Düne fühle ich mich bereit, die Mirador-Gruppe darf kommen!

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